Angeklagter Bruno Dey mit Akt vor seinem Gesicht
APA/dpa/Daniel Bockwoldt
Einer der letzten Prozesse

Bewährungsstrafe für Ex-KZ-Wachmann

In einem der mutmaßlich letzten Prozesse wegen der Verbrechen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Zeit des Nationalsozialismus ist der ehemalige SS-Wachmann Bruno D. vom Hamburger Landgericht am Donnerstag zu zwei Jahren Jugendhaft auf Bewährung verurteilt worden. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass der heute 93-Jährige in den Jahren 1944 und 1945 mehrere Monate als Jugendlicher zur Wachmannschaft des Konzentrationslagers Stutthof gehört hatte.

Er habe sich damit der Beihilfe zum Mord in 5.232 Fällen und versuchten Mord in einem Fall schuldig gemacht. „Wie konnten Sie sich bloß an das Grauen gewöhnen?“, fragte die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring den 93-Jährigen bei der Urteilsbegründung. Er sei ein „Rädchen der Mordmaschinerie“ der Nationalsozialisten gewesen, hatte zuvor die Staatsanwaltschaft gesagt.

Dieser Prozess war, allein schon wegen der zeitlichen Distanz und dem Alter potenzieller Angeklagter, einer der letzten wegen Gräueltaten und Morden in Konzentrationslagern. Weil der Angeklagte zur Tatzeit erst 17 bis 18 Jahre alt war, fand der Prozess vor einer Jugendstrafkammer statt.

Um Entschuldigung gebeten

Die Entscheidung für eine Bewährungsstrafe habe das Gericht nach „langem Ringen“ getroffen, sagte Richterin Meier-Göring. So müsse unter anderem berücksichtigt werden, dass der Angeklagte damals erst 17 bis 18 Jahre alt gewesen und im NS-Unrechtsstaat aufgewachsen sei.

Die Vertreter der 40 Nebenkläger – darunter 35 Überlebende des Lagers bei Danzig – hatten eine Verurteilung des Angeklagten, aber keine über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinausgehende Strafforderung gestellt. Einige Nebenkläger äußerten ausdrücklich den Wunsch, der 93-Jährige möge nicht inhaftiert werden.

Ein hochbetagter Stutthof-Überlebender in Israel erklärte, man solle ihm vergeben. In seinem letzten Wort hatte der Angeklagte die Überlebenden und Hinterbliebenen der KZ-Opfer um Entschuldigung gebeten.

„Syndrom deplazierter Sympathie“

Scharfe Kritik an der Bewährungsstrafe kam vom Leiter des Wiesenthal-Zentrums, Efraim Zuroff. Die Srafe sei „sehr, sehr enttäuschend“ und „ein Syndrom deplatzierter Sympathie“, sagte er. Nicht der SS-Mann, sondern die Holocaust-Opfer verdienten Sympathie. „Er wird den ganzen Weg nach Hause lachen, sein Leben fortsetzen. Die Überlebenden bleiben mit ihren Alpträumen zurück.“

Zuroff kritisierte, dass bei den fünf jüngsten NS-Kriegsverbrecherprozessen keine Person auch nur einen Tag im Gefängnis gesessen habe. Ein hohes Alter der Täter sei kein Grund, auf eine Strafverfolgung zu verzichten. „Sie verdienen kein Mitgefühl, weil sie selbst absolut kein Mitgefühl mit den Opfern hatten“, betonte er.

Zeugen berichteten von Gräueltaten

Vier ehemalige Gefangene hatten persönlich im Gerichtssaal ausgesagt, zwei weitere waren über eine Videoschaltung angehört worden. Die Überlebenden hatten von täglichen Misshandlungen wie Schlägen und stundenlangen Appellen, Hinrichtungen sowie von Hunger und einer Fleckfieber-Epidemie berichtet.

Abraham Koryski, ein 91-Jähriger aus Israel, hatte nach eigenen Angaben mehrfach erlebt, wie die SS spontane sadistische „Shows“ veranstaltete. Einmal habe ein Sohn seinen Vater zu Tode prügeln müssen, vor den versammelten Häftlingen. Ein SS-Offizier habe einen Stuhl zerbrochen und gedroht, irgendeinen der Gefangenen zu erschießen, wenn nicht der Vater den Sohn oder der Sohn den Vater mit einem Stuhlbein erschlage. Daraufhin habe sich der Vater von dem Sohn zu Tode prügeln lassen. Anschließend sei der Sohn erschossen worden.

SS-Männer konnten von Wachturm aus zusehen

Die 92 Jahre alte Halina Strnad hatte berichtet, dass Aufseherinnen in Stutthof sie gleich nach ihrer Ankunft im September 1944 bespuckt, getreten und ihr die Nase gebrochen hätten. Die gefangenen Frauen seien als „Untermenschen“ bezeichnet worden. Die Bedingungen seien so schlimm gewesen, dass von den 100 bis 200 Gefangenen in ihrer Baracke nur 20 bis 25 die Räumung des Lagers vor Kriegsende erlebten.

Vom nahen Wachturm aus hätten die SS-Männer sehen können, wie die Häftlinge geschlagen wurden oder zur Bestrafung lange Zeit beim Appell stehen mussten. Auch die auf dem Boden herumliegenden Leichen hätten sie sehen müssen.

SS-Wachmannschaften als Verbrecherbande eingestuft

Eine Beteiligung an einem konkreten Verbrechen war dem Angeklagten nicht vorgeworfen worden. Er selbst hatte mehrfach erklärt, dass er als nicht frontdienstfähiger Wehrmachtssoldat nach Stutthof abkommandiert worden sei und dort ohne seine Zustimmung in die SS übernommen wurde. Er habe kein einziges Mal von seiner Waffe Gebrauch gemacht. Staatsanwalt Lars Mahnke stellte dagegen in seinem Plädoyer fest, dass die SS-Wachmannschaften vom deutschen Bundesgerichtshof als Verbrecherbande eingestuft worden seien. Jeder, der dort Mitglied gewesen sei, habe sich schuldig gemacht.