Besuch in einem Altenheim
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Empfehlungen

In Altersheime soll Alltag zurückkehren

In den heimischen Alters- und Pflegeheimen haben besonders strenge Maßnahmen gegen das Coronavirus gegolten. Sie sollen nun weitgehend gelockert werden. Das Gesundheitsministerium präsentierte am Dienstag entsprechende Empfehlungen – gemeinsam mit einer aktuellen Studie. Laut dieser hatte ein Drittel aller Menschen, die hierzulande an Covid-19 verstarben, in Alters- oder Pflegeheimen gelebt.

„Empfehlungen zur schrittweisen Rückkehr zur Alltagssituation in Alten- und Pflegeheimen“, sind die Leitlinien übertitelt, die Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) auf einer Pressekonferenz präsentierte. Sie wurden laut dem Minister in Zusammenarbeit mit Trägeroganisationen, Bewohnervertretungen und unter Einbeziehung von Expertinnen und Experten erarbeitet. Sie sollen Länder, Bezirksverwaltungsbehörden und auch die Träger dabei unterstützen, „weitere Lockerungen für Bewohnerinnen und Bewohner“ herbeizuführen.

Allerdings – das hielt Anschober mehrfach fest – sind die Empfehlungen allgemein formuliert. Laut dem Gesundheitsminister soll jede Einrichtung eine individuelle Risikoabschätzung vornehmen und ein Konzept für Besuche erstellen. Teil der Empfehlungen sind jedenfalls die allgemeinen Hygienepläne und Schutzmaßnahmen. Das heißt, auch beim Besuch in Altersheimen ist ein Abstand von einem Meter einzuhalten, auf Händeschütteln oder Umarmungen soll verzichtet werden. Dass Bewohnerinnen und Bewohner von ihrem Besuch durch eine Plexiglasscheibe getrennt sind, dürfte aber wohl der Vergangenheit angehören. Auch Kinder dürfen laut dem Minister wieder in Alters- und Pflegeheime zu Besuch kommen.

Cluster in Heimen „fast bei null“

Den Weg zu einer „Normalisierung“ begründete der Gesundheitsminister auch mit der Entwicklung der Fallzahlen. Während zu Beginn der Pandemie größere Cluster in Alters- und Pflegeheimen auftraten, sei man mittlerweile „fast bei null“, so Anschober. Er verwies auch auf die Screeningprogramme in den Betreuungseinrichtungen. Bisher seien rund 26.000 Bewohnerinnen und Bewohner und etwa 27.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter getestet worden. In Vorarlberg, Tirol und Salzburg sei sogar bereits bei allen in Alters- und Pflegeheimen beschäftigten Menschen zumindest einmal ein Test durchgeführt worden.

Rudolf Anschober und Elisabeth Rappold
APA/Roland Schlager
Rappold führte im Auftrag von Gesundheitsminister Anschober eine Studie zu den Fällen in Alters- und Pflegeheimen durch

Bis Montag wurden unter den 16.868 in Österreich verzeichneten Infektionen 833 im Rahmen der Kontaktverfolgung und Clusteranalysen der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) Alten- und Pflegeeinrichtungen zugeordnet. Insgesamt seien 0,3 Prozent aller Bewohnerinnen und Bewohner von Alters- und Pflegeheimen an einer Erkrankung mit Covid-19 verstorben, sagte Elisabeth Rappold. Die Pflegewissenschaftlerin steht bei der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) dem Bereich Pflege vor. Sie ist Mitautorin einer Studie, die der Ausbreitung des Coronavirus in Alters- und Pflegeheimen nachging. Erste Zahlen daraus stellte Rappold am Dienstag vor.

Drittel aller Verstorbenen aus Alters- und Pflegeheimen

Aus den Zahlen geht auch hervor, dass die Todesfälle unter Heimbewohnerinnen und -bewohnern rund ein Drittel aller Sterbefälle in Österreich ausmachten. Das hat auch damit zu tun, dass die Wahrscheinlichkeit, an einer Covid-19-Erkrkankung zu sterben, mit hohem Alter stark steigt. So starb in Österreich ein Drittel der Personen über 90 Jahre, bei denen eine Erkrankung mit Covid-19 festgestellt wurde, auch daran.

Während in Österreich 0,3 und in Deutschland 0,4 Prozent der Heimbewohner verstarben, sei dieser Anteil in Schweden mit zwei Prozent und in Belgien mit 3,7 Prozent deutlich höher, führte Rappold aus. Einen Vergleich mit anderen Ländern können man allerdings nur „mit Bauchweh“ anstellen, so Rappold. Das liegt laut der Gesundheitsexpertin in erster Linie an den unterschiedlichen Methoden, wie Covid-19-Todesfälle gezählt werden.

Strenge Hygienemaßnahmen zeigten Wirkung

Man habe jedenfalls auch hierzulande gesehen, dass in der ersten Phase der Epidemie „viele Infektionen in Pflegeeinrichtungen“ zu verzeichnen waren, so die Studienautorin. Die strengen Hygienemaßnahmen ab Ende März hätten dazu beigetragen, dass die „Zahlen dann ausschleichend“ waren und Ende April, Anfang Mai erste Lockerungen angestoßen werden konnten. Seither „ist es nur noch zu vereinzelten Infektionen gekommen“, die nunmehrige Annäherung an die Normalität „steht auf guter Basis“, sagte Rappold.

Rückkehr zum Normalbetrieb in Alters- und Pflegeheimen

Nach ersten Lockerungsschritten sei es jetzt Zeit für eine vollständige Normalisierung des Lebens in den Heimen, sagte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) am Dienstag.

Auf die bereits am Beginn der Pandemie bekannte besondere Bedrohung für diese gesellschaftliche Gruppe habe man mit Schutzkonzepten reagiert, die vor allem darauf abzielten, „Einschleppungen“ von Fällen zu verhindern. Das sei „durchaus beachtlich gelungen“, trotzdem gab es auch hierzulande „viele Fälle“, räumte Anschober ein. Der Gesundheitsminister gestand auch ein, dass strenge Schutzmaßnahmen zugleich eine Einschränkung für Menschen in Alters- und Pflegeheimen bedeuteten.

„Keine gesetzliche Grundlage“ für Isolation

Bewohnerinnen und Bewohner seien seit Beginn der Epidemie wesentlich stärker in ihren Grundrechten beschränkt worden als andere Menschen, sagte dazu Susanne Jaquemar von der Bewohnervertretzung. Die Einrichtungen seien „generell versperrt“ worden, Bewohnerinnen und Bewohnern sei bei Verlassen der Häuser mit 14-tägiger Zimmerisolation gedroht worden. „Für diese unverhältnismäßigen Maßnahmen gab es keine gesetzliche Grundlage“, so Jaquemar.

Sie verwies darauf, dass eine Isolation von Menschen, die nicht selbst erkrankt sind oder als Verdachtsfall gelten, nur auf Basis des Heimaufenthaltsgesetzes passieren könne. Auch wenn Isolation nur angedroht werde, sei das eine Form von Freiheitsentzug, der an die Bewohnervertretung gemeldet werden müsse. Die müsse jeden einzelnen Fall dann überprüfen.

„Ethisches Dilemma“

Laut der Bewohnervertreterin war das Vorgehen der Einrichtungen auch in der Phase der ersten Lockerungen im Mai teils sehr unterschiedlich. Es sei gut, dass die Empfehlungen jetzt auf breiter Basis stünden. Dem stimmte auch Maria Katharina Moser, Direktorin der Diakonie Österreich, vonseiten der Betreiber der Einrichtungen zu. So habe das Ministerium Ende April zwar Lockerungen empfohlen, Bundesländer und Magistrate hätten aber teilweise viel strikter geurteilt. Für die Einrichtungen sei es wichtig, Rechtssicherheit zu haben.

Moser sprach auch das „ethische Dilemma“ an, das Schutzmaßnahmen mit sich brächten. „Isolation schützt und schadet gleichzeitig“, so die Diakonie-Direktorin. Unter fehlender persönlicher Zuwendung könne die psychische und auch die physische Gesundheit leiden. Das wiederum ziehe dann den Einsatz von mehr Medikamenten nach sich. Die Medizin sei inzwischen nicht mehr die einzige Leitlinie in der Pflege. Auch die seelische, soziale spirituelle Dimension sei in das Blickfeld gerückt. „Jetzt aber beobachten wir eine erneute Medikalisierung durch infektiologische Betrachtungsweisen“, so Moser.

In einer ersten Reaktion begrüßte auch die Caritas die weitere Öffnung. „Wir müssen das Virus isolieren und nicht die Menschen", sagte Caritas-Präsident Michael Landau in einer Aussendung. Er bedankte sich, dass „ein breiter Dialog mit den TrägerInnen, aber auch mit den verschiedenen Interessengruppen wie der Behindertenanwaltschaft, dem Vertretungsnetz oder Volksanwaltschaft gesucht wurde“. Zugleich erneuerte auch die Caritas ihren Wunsch nach „Klarheit und Rechtssicherheit“.