Szene aus dem Spiel „Fall Guys“
Mediatonic
„Fortnite“-Konkurrenz

Virtuelles „Takeshi’s Castle“ wird Sommerhit

Hüpfen, rutschen, schupfen – ohne Rücksicht auf die eigene Würde: Das Erfolgsrezept der wurligen japanischen Spieleshow „Takeshi’s Castle“ hat jetzt das Computerspiel „Fall Guys“ aufgegriffen, das sich gerade zum Sommerhit entwickelt. Nur drei Knöpfe muss man beherrschen, um sich gegen 59 Konkurrenten durchzusetzen. So weit die Theorie – denn am Ende gewinnen meistens die anderen. Ein Konzept, das auch „Fortnite“ groß machte.

Das Spielprinzip von „Fall Guys“ ist leicht erklärt: Die bohnenförmige, wohl nicht zufällig an die Minions erinnernde Spielfigur tritt in einer virtuellen Spielshow gegen 59 andere Kandidatinnen und Kandidaten an. Jede Runde müssen verschiedene Aufgaben bewältigt werden, nur eine Handvoll Mitstreiter dürfen in die nächste Runde aufsteigen – nach dem fünften Durchgang wird letztlich der Sieger oder die Siegerin gekrönt.

Damit steht „Fall Guys“, das vergangene Woche veröffentlicht wurde, in der Tradition der „Battle Royale“-Spiele, zu denen auch „Fortnite“ zählt. „Fortnite“ hat die Branche in den letzten Jahren derart stark geprägt, dass praktisch jedes namhafte Spielestudio mittlerweile eine eigene Variante auf den Markt gebracht hat. Innovation gibt es dabei kaum, bis auf das Setting blieb das Spielprinzip meist unverändert: Spieler gehen mit Waffen aufeinander los, bis am Ende nur noch einer am Leben ist.

Szene aus dem Spiel „Fall Guys“
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Chaotisch geht es auf den Hindernisparcours zu

Schupfen statt schießen

„Fall Guys“ geht einen anderen Weg: Zwar ist es mindestens so quietschbunt wie „Fortnite“ – aber dafür gewaltfrei. Und es ist extrem simpel: Zur Steuerung sind nur drei Knöpfe nötig – springen, rutschen, aufheben. Mit diesem Repertoire an Bewegungen müssen Hindernisparcours bewältigt werden, darüber hinaus gibt es etwa eine Fußballvariante mit einem übergroßen Ball und den Spielplatzklassiker Abfangen.

Statt Waffen nahm das vom britischen Studio Mediatonic entworfene Spiel bei der Beseitigung der Konkurrenz Anleihen bei seinen Gameshow-Vorbildern: Erlaubt ist, was im möglichst opulenten – aber oft komplett lächerlichen – Kostüm körperlich möglich ist. So ist das Schupfen der Mitstreiter Mittel der Wahl, oft bleibt dafür aber keine Zeit, weil man schon an der gestellten Aufgabe an sich scheitert.

Scheitern als Zeitvertreib

Überhaupt ist Scheitern wohl eine der häufigsten Erfahrungen in dem Spiel – schließlich kann es nur einen Sieger geben. Der Weg zur Niederlage ist aber oft dermaßen patschert und dadurch spektakulär anzusehen, dass man sich gar nicht erst auf den olympischen Gedanken ausreden muss. Freilich macht Gewinnen auf Dauer wahrscheinlich mehr Spaß, als ständig zu verlieren – aber im Gegensatz zu vielen anderen Spielen führt der fast slapstickartige Ablauf dazu, dass man lernt, über sich selbst zu lachen, statt sich zu ärgern.

Szene aus dem Spiel „Fall Guys“
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Fußball mit übergroßen Bällen ist eines der Minispiele in „Fall Guys“

Kampf um die Spitze der Twitch-Charts

Noch lustiger ist es anscheinend nur, anderen zuzuschauen, wie deren Unheil seinen Lauf nimmt – was wohl auch einer der Gründe ist, warum „Takeshi’s Castle“ Ende der 1980er Jahre so erfolgreich war. Auf Streamingportalen wie der Amazon-Plattform Twitch hat „Fall Guys“ jedenfalls binnen Tagen zu den größten Spielen aufgeschlossen. Am Wochenende schauten mehrere hunderttausend Menschen gleichzeitig zu – Zahlen, die sonst nur Spiele wie „Fortnite“ und „League of Legends“ erreichen.

Das Spiel selbst litt unter dem Andrang: Die BBC zitiert Herstellerzahlen, wonach allein am ersten Tag 1,5 Millionen Spielerinnen und Spieler „Fall Guys“ ausprobiert haben. Dem Ansturm hielt das Spiel nicht stand, Wartezeiten und Ausfälle waren die Folge – auch am Wochenende hielten die Probleme an.

Szene aus dem Spiel „Fall Guys“
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Bunt und in schrägen Kostümen treten die Spielerinnen und Spieler gegeneinander an

Deal mit Sony sichert Spielerbasis

Das ist nicht zuletzt wohl auch dem Geschäftsmodell des Spiels geschuldet: Für PCs ist „Fall Guys“ für 19,99 Euro erhältlich, auf Sonys PlayStation ist das Spiel jedoch im PlayStation-Plus-Abo enthalten – und hatte somit automatisch eine enorm große Spielerbasis. Diesen Weg schlug 2015 auch das Spiel „Rocket League“ ein – mittlerweile hat es nach Herstellerangaben insgesamt 60 Millionen Spielerinnen und Spieler.

Für „Fortnite“-Betreiber Epic Games ist das freilich noch lange kein Grund zur Sorge – alleine bei einem Event im April spielten das Spiel über zwölf Millionen Menschen gleichzeitig. Doch neue Konkurrenz ist „Fall Guys“ allemal – und das vor allem bei jungen Spielerinnen und Spielern so beliebte „Fortnite“ könnte durch eine familienfreundliche Variante des Spielprinzips langfristig unter Druck geraten.