Unfallort in Beirut
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Beirut

Präsident schließt Anschlag nicht aus

Noch ist völlig unklar, was die Explosionen in Beirut ausgelöst hat. Bisher war von einem Unfall oder Fahrlässigkeit bei der Lagerung des explosiven Materials die Rede gewesen. Der libanesische Präsident Michel Aoun schloss aber auch einen Anschlag nicht aus.

Aoun äußerte sich am Freitag erstmals zu möglichen Unglücksursachen: Es sei möglich, dass die Explosionen durch „Fahrlässigkeit oder durch äußere Einwirkung, mit einer Rakete oder einer Bombe“, ausgelöst wurden, sagte er im Fernsehen. Hinweise auf einen möglichen politischen Hintergrund oder einen Anschlag gibt es bisher aber nicht.

Forderungen nach einer internationalen Untersuchung wies Aoun am Freitag zurück. „Natürlich“ sei er dagegen, antwortete er auf eine entsprechende Frage. Eine solche Untersuchung würde „die Wahrheit verwässern“. Zuvor gab es bereits von mehreren Seiten Rufe nach einer internationalen Aufarbeitung der Katastrophe. So forderte Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron bei einem Besuch am Donnerstag in Beirut eine „transparente“ internationale Untersuchung.

Michel Aoun
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Präsident Michel Aoun nennt „Fahrlässigkeit oder Eingreifen von außen“ als Explosionsgrund

Führende Hafenvertreter festgenommen

Derzeit wird davon ausgegangen, dass die Explosion mit 2.750 Tonnen hochexplosiven Ammoniumnitrats zusammenhängt, die der Regierung zufolge sechs Jahre lang weitgehend ungesichert im Hafen lagerten. Ammoniumnitrat kann für Düngemittel oder zur Herstellung von Sprengstoff verwendet werden.

Verantwortliche des Hafens wurden unterdessen festgenommen – darunter Zoll-Chef Badri Dahir, dessen Vorgänger Shafik Mirhi und Hafendirektor Hassan Quraitim, wie die staatliche libanesische Nachrichtenagentur NNA meldete. Die Entscheidung sei im Zuge von Ermittlungen zu den Hintergründen der Explosion getroffen worden, hieß es weiter. Bereits am Vorabend waren 16 Hafenmitarbeiter festgenommen worden. Nach Justizangaben wurden bisher 18 Personen vernommen.

Zerstörte Gebäude in Beirut
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Ein Helfer sagt: „Alles ist pulverisiert worden“

Die zypriotischen Behörden befragten den früheren Besitzer des Frachtschiffs „Rhosus“, Igor Gretschuschkin. Das Schiff soll 2013 große Mengen Ammoniumnitrat nach Beirut gebracht haben. Die Befragung von Gretschuschkin sei auf Antrag der libanesischen Polizei geschehen, wie ein Polizeisprecher sagte. Der Russe hätte die Fragen „gerne beantwortet“.

Hisbollah weist Verantwortung zurück

Vereinzelt wird im Libanon auch öffentlich nach der Verantwortung der einflussreichen schiitischen Hisbollah für die Explosion gefragt. Kritiker halten ihr vor, sie kontrolliere einen großen Teil des Beiruter Hafens. Die Hisbollah gehört auch der derzeitigen libanesischen Regierung an.

Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah wies am Freitag jede Verantwortung zurück. Er erkläre entschieden, dass seine Organisation nichts im Hafen habe, sagte Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah. „Wir haben nichts im Hafen: weder ein Waffen- noch ein Raketenlager noch Raketen, Gewehre, Bomben oder Ammoniumnitrat.“ Nasrallah wies auch den Vorwurf zurück, die Hisbollah kontrolliere den Hafen.

Demonstrationen gegen Regierung

An der Absperrung zum Hafen versammelten sich wütende Einwohner, darunter Angehörige von Vermissten. Sie sehen die verheerenden Explosionen als Beleg für das Versagen und die Korruption der politischen Führung, die das Land heruntergewirtschaftet habe – ein Vorwurf, der in der libanesischen Bevölkerung weit verbreitet ist.

Schon vor der Katastrophe hatte es immer wieder Demonstrationen gegen die Regierung gegeben. Der Libanon steckt in der schwersten Wirtschafts- und Währungskrise seit Jahrzehnten. Die Coronavirus-Pandemie hat die Lage in den vergangenen Monaten noch verschärft. Aktivisten haben für Samstag zu weiteren Demonstrationen aufgerufen, die nach der Beerdigung von Opfern beginnen sollen.

Aufräumarbeiten in Beirut
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Mit Schaufeln befreien die Menschen die Straßen von Schutt und Glasscherben

Suche nach Überlebenden

Am Dienstagabend hatten zwei gewaltige Explosionen die libanesische Hauptstadt erschüttert. Nach jüngsten Angaben der Behörden wurden dabei mehr als 150 Menschen getötet und mehr als 5.000 verletzt. Rund 300.000 Menschen wurden obdachlos – darunter rund 80.000 Kinder, wie die Sprecherin des UNO-Kinderhilfswerks UNICEF, Marixie Mercado, sagte. Dutzende Menschen werden weiterhin vermisst.

Unterdessen ging am Freitag die Suche nach weiteren Überlebenden weiter. Kräne und Bulldozer versuchten, große Trümmerteile zu räumen. Mit Spürhunden und Ortungsgeräten wurde das komplett zerstörte Hafengelände abgesucht. Internationale Teams waren an der Suche beteiligt. „Alles ist pulverisiert worden“, sagte der Einsatzleiter eines französischen Teams. Das libanesische Rote Kreuz schätzt, dass noch rund 100 Menschen vermisst werden. Dabei soll es sich vor allem um Hafenarbeiter handeln. Angesichts der immensen Zerstörung gebe es Zweifel, noch Überlebende zu finden, sagte ein Helfer. „Aber wir haben noch immer Hoffnung.“

Die internationale Polizeiorganisation Interpol unterstützt die örtlichen Behörden mit Experten. Dabei gehe es unter anderem um die Identifizierung von Opfern, teilte Interpol am Freitagabend in Lyon mit. Interpol werde jegliche Hilfe leisten, die vom Libanon beantragt werde, sagte Generalsekretär Jürgen Stock.

Internationale Hilfsbemühungen

Wegen der drohenden Lebensmittelknappheit plant das UNO-Welternährungsprogramm (WFP) eine Notversorgung. Geliefert werden sollten Weizenmehl und Getreide für Bäckereien und Mühlen. Zudem sollten Tausende Familien mit Lebensmittelpaketen versorgt und dem Land logistische Unterstützung angeboten werden. Das WFP ist besorgt, dass die Explosion und der Schaden im Hafen, wo auch der Getreidespeicher zerstört wurde, die ohnehin schon schlechte Ernährungssituation zusätzlich verschlechtert habe.

Hilfsflüge aus dem Iran, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten landeten am Freitag im Libanon, gefolgt von weiteren aus Frankreich, Kuwait, Katar und Russland. Die EU gab 33 Millionen Euro an Soforthilfe frei, auch die USA schickten Hilfsgüter, darunter Lebensmittel und Medikamente.

Die EU sagte unterdessen ihre Teilnahme an der von Frankreich organisierten internationalen Videogeberkonferenz für den Libanon zu. EU-Ratspräsident Charles Michel will am Samstag nach Beirut reisen, um sich ein Bild von der Lage an Ort und Stelle zu machen. Die UNO rief die internationale Gemeinschaft zur Solidarität mlit dem Libanon auf, nachdem die Organisation bereits neun Millionen US-Dollar an Hilfsgeldern freigegeben hatte. „Der Bedarf ist enorm“, sagte die UNICEF-Sprecherin. Vor allem Medizin und Lebensmittel würden gebraucht, da bei den Explosionen Lagerhallen für Nahrungsmittel im Hafen sowie Krankenhäuser zerstört wurden.