Migranten auf der Ocean Viking
AP/SOS Mediterranee/Flavio Gasperini
180 Geflüchtete an Bord

Rettungsschiff ruft Notstand aus

Das Rettungsschiff „Ocean Viking“, das seit Tagen mit 180 Geflüchteten an Bord im Mittelmeer unterwegs ist, hat den Notstand ausgerufen. Die Situation auf dem Schiff habe sich derart zugespitzt, dass die Sicherheit der 180 Geretteten und der Besatzung nicht mehr gewährleistet werden könnte, teilte die Hilfsorganisation SOS Mediterranee Freitagabend mit.

„Auf dem Schiff warten mehr als die Hälfte der Geretteten seit über einer Woche verzweifelt auf einen sicheren Ort“, sagte Verena Papke, Geschäftsführerin von SOS Mediterranee Deutschland. Die Behörden in Italien und Malta hätten in den vergangenen Tagen alle Anfragen nach einem Anlegen in einem ihrer Mittelmeerhäfen abgelehnt, hieß es weiter in der Mitteilung.

In den vergangenen 24 Stunden habe es an Bord sechs Suizidversuche gegeben. 44 Menschen hätten die Absicht geäußert, sich selbst und anderen Schaden zuzufügen. Die Ausrufung des Notstands an Bord sei „beispiellos in der fünfjährigen Geschichte von SOS Mediterranee“. Die Organisation sehe sich aber „durch die rapide Verschlechterung des psychischen Zustands einiger der Überlebenden an Bord dazu gezwungen“.

Männer von Bord gesprungen

Am Donnerstag seien zwei Männer über Bord gesprungen und dann vom Rettungsteam der „Ocean Viking“ wieder geborgen worden. Am Freitag in der Früh habe ein Mann versucht, sich zu erhängen. Viele der Überlebenden befänden sich in großer seelischer Not und litten unter Depressionen. An Bord gebe es Streit und auch körperliche Auseinandersetzungen.

Migranten auf der Ocean Viking
AP/SOS Mediterranee/Flavio Gasperini
An Bord der „Ocean Viking“ befinden sich laut der Hilfsorganisation 180 Gerettete, darunter 25 Minderjährige und zwei Frauen

Die Helferinnen und Helfer hatten die 180 Menschen nach eigenen Angaben zwischen dem 25. und 30. Juni aus dem Meer gerettet. Die Geretteten sind teilweise seit neun Tagen auf See. An Bord des Schiffes befinden sich Menschen aus 13 verschiedenen Ländern, 25 Minderjährige und zwei Frauen, darunter eine Schwangere. Einige von ihnen müssen wegen Verletzungen durch Treibstoff behandelt werden. Die Organisation appellierte an alle EU-Staaten, eine Lösung für die 180 Überlebenden an Bord der „Ocean Viking“ zu finden.

Besonders die deutsche Regierung sei jetzt in der Verantwortung, im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft auf eine Lösung hinzuwirken, so die Organisation. Die „Ocean Viking“ hatte erst Mitte Juni ihre Seenotrettungseinsätze im Mittelmeer wiederaufgenommen, nachdem die Schiffscrew drei Monate wegen der Coronavirus-Pandemie pausiert hatte.

Italien und Malta pochen auf Solidarität in EU

Monat für Monat versuchen zahlreiche Menschen, in seeuntüchtigen Booten von Afrika über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Im vergangenen Jahr ertranken dabei nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) 1.283 Menschen. In den vergangenen fünf Jahren gab es insgesamt mehr als 19.000 Tote.

Länder wie Italien und Malta verfolgen inzwischen eine harte Linie und lehnen die Aufnahme geretteter Geflüchteter vielfach ab. Sie fordern die Solidarität der übrigen EU-Staaten bei der Verteilung der Flüchtlinge ein. Alle Versuche, zu einer gerechten Verteilung innerhalb Europas zu gelangen, sind bisher gescheitert.