US-Präsident Donald Trump und Präsidentschaftskandidat Joe Biden
AP/Patrick Semansky
Trump vs. Biden

Chaos und Untergriffe bei erstem TV-Duell

US-Präsident Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden sind am Dienstag (Ortszeit) zum wohl chaotischsten TV-Duell der jüngeren US-Geschichte aufeinandergetroffen. Zu hitzigen Wortgefechten und Beleidigungen kam es vor allem bei den Themen Coronavirus-Krise, Supreme Court und Rassismus. Indem Trump Biden laufend ins Wort fiel, dominierte er die Debatte laut Beobachtern zwar, gewonnen hat er sie Umfragen zufolge aber nicht.

Biden bezeichnete Trump zwischenzeitlich als „Rassisten“, „Putins Schoßhund“ und „den schlechtesten Präsidenten, den Amerika je hatte“. Trump weigerte sich auch vor einem riesigen TV-Publikum zu versprechen, sich nicht vor dem offiziellen Wahlergebnis zum Sieger zu erklären. Biden tat das.

Das Konzept der TV-Debatte war, jeweils 15 Minuten lang sechs Themenblöcke zu diskutieren. Der Moderator stellt eine Frage, die Kandidaten haben jeweils zwei Minuten für ihr Statement, danach folgt eine offene Diskussion. Diese Struktur fiel schnell auseinander. Mit seiner „Bulldozer-Persönlichkeit“ – so der Sender CNN – versuchte der Präsident, die Debatte zu dominieren.

US-Präsident Donald Trump und Präsidentschaftskandidat Joe Biden
AP/Olivier Douliery
Biden konnte seine Gedanken oft nicht zu Ende führen, weil Trump ihm laufend ins Wort fiel

„Würden Sie einmal die Klappe halten, Mann?“

Trump ließ Biden oft nicht ausreden, der ehemalige Vizepräsident reagierte häufig mit einem ironischen Lächeln und wehrte sich gelegentlich mit leicht resigniertem Ton. „Würden Sie einmal die Klappe halten, Mann?“, fragte er an einer Stelle – noch während der Debatte wurden auf Bidens Kampagnenseite T-Shirts mit dem Sager verkauft.

„Es ist schwer, mit diesem Clown auf den Punkt zu kommen“, sagte Biden auch. Auch der erfahrene TV-Journalist Chris Wallace als Moderator der Debatte hatte zum Teil große Probleme, Trump zur Ordnung zu rufen.

Als erste Frage wählte Wallace die aktuell anstehende Neubesetzung des Postens der verstorbenen Richterin Ruth Bader Ginsburg am Obersten Gerichtshof. Daraus wurde schnell eine Debatte über das Gesundheitswesen in den USA. Biden sagte, dass mit der von Trump vorgeschlagenen Richterin Amy Coney Barrett die Gesundheitsreform von Präsident Barack Obama zu Grabe getragen würde. Biden will, dass erst der Sieger der Wahl die Ginsburg-Nachfolge regelt. Trump konterte, er sei immer noch Präsident: „Wir haben die Wahl gewonnen und wir haben das Recht, das zu machen.“

Moderator Chris Wallace
Reuters
Auch Moderator Wallace tat sich schwer, Ruhe und Ordnung in das Duell zu bringen

Schlagabtausch zu Putin und Masken

Auch eine zentrale Frage für die USA – der Umgang mit der Coronavirus-Krise – sorgte für Streit. „Er will einen Shutdown dieses Landes, und ich will es offen halten“, sagte Trump. Biden konterte, Trump habe sich „völlig unverantwortlich“ verhalten und so Tausende von Menschenleben gefährdet. Grenzschließungen, Beatmungsgeräte, Impfbereitschaft, Abstand halten, Masken – die Fernsehdebatte sprang von einem zum anderen Streitthema der Coronavirus-Krise.

Masken bei TV-Duell im Fokus

Demokrat Joe Biden hat im Zuge der TV-Debatte betont, dass er als Präsident zum Tragen von Masken ermutigen würde, weil das viele Menschenleben retten könne. Der republikanische Präsident Donald Trump warf ein, dass einige den Nutzen von Masken bestreiten.

Biden betonte, dass er als Präsident zum Tragen von Masken ermutigen würde, weil das viele Menschenleben retten könne. Trump warf ein, dass einige den Nutzen von Masken bestreiten. „Keine ernsthafte Person hat das Gegenteil gesagt“, konterte Biden. Die Coronavirus-Pandemie hat in den USA bisher mehr als 200.000 Menschen das Leben gekostet. Als der Herausforderer sagte, die USA müssten im Umgang mit der Krise smarter werden, fuhr der Präsident ihn an: „In meiner Nähe sollten Sie das Wort smart nie in den Mund nehmen! Verwenden Sie nie dieses Wort! An Ihnen ist nichts smart, Joe.“

Mit dem Vorwurf, dass Trump Russlands Präsident Wladimir Putin nicht die Stirn biete, sagte Biden in Zusammenhang mit Berichten über angebliche Kopfgelder Russlands auf US-Soldaten in Afghanistan. „Er ist Putins Welpe“, so Biden. Bestätigt wurden die Berichte bisher nicht.

Trump bestreitet „NYT“-Enthüllungen

Für Aufsehen sorgten im Vorfeld der Debatte Enthüllungen der „New York Times“, wonach Trump in den Jahren 2016 und 2017 jeweils nur 750 Dollar Einkommensteuer auf Bundesebene gezahlt hatte. Der Republikaner sagte dazu, er zahle „Millionen“ an Steuern, ohne Details zu nennen. Biden hatte Stunden vor der TV-Debatte seine eigene Steuererklärung des Jahres 2019 veröffentlicht. Er und seine Frau Jill zahlten im vergangenen Jahr 299.346 Dollar an Bundessteuern.

Trump bestreitet „NYT“-Enthüllungen

Auf die Enthüllungen der „New York Times“ angesprochen meint Trump, dass er „Millionen“ an Steuern zahle.

„Proud Boys, haltet euch zurück und haltet euch bereit“

Trump weigerte sich, rassistische weiße Gruppen wie die Proud Boys zu verurteilen. „Wen soll ich verurteilen?“, fragte er Moderator Wallace. „Proud Boys, haltet euch zurück und haltet euch bereit!“, sagte Trump danach („stand back and stand by“). Der Satz sorgte unter US-Kommentatoren für Stirnrunzeln. Trumps Sohn Donald Trump Jr. sagte nach der Debatte im TV-Sender CBS, dass sich sein Vater wohl versprochen habe. Biden verwies mit einem Retweet darauf, dass die Proud Boys Trumps Äußerung im Netz feierten.

Trump verurteilt Rechtsextreme nicht eindeutig

US-Präsident Donald Trump weigerte sich in der TV-Debatte, Rechtsextreme und bewaffnete rechte Gruppen eindeutig zu verurteilen. „Fast alles, was ich sehe, ist vom linken Rand, nicht vom rechten Rand“, sagte er.

Die „New York Times“ berichtete, in privaten Kanälen in Sozialen Netzwerken hätten Proud-Boys-Anhänger Trumps Kommentar als „historisch“ gefeiert. In einem Kanal hätten Mitglieder der Gruppe die Aussage des Präsidenten als stillschweigende Billigung ihrer gewalttätigen Taktiken gewertet. In einer weiteren Nachricht heiße es, die Gruppe sehe bereits eine Zunahme der Zahl „neuer Rekruten“.

Biden nutzte den Wirtschaftsteil der Debatte, um sich direkt an die Wähler zu wenden. In der CoV-Krise sei es Millionären und Milliardären wie Trump gut ergangen, „aber Ihr Leute zu Hause, wie geht es Euch?“, sagte Biden in die Kamera. Es ist ein klassischer Zug in TV-Debatten in Amerika, seit der republikanische Kandidat Ronald Reagan im Duell mit Amtsinhaber Jimmy Carter 1980 die Zuschauer aufrief, darüber nachzudenken, ob es ihnen besser gehe als vor vier Jahren. Trump wiederholte unterdessen, dass er die beste Wirtschaft in der Geschichte des Landes aufgebaut habe.

Trump über Europas „Waldstädte“

Ein eher überraschender Moment kam, als Trump in der Debatte den Einfluss des Menschen auf die Erderwärmung einräumte – zumindest teilweise. Auf die Frage, ob er glaube, dass Umweltverschmutzung und Treibhausgase zur Erderwärmung beitrügen, sagte der Präsident: „Viele Dinge tun das, aber in einem gewissen Ausmaß: ja.“

Trump sagte, die Waldbrände an der US-Westküste hätten ihre Ursache auch darin, dass dort anders als in Europa keine ausreichende Forstwirtschaft betrieben werde. Einmal mehr sprach Trump dabei von Europas „Waldstädten“. Vor gut zwei Wochen sorgte er mit einer ähnlichen Aussage – unter anderem zu Österreichs „Waldstädten“ und „explosiven Bäumen“ – hierzulande für Lacher und eine Flut an Memes.

ORF-Korrespondentin Veit analysiert das Duell

ORF-Korrespondentin Hannelore Veit schätzt das erste TV-Wahlduell zwischen Donald Trump und Joe Biden ein. Ihrer Meinung nach sei es „enttäuschend“ gewesen. Als Sieger des Duells sieht sie Trump.

Gros der Zuschauer verärgert

In einer Blitzumfrage des Senders CBS sah eine knappe Mehrheit den demokratischen Herausforderer Bilden als Sieger. Auf die Frage, wer die Debatte gewonnen habe, nannten 48 Prozent Biden und 41 Prozent Trump. Rund zehn Prozent bewerteten den Ausgang als unentschieden. In einer Umfrage des Nachrichtensenders CNN war das Verhältnis 60 Prozent zu 28 Prozent für Biden.

Zuseher während der Übertragung in einem Lokal
Reuters/Mike Blake
Ausgelassene Stimmung bei Zuschauerinnen in einem Lokal – bei einem Großteil der Seher kam das Duell jedoch nicht gut an

Befragt nach ihrem überwiegenden Gefühl beim Anschauen der Debatte antworteten in der CBS-Blitzumfrage 69 Prozent, die Diskussion habe sie vor allem verärgert. Nur 31 Prozent fühlten sich davon unterhalten. In der Umfrage mit mehreren Antwortmöglichkeiten gaben zudem 19 Prozent an, sie seien nach der Sendung pessimistisch. Lediglich 17 Prozent sagten, die Debatte sei für sie informativ gewesen.

Den Ton der Diskussion empfanden 83 Prozent der Befragten als negativ, nur 17 Prozent als positiv.

Duellanalyse von Andreas Pfeifer (ORF)

ORF-Auslandsressortchef Andreas Pfeifer analysiert das erste Wahlduell zwischen Donald Trump und Joe Biden.

Medien: Trump wie ein Troll

Auch US-Medien konnten der Auseinandersetzung wenig abgewinnen. „Eine absolut grauenhafte Debatte“, titelte CNN. „Die große amerikanische Shitshow“, hieß es bei Buzzfeed News. Als „dreckig“ wurde die Debatte vom „Wall Street Journal“ bezeichnet. Trump habe sich auf der „Debattenbühne“ wie ein Troll aufgeführt, fasste die „Washington Post“ das Spektakel zusammen.