Menschen beim Radfahren in Paris
AP/Michel Euler
Pariser Verkehrskonzept

Modellstadt für radikales Umdenken

Das Auto muss weg aus der Stadt: Was in den meisten anderen Ballungsräumen als eine Utopie von Ökospinnern abgetan wird, ist in Paris oberste Maxime der kürzlich wiedergewählten Bürgermeisterin. Die Sozialistin Anne Hidalgo setzt ihr radikales Wahlprogramm um und scheut sich dabei auch nicht, heilige Kühe anzugreifen und ab und zu auch eigene Ideen über Bord zu werfen.

Der Druck ist groß, denn die Ausgangssituation war bzw. ist noch immer knapp an Alarmstufe Rot. Paris hat ein veritables Luftverschmutzungsproblem. Laut EU-Schätzungen sterben in Frankreich jedes Jahr 48.000 Menschen an den Folgen schlechter Luft, die meisten in Städten wie Paris und Lyon. Die hohe Schadstoffbelastung vor allem im Sommer führt immer wieder zu Fahrverboten – dass Schadstoffplaketten für Autos längst Pflicht sind, ist dabei auch nicht mehr als ein kleines Pflaster auf einer klaffenden Wunde.

Trotzdem geht die Reduktion des Autoverkehrs in Paris nicht ohne Widerstand vonstatten. Im Gegenteil: In ihrer ersten Amtszeit musste Hidalgo, die seit 2014 als Bürgermeisterin der französischen Hauptstadt vorsteht, einiges an Rückschlägen und massig Kritik einstecken. Ihr erster Versuch, die Schnellstraße am rechten Seine-Ufer für Autos zu sperren, wurde 2017 vom Pariser Verwaltungsgericht gekippt. Trotz Spotts und extremer Anfeindungen, dass Hidalgo das ohnehin legendäre Stauchaos komplett außer Kontrolle bringen werde, blieb sie bei ihrer Linie, verschärfte sie sogar noch einmal.

Straßenverkehr in Paris
APA/AFP/Thomas Samson
Der Platz auf den Straßen von Paris wird neu aufgeteilt

60.000 Parkplätze weniger

Beim zweiten Versuch gelang die Umwandlung der Uferstraße zur Fußgängerpromenade. Im Zuge der Coronavirus-Maßnahmen verkündete die Stadtregierung zusätzlich die Schaffung von kilometerlangen Radhighways, die parallel zu wichtigen U-Bahn-Linien als temporäre Alternative für die notorisch überlastete Metro und zum motorisierten Individualverkehr gedacht waren. Eine Alternative, die nun bleiben wird. Und der Raum für Autos wird noch weiter verkleinert: 60.000 Parkplätze sollen verschwinden, 170.000 neue Bäume gepflanzt werden.

Die Kernstadt Paris etwa, ein Viertel, so groß wie Wien, hat auf der Fläche von 105 Quadratkilometern mit 2,1 Mio. Menschen die höchste Einwohnerdichte Europas. Dazu kommen noch einmal acht Millionen, die im Ballungsraum leben und von denen viele täglich in die Stadt pendeln. Der Großteil von ihnen nutzt dafür die öffentlichen Verkehrsmittel – 8,3 Mio. Fahrgäste zählt der Betreiber des öffentlichen Nahverkehrs Regie Autonome des Transports Parisiens (RATP) täglich, vor allem in der Rushhour sind das schon jetzt fast mehr, als das System erträgt.

Gratis „Öffis“ geprüft und verworfen

Auch das war ein Grund, warum Kritiker eine von Hidalgos Forderungen als völlig absurd verwarfen: Sie wollte sich aus Umweltschutzgründen für die gratis Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs starkmachen. 2018 kündigte sie eine Machbarkeitsstudie dafür an, 2020 gestand sie ein, dass die Idee nicht aufgehen würde.

Abgesehen von der Finanzierungsfrage würde der eigentlich erwünschte Effekt nicht erzielt: Statt Menschen vom Auto in die U-Bahn zu bringen, würden eher Radfahrerende oder Fußgängerinnen und Fußgänger animiert, auf die „Öffis“ umzusteigen. Bei der derzeitigen Auslastung an der Kapazitätsgrenze sei das keine Lösung, so das Fazit der Studie.

Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo
Reuters/Ludovic Marin
Bürgermeisterin Hidalgo lehnt sich oft weit aus dem Fenster – bei der Wahl vor knapp einem Monat hat sich diese Kompromisslosigkeit bezahlt gemacht

Eine Ringbahn soll Entlastung bringen

Um dem Kollaps der öffentlichen Verkehrsmittel entgegenzuwirken, wurde schon von Hidalgos Vorgängern in der Stadtregierung das teuerste Infrastrukturprojekt Europas beschlossen: „Grand Paris Express“ heißt das 35-Milliarden-Euro-Vorhaben, durch das bis 2030 200 neue U-Bahn-Kilometer gebaut werden sollen, 90 Prozent davon im Untergrund. Ziel ist es, Berufspendler in schnelleren Verbindungen außen um die Stadt herumzutransportieren und ihnen mühsame Umsteigeverbindungen im Stadtzentrum zu ersparen.

Für den Alltag soll Paris, geht es nach Hidalgo, zur „Ville Du Quart D’Heure“ werden: Alles, was man im täglichen Leben so braucht, soll in einer Viertelstunde erreichbar sein – Schulen, Geschäfte, Ärzte, Parks, Spielplätze etwa. Bei den Kommunalwahlen im Juni war diese Aussage erfolgreich, und nicht nur in Paris hatte sich gezeigt, dass grüne und soziale Politik gerade in Zeiten der Pandemie auf fruchtbaren Boden fällt.

„Ökologischer Sozialismus“ für ganz Frankreich?

2022 muss sich auch Präsident Emmanuel Macron, dessen Nimbus in den letzten Monaten einige Kratzer abbekommen hat, der Wiederwahl stellen. Spekuliert wird längst damit, dass ihm mit Hidalgo eine starke Konkurrenz gegenüberstehen könnte. Würden sich die Grünen mit den Linken arrangieren und sich auf eine Allianz mit der Bürgermeisterin an der Spitze einigen, könnte das sozial-ökologische Programm auch Frankreich-weit zur Option werden.