Michel Piccoli
Reuters/Yves Herman
1925–2020

Michel Piccoli ist tot

Die französische Filmlegende Michel Piccoli hat in ihrer mehr als 60-jährigen Karriere in über 220 Filmen gespielt und dabei die unterschiedlichsten Charaktere verkörpert. Am 12. Mai verstarb Piccoli im Alter von 94 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls – „in den Armen seiner Frau Ludivine und seiner Kinder Inord und Missia“, wie die Familie am Montag mitteilte.

Piccoli gehörte zu den seltenen Akteuren, die immer ein wenig geheimnisvoll blieben, auch wenn sie zum zigsten Mal die Rolle eines Liebhabers, Mörders oder betrogenen Ehemanns spielen. Seine Gesten und Bewegungen werden jedes Mal zu einer Offenbarung. Diese Kunst, ungeahnte Details zu enthüllen, wussten viele Regisseure zu nutzen, unter ihnen Jean Luc-Godard. In „Die Verachtung“, ein Film über einen Drehbuchautor, dessen Ehe bei den Arbeiten zu einem Odysseus-Projekt zerbricht, ließ er Piccoli an der Seite von Brigitte Bardot den schwächlichen Ehemann spielen.

Nicht weniger erfolgreich arbeitete Luis Bunuel mit diesem Flair der gewissen Undurchsichtigkeit und drehte mit Piccoli gleich drei Klassiker der Filmgeschichte: „Tagebuch einer Kammerzofe“, „Schöne des Tages“ und „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“. 2010 bat ihn schließlich Regisseur Nanni Moretti vor die Kamera: als depressiven Papst in „Habemus Papam“.

Fotostrecke mit 6 Bildern

Michel Piccoli mit Trophäe des 60. internationalem Film-Festivel in Locarno
AP/Martial Trezzini
Noch 2007 erhielt Michel Piccoli in Locarno für die einfühlsame Interpretation eines arm und einsam sterbenden Greises in „Sous les toits de Paris“ den Leoparden für den besten Darsteller
Michel Friedman und Michel Piccoli am Heldenplatz in Wien
AP/Martin Gnedt
Am 19. Februar 2000 versammelten sich mehr als 250.000 Menschen auf dem Heldenplatz in Wien, um gegen die ÖVP-FPÖ-Regierung zu demonstrieren. Darunter auch Piccoli, hier an der Seite des Publizisten Michel Friedman.
Michel Piccoli und Jean-Luc Godard
AP/Jean-Jacques Levy
Piccoli galt als ganz großer Star des französischen Kinos und als besonders vielseitiger Darsteller. Er spielte unter namhaften Regisseuren wie Jean-Luc Godard.
Michel Piccoli und Liv Ullmann
AP/Jean-Jacques Levy
Piccoli spielte auch an der Seite der Norwegerin Liv Ullmann, der Ikone von Ingmar Bergman
Juliette Greco mit ihrem Ehemann Michel Piccoli
AP/Micol
Von 1966 bis 1977 war Piccoli mit der „Grande Dame de la chanson“, Juliette Greco, verheiratet
Michel Piccoli
APA/AFP/Manoocher Deghati
Große Erfolge feierte Piccoli bin ins hohe Alter auch auf der Bühne – hier zu sehen im September 2001 im Pariser Theater Edouard VII an der Seite von Anne Brochet

„Monsieur Cinema“ mit schwindendem Gedächtnis

Zu jenen, die sein schauspielerisches Talent am besten auf den Punkt brachten, gehörte die im Vorjahr verstorbene Regielegende Agnes Varda. „Er versteht es, seine Kunst zu verbergen, weil er die Gabe hat, sie sparsam einzusetzen.“ Für sie spielte er in „Hundert und eine Nacht“ – eine Komödie und eine Hommage auf hundert Jahre Filmkunst. Darin gab Piccoli Monsieur Cinema, einen alten Mann, der die ganze Filmgeschichte Revue passieren lassen will. Doch leider lässt sein Gedächtnis nach. Etwas, was auch Piccoli widerfahren ist. Er wünsche sich, dass er ewig weiterspielen könne, meinte der Mime zu seinem 90er. Doch leider werde es irgendwann ein Ende geben.

Trotz seiner Omnipräsenz auf der Leinwand – allein Bunuel wählte ihn für sechs seiner Filme – gewann Piccoli nie einen Cesar, das französische Pendant zum Oscar. Allerdings war er viermal für die Auszeichnung nominiert. Beim Filmfest von Cannes wurde er indes 1980 zum besten Darsteller für seine Rolle eines gequälten italienischen Richters in „Der Sprung ins Leere“ von Marco Bellocchio gekürt. Wenig später wurde er bei der Berlinale zum besten Darsteller in dem Film „Eine merkwürdige Karriere“ gewählt.

Michel Piccoli und Romy Schneider in Paris
AFP
Ab Ende der 60er Jahre war Piccoli häufig der Filmpartner von Romy Schneider

Wiederholt an der Seite von Romy Schneider

Gespielt hat der französische Schauspieler so ziemlich alles: den leidenschaftlichen Liebhaber, romantischen Verführer, kalten Zyniker, den Mörder, der Polizisten am Spieß brät („Themroc“), den verzweifelten Künstler in „Die schöne Querulantin“. Seine Meisterschaft erreichte Piccoli jedoch in der Verkörperung des Bourgeois. Wie kein anderer beherrschte er das Spiel der Lebenslügen („Das große Fressen“). „Ich wähle die Autoren oder die Texte oder die Regisseure aus, aber die Rollen sind mir egal“, sagte Michel Piccoli 1970 in einem Fernsehinterview.

Piccoli spielte mit zahlreichen Diven des Weltkinos: Brigitte Bardot, Catherine Deneuve, Sophia Loren, Ornella Muti und Jeanne Moreau. Doch gehörte Romy Schneider zu den Darstellerinnen, mit denen er am häufigsten auf der Leinwand zu sehen war, etwa in „Trio Infernal“, „Die Dinge des Lebens“ und „Die Spaziergängerin von Sans Souci“.

Erfolge auch auf der Bühne

Der Sohn einer Musikerfamilie italienischer Herkunft navigierte nicht nur mühelos zwischen den widersprüchlichsten Rollen, sondern wechselte ebenso häufig zwischen Film und Theater. Einige seiner größten Erfolge feierte Piccoli in Arthur Schnitzlers Tragikomödie „Das weite Land“, die der Schweizer Theaterregisseur Luc Bondy auch für die Leinwand bearbeitet hat, und in dessen Ibsen-Inszenierung „John Gabriel Borkmann“. 2006 brillierte er als König Lear und 2009 in der Titelrolle von Thomas Bernhards „Minetti“.

Michel Piccoli
AP/Andrew Medichini
„Ein Teil der Geschichte des französischen Kinos, der uns heute verlässt“, würdigte der frühere Präsident Francois Hollande Piccoli

Existenzialisten als Freunde

Piccoli war auch für sein linksgerichtetes politisches Engagement bekannt. Zu seinen Freunden zählten die Philosophen Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Seine Einstellung hielt ihn jedoch nicht davon ab, gegen die Repressionen im ehemaligen Ostblock zu protestieren und die Solidarnosc in Polen zu unterstützen. Piccoli setzte sich für Geschlechtergerechtigkeit und Flüchtlinge und gegen Rassismus und „entfesselten Kapitalismus“ ein. Zwar schloss er sich nie einer Partei an, unterstützte aber die sozialistischen Präsidentschaftskandidaten Francois Mitterrand und Francois Hollande in deren Wahlkämpfen.

Der französische Kulturminister Franck Riester würdigte Piccoli als einen „immensen Schauspieler“, der fehlen werde. „Vom Kino bis zum Theater beeindruckte er durch die unglaubliche Genauigkeit seines Spiels“, schrieb Riester auf Twitter. „Es ist ein Teil der Geschichte des französischen Kinos, der uns heute verlässt“, würdigte Hollande Piccolis Werk.