Contact Tracing Stelle der Wiener Gesundheitsbehörden
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Aschbacher

Arbeitslose sollen Contact-Tracer werden

Arbeitsministerin Christine Aschbacher (ÖVP) will ältere und Langzeitarbeitslose als Contact-Tracer an die Bundesländer vermitteln. In vielen Bundesländern würden zusätzliche Kräfte zur Umsetzung der Coronavirus-Schutzmaßnahmen benötigt, zum Beispiel für Zugangskontrollen bei Pflegeheimen und beim Contact-Tracing, hieß es dazu am Samstag aus dem Arbeitsministerium.

Alle Bundesländer bis auf Wien und das Burgenland hätten Interesse an einer diesbezüglichen Zusammenarbeit bekundet, so Aschbacher weiter. Gefragt seien besonders Personen mit Erfahrungen im Gesundheits- und Pflegebereich. Betriebe, die schwer vermittelbare Leute einstellen, sollen zwei Drittel der Lohnkosten vom Arbeitsmarktservice (AMS) ersetzt bekommen. „Unser Fokus liegt auf der Vermittlung in versorgungskritische Bereiche“, erklärte die Ministerin laut Mitteilung.

„In Kooperation mit dem AMS stellen wir die notwendigen Mittel bereit, um solche Beschäftigungsverhältnisse zu fördern.“ Das Geld dafür soll im Rahmen der AMS-Eingliederungshilfe aufgebracht werden – in diesem Jahr seien dafür bereits rund 116 Mio. Euro aufgewendet worden, teilte das Arbeitsministerium mit. Rund 32.600 Menschen seien dadurch wieder in Beschäftigung gekommen. Die Mittel für Eingliederungsbeihilfen seien nicht ausschließlich zweckgebunden, sie kämen auch aus dem regulären Förderbudget. Entsprechende Reserven seien im AMS-Förderbudget für heuer noch vorhanden.

Arbeitsministerin Christine Aschbacher
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Arbeitsministerin Christine Aschbacher (ÖVP) will Arbeitslose für Contact-Tracing einsetzen

Ein Viertel der Fälle zurückverfolgbar

Die Coronavirus-Krise gerät offenkundig langsam außer Kontrolle. Zuletzt wurde nur noch bei 27 Prozent der Infektionsfälle die Quelle geklärt. Diese Zahl nannte Daniela Schmid, Sprecherin der CoV-Kommission, Freitagvormittag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne).

Das heißt, nur noch bei etwa jedem vierten Infizierten weiß man, wo er sich angesteckt hat. In der Woche davor lag der Wert noch bei 50 Prozent. Laut Schmid war es vorauszuahnen, dass die Zahl der Clusterfälle – jene Fälle, die einer Quelle zugeordnet werden können – zurückgeht. Die Zuordnung der Fälle in der jetzigen Lage beanspruche mehr Zeit, da bei täglich mehreren tausend neuen Infektionsfällen natürlich auch die Nachverfolgung der Kontaktpersonen mehr Zeit in Anspruch nehme. Man werde die Zahl der geklärten Fälle aber wieder erhöhen, sagte sie, „das wird gelingen“.

Aus für AGES-Clusteranalysen?

Die „Wiener Zeitung“ berichtete bereits am Donnerstag, dass die Clusteranalysen, die von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) seit Monaten durchgeführt werden, wohl beendet werden. „Da in etlichen Behörden das Contact-Tracing zusammengebrochen ist, ist der Anteil der abgeklärten Clusterfälle derart gesunken, dass eine Analyse der Cluster keinen Sinn mehr ergibt“, heißt es. Auch der Salzburger Infektiologe Richard Greil sagte, dass das Contact-Tracing seit Ende September nicht mehr funktioniere – mehr dazu in salzburg.ORF.at.

Daniela Schmid (Sprecherin der Ampelkomission)
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Daniela Schmid, Leiterin der CoV-Kommission, mahnte, dass es auch viel Eigenverantwortung brauche

„Dramatische Entwicklung“

Schmid hingegen sagte, dass das Contact-Tracing weiterhin durchgeführt werde. Kein einziger Bezirk gebe diese Maßnahme auf. Die Steiermark nahm etwa die automatische Schnittstelle zum „Falldatenerhebungs-Tool“ der AGES in Betrieb. Personen, die über die Gesundheitshotline 1450 als Verdachtsfall einen Termin für einen CoV-Test bekommen, erhalten per SMS auch einen TAN-Code, der den Zugang zu einer eigenen Website des Gesundheitsministeriums ermöglicht – dort kann die Verdachtsperson selbstständig ein Erhebungsformular ausfüllen – mehr dazu in steiermark.ORF.at.

Anschober selbst sprach von einer „dramatischen Entwicklung“ in Europa und in Österreich. Die Neuinfektionen in der abgelaufenen Woche liegen nun bei über 400 je 100.000 Einwohner und Einwohnerinnen. Anfang Oktober lag die Zahl noch bei rund 60. Die zweite Welle sei „stärker und dynamischer als die erste“, sagte der Gesundheitsminister. In allen Bereichen steigen die Zahlen: bei den positiven Fälle in Alters- und Pflegeheimen, der Auslastung der Intensivbetten und den Todesfällen. Binnen einer Woche wurden rund 250 Covid-19-Todesfälle gemeldet, die Auslastung der Intensivbetten stieg auf 19 Prozent – mehr dazu in oesterreich.ORF.at.

Eine abschließende Bewertung der Lage nach der jüngsten Verordnung, die für Ausgangsbeschränkungen und Betretungsverbote sorgte, werde es erst nächste Woche geben. Er, Anschober, habe aber den Eindruck, dass man sich an die neuen verschärften Regeln hält. Der Ressortchef zeigte sich zuversichtlich, die Situation zu „stabilisieren“.

Vorerst keine Schulschließung

Schmid von der AGES sagte, dass der Altersdurchschnitt der Infizierten zuletzt auf 43 Jahre gestiegen sei. Gemäß den vorliegenden Zahlen seien Kinder bis 14 keine Infektionstreiber. Es gebe zwar auch Schulcluster bei Zehn- bis 14-Jährigen. Die seien aber von Erwachsenen hineingetragen. Nach wie vor gebe es nicht die Situation einer zunehmenden Übertragungsaktivität innerhalb der Schüler und Schülerinnen.

Sie appellierte, dass Personen Kontakte meiden sollten, wenn sie selbst Kontakt mit Infizierten hatten. Es brauche auch ein wenig Eigenverantwortung, so die Expertin. Man müsse eben darüber nachdenken, ob man Kontakt zu einer 80-jährigen Verwandten sucht, die anschließend schwer erkranken könnte. Anschober ergänzte: „Wenn jemand positiv getestet ist und den Quarantänebescheid nicht gleich bekommt, soll er eigenverantwortlich handeln und nicht warten, bis das Papier kommt.“

Anschober: „Dramatische Entwicklung“

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne), Daniela Schmid (Coronavirus-Kommission) und Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH, haben über den aktuellen Verlauf der Pandemie in Österreich informiert.

Anschober kündigte auch an, vorerst keine Schulen zu schließen. Solange man nicht wisse, wie der Lockdown wirkt, werde es keine weitere Maßnahmen geben, so der Gesundheitsminister. Sollte sich allerdings die Lage in einem bestimmten Bereich dramatisch verändern, könnte man auch kurzfristig eingreifen. So rechnete der Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH, Herwig Ostermann, vor, dass am 18. November 750 Personen auf Intensivstationen sein werden. Damit stößt das Gesundheitssystem an seine Grenzen. Ostermann betonte, dass die Prognosen aber darauf basieren, dass die Maßnahmen befolgt werden und eine dämpfende Wirkung haben.