Menschen spazieren auf der Karlskirche in Prag
Reuters/David W Cerny
Fallzahlen steigen

Tschechien erwägt neue Restriktionen

In Tschechien, das die erste Welle der Pandemie vergleichsweise gut überstanden hat, brechen nun etliche Cluster den Abwärtstrend der Fallzahlen. Die Wiedereinführung flächendeckender Maßnahmen wird nicht mehr ausgeschlossen, auch eine Verschiebung von Wahlen Anfang Oktober steht im Raum. Die Regierung gerät unter Druck.

Am Donnerstag zählte man in Tschechien den zweiten Tag in Folge mehr als 200 Neuinfektionen mit dem Coronavirus. Laut Johns Hopkins University gab es 14.570 bestätigte Fälle und 364 Menschen, die nach einer Infektion starben. Damit verzeichnet das Land mit rund 10,6 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern aber noch immer weniger Infektionen bzw. Todesfälle als Österreich.

Tschechien hatte früh reagiert – als eines der ersten Länder hatte das Land am 18. März eine allgemeine Mundschutzpflicht außerhalb der eigenen vier Wände eingeführt. Als „Symbol unserer Zeit“ verewigte die tschechische Post die Mundschutzmaske sogar auf zwei Briefmarken. Tschechien hatte auch Milliarden in den Kampf gegen die Folgen der Pandemie gesteckt. Die Grunderwerbssteuer wurde abgeschafft, das Beschäftigungsprogramm „Antivirus“ samt Kurzarbeit aus der Taufe gehoben. Dafür beläuft sich das Haushaltsdefizit heuer auf 500 Milliarden Kronen (18,8 Milliarden Euro) – das Zehnfache des ursprünglich geplanten Minus.

Abwägen und abwarten

Die Fallzahlen stabilisierten sich relativ rasch, am 1. Juli wurde das Ende der allgemeinen Maskenpflicht mit einem Festbankett auf der Prager Karlsbrücke gefeiert. Hunderte Tschechinnen und Tschechen nahmen daran an einem mehr als 500 Meter langen Tisch teil.

Prager dinieren ohne Mindestabstand zu einander auf einer langen Tafel auf der Karlsbrücke
Reuters/David W Cerny
Feiern verfrüht? In Prag wurde zum Ende der Maskenpflicht ein öffentliches Bankett abgehalten

Nun droht jedoch ein Rückschlag im Kampf gegen das Virus. Gesundheitsminister Adam Vojtech schloss nun die Wiedereinführung flächendeckender restriktiver Maßnahmen nicht mehr aus, sollte der negative Trend anhalten. Bisher stelle sich die Lage in den einzelnen Regionen noch unterschiedlich dar, so Vojtech.

Nur zwei Wochen Pause

Stark betroffen ist schon seit Wochen die östliche Industrie- und Bergbauregion Mährisch-Schlesien. Hier gilt nach nur zwei Wochen Pause bereits wieder eine allgemeine Maskenpflicht in Innenräumen wie Geschäften und in öffentlichen Verkehrsmitteln. Bei Besuchen in Krankenhäusern und Sozialeinrichtungen sind Masken mit mindestens der Schutzklasse FFP2 erforderlich. Zudem müssten Veranstaltungen mit hundert oder mehr Teilnehmern abgesagt werden, Bars und Restaurants bleiben nachts geschlossen. Um die Ausbreitung unter Bergleuten unter Kontrolle zu bringen, stellten die staatlichen Steinkohlebergwerke ihren Betrieb vorübergehend ein.

In den nördlichen Verwaltungsregionen mit Sitzen in Liberec (Reichenberg) und Usti nad Labem (Aussig an der Elbe) ist ab Freitag ebenso eine Schutzmaske in Gesundheits- und Sozialeinrichtungen wie Apotheken und Arztpraxen sowie bei Besuchen in Altersheimen verpflichtend.

Party mit Folgen

Weitere Cluster in Tschechien geben ebenso Anlass zur Sorge. Allein im Zusammenhang mit einer Geburtstagsparty in einem Prager Nachtclub registrierten die Behörden zuletzt 98 Fälle. Unter den Infizierten seien auch Fußballspieler mehrerer Drittligavereine, sagte eine Sprecherin des Gesundheitsamts im tschechischen Fernsehen CT.

Der neuerliche Anstieg der Fallzahlen brachte die Regierung unter Druck. Wurde das Kabinett des Ministerpräsidenten und Multimilliardärs Andrej Babis zu Beginn der Pandemie noch für das Krisenmanagement gelobt, wird sie nun scharf kritisiert. Die Regierung versuche, die Verantwortung für die steigenden Fallzahlen auf Gesundheitsämter und Kommunen abzuschieben, kommentierte die Zeitung „Hospodarske noviny“.

Tschechiens Premier Andrej Babis
AP/Olivier Matthys
Tschechiens Premier Babis

Die Opposition forderte den Rücktritt des Gesundheitsministers, der sich für die Wiedereinführung der Maskenpflicht entschuldigte: „Dass aufgrund der Entscheidung regionaler Gesundheitsbehörden sehr plötzliche Maßnahmen verfügt wurden, tut mir sehr leid“, zitierte CTK Vojtech. Die Maßnahmen seien grundsätzlich richtig, allerdings hätte man den Menschen Zeit lassen sollen, sich darauf vorzubereiten.

Ein nächstes Problem steht schon vor der Tür: Die Regional- und Senatswahlen, die am 2. und 3. Oktober stattfinden sollen, wackeln. Menschen in Quarantäne können nicht an Wahlen teilnehmen, er wolle aber niemandem das Wahlrecht streitig machen, so Innenminister Jan Hamacek. Eine eigene Arbeitsgruppe befasst sich nun mit der Wahl und ihrer möglichen Durchführung oder Verschiebung.