Löschhubschrauber über dem Explosionsort im Hafen von Beirut
APA/AFP
„Katastrophe“ in Beirut

Dutzende Tote nach Explosionen

Nach zwei schweren Explosionen im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut ist die Opferzahl weiter gestiegen. Bis Dienstagabend wurden über 70 Todesopfer offiziell bestätigt, fast 4.000 Menschen wurden verletzt. Die Ursache für die Detonationen sind laut dem libanesischen Premier Hassan Diab 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat. Das Material, das auch zur Herstellung von Sprengstoff verwendet werden kann, sei seit sechs Jahren ohne Vorsichtsmaßnahmen in einem Lager im Hafen von Beirut gelagert worden.

Diab sprach von einer „Katastrophe“ und kündigte an, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Hinweise auf einen Anschlag oder einen politischen Hintergrund gab es nicht. Schon am Abend hatte es Spekulationen darüber gegeben, eine große Menge Ammoniumnitrat sei im Hafen explodiert. Die Zersetzung des Stoffs führt bei höheren Temperaturen zu Detonationen. Berichten zufolge hatten libanesische Behörden vor einigen Jahren die 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat an Bord eines Schiffs sichergestellt und es seit mehreren Jahren im Hafen gelagert.

Explosion bis Zypern spürbar

Die zweite der beiden Explosionen war gewaltig. Weite Teile des Hafengeländes wurden in Schutt und Asche gelegt, im gesamten Stadtgebiet wurden Balkone von den Gebäuden gerissen. Bilder libanesischer Medien zeigten Menschen unter den Trümmern, von Glasscherben übersäte Straßen und eine Unzahl zerstörter Fahrzeuge.

Kurz nach der Explosion fielen Telefon und Internet in der Stadt aus. Der Hafen liegt nur wenige Kilometer von der Innenstadt Beiruts entfernt. Die Explosion war auch auf der Mittelmeer-Insel Zypern spürbar.

Unter den Getöteten ist laut der staatlichen libanesischen Nachrichtenagentur NNA auch der Chef der Partei Kataib, Nazar Najarian. Die Krankenhäuser in der libanesischen Hauptstadt waren durch den Ansturm von Verletzten überlastet. Gesundheitsminister Hassan Hamad sagte, die Spitäler der Hauptstadt seien voll mit Verletzten, weitere Opfer müssten in Einrichtungen in den Vorstädten transportiert werden. Verletzte mussten teilweise auf dem Parkplatz vor den Kliniken behandelt werden. Das Rote Kreuz rief zum Blutspenden für die Opfer auf.

Präsident rief Tag der Trauer aus

Der libanesische Präsident Michel Aoun berief eine Dringlichkeitssitzung des Obersten Verteidigungsrates ein. Die Regierung erklärte den Mittwoch zum Tag der nationalen Trauer. Der Libanon durchlebt derzeit die verheerendste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Seit Mitte Juni befindet sich das libanesische Pfund im freien Fall, die Arbeitslosenrate steigt.

Druckwelle der Explosion in Beirut
Reuters/Instagram/Ksokhn/Thebikekitchenbeirut
Die größere der beiden Explosionen löste eine gewaltige Druckwelle aus

Aus Protest gegen wochenlange Stromausfälle hatten Demonstranten am Dienstag versucht, das Energieministerium in Beirut zu besetzen. In Teilen des Landes hatte es in den vergangenen Wochen bis zu 20 Stunden am Tag keinen Strom gegeben.

Staaten kündigen „humanitäre Hilfe“ an

Zuletzt hatten sich auch die Spannungen zwischen dem Libanon und dem Nachbarland Israel wieder erheblich verschärft. Israel hatte bereits kurz nach den Explosionen erklärt, das Land habe nichts mit dem Vorfall zu tun. Am Abend bot die Regierung dem Libanon „humanitäre Hilfe“ an. „Unter Anweisung von Verteidigungsminister Benny Ganz und Außenminister Gabi Ashkenasi hat Israel sich an den Libanon durch internationale diplomatische und Verteidigungskanäle gewandt“, teilten beide Minister mit.

Schwere Explosionen in Beirut

Die libanesische Hauptstadt Beirut ist von zwei gewaltigen Explosionen im Hafen erschüttert worden. (Video: EBU, Reuters)

Auch die EU und Frankreich stellten dem Libanon Hilfe in Aussicht. „Die Europäische Union ist bereit, Hilfe und Unterstützung zu leisten“, teilte EU-Ratspräsident Charles Michel mit. Frankreich schicke Hilfe in den Libanon, schrieb der französische Staatschef Emmanuel Macron auf Twitter.

Das US-Präsidialamt teilte mit, man verfolge die Entwicklung genau. US-Präsident Donald Trump kündigte an, sein Land werde dem Libanon helfen. Bundespräsident Alexander Van der Bellen erklärte via Twitter, „unsere Gedanken sind bei den Menschen im Libanon, bei den Verletzten und den Familien der Opfer“. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zeigte sich betroffen. Das deutsche Außenministerium teilte auf Twitter mit, auch Beschäftigte der Botschaft in Beirut seien unter den Verletzten. Derzeit werde geprüft, welche Hilfe Deutschland „unverzüglich“ anbieten könne.

Urteil in Hariri-Prozess in Den Haag

Wenige Kilometer vom Ort der Explosionen entfernt waren 2005 der damalige libanesische Ministerpräsident Rafik Hariri und 21 weitere Menschen bei einem Sprengstoffanschlag getötet worden. Die Residenz seines Sohnes, der frühere Ministerpräsident Saad Hariri, wurde bei den Explosionen am Dienstag beschädigt.

Am Freitag will das UNO-Libanon-Sondertribunal in Den Haag sein Urteil gegen vier Angeklagte in dem Fall von 2005 verkünden. Viele im Libanon machen die Führung des Nachbarlandes Syrien für den Anschlag auf Hariri verantwortlich. Er hatte vor seinem Tod den Abzug der damals im Libanon stationierten syrischen Truppen verlangt.