Rapid-Fans entfernen das Transparent mit der Aufschrift „A Stadion mit leeren Plätzen is wie a schiache Oide wetzen“ im Allianz Stadion
GEPA/Christian Ort
Sexistisches Spruchband

Rapid stellt sich ins Abseits

Profifußball muss in Österreich derzeit vor leeren Rängen gespielt werden. Für die Clubs ist das die einzige Chance, finanziell über die Runden zu kommen. Für die Fans – insbesondere die organisierte Fanszene – sind Geisterspiele nicht akzeptabel. Was bleibt, ist der Protest. So ist es üblich geworden, entsprechende Spruchbänder aufzuhängen. Im Zuge dessen schuf die organisierte Fanszene des SK Rapid für Sonntag ein offen sexistisches Spruchband. Zu echter Kritik daran konnte sich die Clubführung zunächst nicht durchringen – und wurde damit selbst zur Zielscheibe der Kritik.

Beobachterinnen und Beobachter sehen in der Reaktion des Clubs einen Skandal – ein großer Verein mit fast 17.000 Mitgliedern, der sich nicht im Stande sieht, mit klaren Worten auf Sexismus im eigenen Stadion zu reagieren. Von Frauenvereinen, Regierungs- und Oppositionsparteien kam der Ruf nach Konsequenzen – Verein, Liga und Verband müssten reagieren. Doch was war passiert? Im „Block West“, jenem Bereich, in dem sich die Fanszene sammelt, wurde am Sonntag rund drei Stunden vor Beginn des „Geisterspiels“ gegen Hartberg ein Transparent mit sexistischem Inhalt angebracht.

„A Stadion mit leeren Plätzen is wie a schiache Oide wetzen“, hieß es darauf. Etwa 15 Minuten vor Beginn der Partie wurde das Banner von Ordnern abgehängt – bis dahin war das Spruchband aber von Kameras längst eingefangen worden und hatte sich via Twitter wie ein Lauffeuer verbreitet. Laut Rapids Wirtschaftsgeschäftsführer Christoph Peschek seien längere Diskussionen mit Vertretern der Fanszene nötig gewesen, um das Spruchband vor Spielstart abnehmen zu können.

„Ich sehe keinen Skandal“

Nach dem Spiel wurde bei Peschek eine Stellungnahme zum Spruchband eingeholt – er unternahm dabei den Versuch einer Rechtfertigung für die sexistische Botschaft: „Ich sehe keinen Skandal. Das Thema wurde noch vor Spielbeginn gelöst“, gab der hohe Rapid-Verantwortliche an: „Demokratie und Meinungsfreiheit enden nicht an den Stadiontoren, daher ist es grundsätzlich so, dass Transparente zugelassen werden, so sie nicht strafrechtlich relevant sind“, so Peschek gegenüber dem TV-Sender Sky.

Gleich mehrfach verwies er auf den Umstand, dass das „Problem gelöst“ worden sei. „Es gibt Diskussionen, es gab Diskussionen und es wird auch in Zukunft Diskussionen geben, weil das Thema eines ist, das eine gesellschaftliche Relevanz hat“, sagte der Rapid-Geschäftsführer. Ärger, dass der Inhalt des Spruchbandes, den er nach eigenen Angaben vor dem Anbringen desselbigen nicht gekannt habe, publik wurde, war herauszuhören: Für die Zukunft werde man „es so handhaben, dass man in einer Familie Diskussionen nicht am Balkon führt, sondern im Wohnzimmer“.

Rapid-Geschäftsführer Christoph Peschek
ORF.at/Christian Öser
In die Schusslinie geraten: Rapids Wirtschaftsgeschäftsführer Christoph Peschek sah das Problem rasch „gelöst“

„Entspricht nicht unserem Leitbild“

Ähnlich äußerte sich Sportgeschäftsführer Zoran Barisic, auch wenn er deutlichere Kritik äußerte: „Das ist nicht in unserem Sinne, aber strafrechtlich nicht verfolgbar. Aber es ist natürlich eine sehr derbe Metapher. Weder Sexismus noch Homophobie oder Rechtsradikalismus ist zu tolerieren. Das entspricht nicht unserem Leitbild, wir distanzieren uns davon“, sagte Barisic.

Ausgerechnet einer, der im Grunde am allerwenigsten zu Vorfällen außerhalb des Geschehens auf dem Fußballplatz Stellung nehmen müsste, wählte die klarsten Worte: „Dieses Transparent hat definitiv nichts verloren in einem Fußballstadion. Ich kann diese Aktion nicht verstehen. So leid es mir für die Rapid-Fans tut, aber ich glaube nicht, dass das das Beste ist, dass man mit diesen Worten etwas beschreibt“, so Trainer Dietmar Kühbauer.

Frauenring sieht „ärgerliche Verharmlosung“

Kritik an Rapid hagelte es gleich von mehreren Seiten: Vom Frauenring hieß es, dass dem Verein die Rote Karte gebühre: „Schon alleine die Anbringung hätte vom Verein unterbunden werden müssen“, so Klaudia Frieben, Vorsitzende der Dachorganisation österreichischer Frauenvereine. Es zeige sich aber das „Sinnbild von Frauenverachtung, das bei den Fans offensichtlich sehr tief verwurzelt ist“, so Frieben. Ärgerlich sei auch die Verharmlosung des Vorfalls durch die Rapid-Geschäftsführung.

„Das geht nicht und ist inakzeptabel. Wir fordern eine öffentliche Distanzierung des Vereins und der Bundesliga von diesem Vorfall“, so Frieben. Es sei „beschämend, wie Frauen in den letzten Tagen im öffentlichen Raum verachtet werden“. Nach der Bezeichnung einer WWF-Aktivistin als „widerwärtiges Luder“ durch Tirols Landeshauptmann-Stellvertreter Josef Geisler (ÖVP) zeige nun auch dieser Vorfall, „wie tief die patriarchalischen Strukturen in Österreich verwurzelt sind“.

„Rechtfertigung mit Meinungsfreiheit skandalös“

Kritik schallte dem SK Rapid auch vonseiten der Politik um die Ohren: Die grüne Frauensprecherin Meri Disoski zeigte sich in einer Aussendung „entsetzt darüber, dass das Transparent mit dem frauenverachtenden Spruch von Rapid nicht unverzüglich entfernt wurde“. Und weiter: Dass Geschäftsführer Peschek „diese Frauenverachtung auch noch mit Meinungsfreiheit zu rechtfertigen versucht, ist skandalös“, so Disoski.

„Sexistische Botschaften sind nicht weniger widerwärtig und auch nicht weniger zu verurteilen, wenn sie auf dem Fußballplatz ausgesprochen werden, als überall sonst in der Gesellschaft“, so die grüne Sportsprecherin Agnes Sirkka Prammer. „Frauenverachtung darf auf dem Fußballplatz nicht bloß als ‚dem Milieu geschuldet‘ abgetan werden.“ Dahinter stehe eine sexistische, frauenverachtende Grundhaltung. Sie forderte weitere Konsequenzen von Verein, Liga und Verband.

SPÖ sieht Fall für Frauenministerin

SPÖ-Bundesfrauengeschäftsführerin Andrea Brunner forderte eine klare Distanzierung des Vereins. „Verharmlosen ist inakzeptabel“, so Brunner in einer Aussendung. Es handle sich nicht um Einzelfälle, sondern um ein strukturelles Problem. Die SPÖ sieht – auch unter Bezugnahme auf den „Luder“-Sager des ÖVP-Politikers Geisler – Frauenministerin Susanne Raab (ÖVP) am Zug: „Lippenbekenntnisse sind zu wenig“, so Brunner. Es brauche einen runden Tisch mit Frauenorganisationen aus ganz Österreich, am Ende solle eine Strategie stehen.

FPÖ: Rapid soll Strafgelder spenden

Auch die FPÖ übte Kritik am Vorgehen Rapids: „Ich erwarte mir ganz klar von den zuständigen Gremien des Vereins, aber auch von der Bundesliga, dass diese Beleidigung nicht einfach so abgetan wird. Für wesentlich kleinere Vergehen gibt es beim Fußball Strafen“, teilte FPÖ-Frauensprecherin Rosa Ecker per Aussendung mit. „Wo waren die Verantwortlichen des Vereins?“, fragte sie. Das Transparent könne ja nicht plötzlich aufgetaucht sein. Der Verein solle als Sanktion an Einrichtungen, die sich gegen Gewalt an Frauen engagieren, spenden.

„Mit Werten des Leitbilds in keiner Weise vereinbar“

In einer Aussendung am Nachmittag betonte Rapid schließlich zu „bedauern, dass dieser sexistische Spruch den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat“. Die von den organisierten Fans geäußerte Kritik an den „Geisterspielen“ sei „in einer Art und Weise geäußert (worden), die mit den in unserem Leitbild festgeschriebenen Werten, für die unser Verein steht, in keiner Weise vereinbar ist“. Die „gewählte Wortwahl“ sei „nicht zu akzeptieren“ gewesen, weswegen das Transparent nach „interner Kommunikation mit allen Beteiligten“ auch abgehängt worden sei.

Die Fußball-Bundesliga verzichtet derzeit auf eine Anzeige, fordert aber eine Stellungnahme von Rapid. Die Liga distanzierte sich in ihrer Mitteilung deutlich von dem „geschmacklosen Transparent im SCR-Fansektor“. Sie bekenne sich zu Werten wie Toleranz, Vielfalt und Offenheit: „Leider kommt es aber auch zu Vorfällen, von denen jeder einer zu viel ist.“