Hinweisschilder zum MNS in Prag
Reuters/David Cerny
„Epidemie nimmt an Kraft zu“

Tschechien besorgt über steigende Zahlen

In Tschechien ist die Zahl der Coronavirus-Neuinfektionen den dritten Tag in Folge auf einen neuen Rekord gestiegen. Innerhalb von 24 Stunden seien mehr als 3.000 neue Fälle registriert worden, teilte das Gesundheitsministerium am Freitag in Prag mit. Das sind ungefähr so viele Ansteckungen wie im ganzen Monat März. „Die epidemiologische Situation ist nicht gut. Die Epidemie nimmt an Kraft zu“, warnte Gesundheitsminister Adam Vojtech.

Die Gesamtzahl der Fälle verdoppelte sich innerhalb von rund drei Wochen auf 44.155. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums schließen nicht aus, dass sie noch in diesem Monat auf 70.000 steigen könnte. Das gelte für den Fall, dass die Reproduktionszahl, die angibt, wie viele Menschen eine infizierte Person im Schnitt theoretisch ansteckt, nicht unter den aktuellen Wert von 1,6 sinkt. Im schlechtesten Fall geht das Prager Gesundheitsministerium davon aus, dass Tschechien bis zum 31. Dezember insgesamt 3,6 Millionen bestätigte Fälle registrieren wird.

Vojtech appellierte an die Öffentlichkeit, die Hygienemaßnahmen gründlich einzuhalten. Die Regierung des Landes mit 10,7 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern spricht von einer exponentiellen Verbreitung des Coronavirus und zog nun die Notbremse. So müssen in Schulen sowie in allen öffentlichen Innenbereichen Masken getragen werden, diverse Veranstaltungen in Hallen sind verboten. Ab Freitag dürfen Bars nur noch für eine bestimmte Dauer geöffnet sein. Weitere Restriktionen werden nicht ausgeschlossen, allerdings denkt man nicht an eine Ausgangssperre und Schließung der Wirtschaft wie im Frühjahr.

Testkapazitäten begrenzt

Unterdessen mehren sich die Stimmen, die Behörden würden die Kontrolle über die Situation verlieren. Berichten zufolge dauert es bis zu eine Woche, um getestet zu werden. Stundenlanges Schlangestehen an den Teststationen ist laut Augenzeugen keine Seltenheit. Nicht selten würden die Betroffenen ihr Ergebnis viel später als in den eigentlich vorgeschriebenen 48 Stunden erfahren. Die Regierung rät deswegen von freiwilligen Tests ab. „Für einen Test sollte man einen klaren Grund haben“, so Vojtech, der jedoch einen Ausbau der Kapazitäten versprach.

Warteschlange vor einer Teststation in Prag
Reuters/David Cerny
Menschen müssen Schlange stehen, um sich testen zu lassen

Kritikerinnen und Kritiker nehmen es der Regierung übel, dass sich die Situation im Land so rasant verschlechtert. Erst hatte es nämlich strengere Pläne zu einer präventiven Verschärfung der Maßnahmen für den Beginn des Schuljahres gegeben. Es gab auch eine diesbezügliche Verordnung des Gesundheitsministeriums, allerdings griff Ministerpräsident Andrej Babis ein, und die Verordnung wurde deutlich gemildert. Kritische Stimmen unterstellen Babis eine politische Motivation: Er wolle die Wählerinnen und Wähler vor den Regional- und Senatswahlen Anfang Oktober nicht verärgern.

Babis: „Haben uns geirrt“

Babis gestand unlängst einen „Fehler“ ein. „Im Juni hatten wir das Gefühl, dass das Coronavirus weg ist. Leider haben wir uns geirrt“, sagte er und fügte hinzu, die Menschen hätten sich damals beschwert, dass die Regierung ihnen Maulkörbe anlegen wolle und Unternehmen beschränkt würden. Jetzt würden jene am meisten schreien, die früher nach Lockerungen gerufen hätten, so der Ministerpräsident.

Erst Anfang der Woche besprach Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) mit Babis und dem slowakischen Ministerpräsidenten Igor Matovic bei einem Treffen, dass die Grenzen möglichst offen bleiben sollten. Sollte es jedoch zu Grenzschließungen zwischen den Nachbarländern kommen müssen, sollte das besser abgestimmt erfolgen als im Frühling. Nach Tschechien können Österreicherinnen und Österreicher grundsätzlich frei einreisen, auch umgekehrt ist das möglich. Dass es jedoch auch in Österreich zu Infektionen gekommen ist, die sich auf einen vorherigen Aufenthalt in Tschechien zurückführen lassen, zeigen 28 infizierte Eishockeyspieler und Betreuer einer Nachwuchsmannschaft in Salzburg – mehr dazu in salzburg.ORF.at.

Slowakei stuft Tschechien als Risikoland ein

Tschechien bzw. einzelne Regionen in dem Land wurden allerdings schon von mehreren EU-Staaten auf die rote Liste gesetzt. Vor allem seitens der Slowakei war das für Babis auch ob der vorherigen Besprechung eine unangenehme Überraschung. Er sprach zwar von „Verständnis“, gleichzeitig warf er der Slowakei vor, „viel weniger als Tschechien zu testen“. Matovic konterte, man drücke Tschechien die Daumen, allerdings könnte die Slowakei „noch härter vorgehen, falls sich die Situation in Tschechien weiter verschlechtert“. Umgekehrt steht zurzeit nur noch Spanien auf der tschechischen Reisewarnungsliste.

489 Menschen starben in Tschechien bisher infolge einer CoV-Infektion. Laut der tschechischen Nachrichtenagentur CTK hat das Land inzwischen nach Spanien die zweitmeisten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner in Europa. Allerdings zeigen die meisten Patientinnen und Patienten nur leichte Symptome, derzeit sind gut 400 Menschen wegen Covid-19 im Krankenhaus. Die Zahl der in Kliniken Behandelten stieg jedoch nun wieder auf ein Niveau, das es zuletzt am Höhepunkt der Pandemie im April gegeben hatte. Nach Angaben der Regierung gibt es vor allem unter jüngeren Menschen vermehrt Infizierte. Die Zahl der positiv getesteten Senioren geht hingegen zurück.