Passantin vor einer Auslage
ORF.at/Carina Kainz
Mitten im Lockdown

Streit über Sonntagsöffnung

Der Vorschlag der Wirtschaftskammer, die Verluste durch den Lockdown für den Handel zu minimieren, indem im Weihnachtsgeschäft auch sonntags geöffnet wird, sorgt für heftige Reaktionen von Gewerkschaft und Kirchen. Aber auch innerhalb der Wirtschaft gibt es Skepsis.

Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer fordert für die Zeit nach dem Lockdown längere Öffnungszeiten und das Aufsperren für den Handel auch am Sonntag. Einerseits soll damit der Umsatz in der Vorweihnachtszeit noch angekurbelt werden, andererseits gehe es auch „um das Entzerren der Kundenströme“, sagte Mahrer gegenüber Ö3.

Der Wirtschaftskammer-Chef plädierte dafür, auch beim Onlineshopping „regional-digital“ auf österreichischen Shoppingportalen einzukaufen. „Wichtig ist jetzt, dass die Umsätze in Österreich bleiben.“ Der Lockdown sei ein schwerer Schlag für den Handel. „Die haben sich alle eingedeckt mit Ware für das Weihnachtsgeschäft, das ist für den Handel die stärkste Zeit im Jahr.“

Gewerkschaft: „Mehr als verärgert“

Arbeiterkammer (AK) und Gewerkschaft zeigten sich empört über den Ruf des Wirtschaftskammer-Präsidenten nach einer Sonntagsöffnung und längeren Handelsöffnungszeiten in der Vorweihnachtszeit. „Wir sind mehr als überrascht und verärgert. Mit uns wurde nicht einmal das Gespräch gesucht“, sagte Barbara Teiber, Vorsitzende der Gewerkschaft GPA.

Mahrers Vorstoß sei eine Hauruckaktion und der Sozialpartnerschaft unwürdig, zumal es um Hunderttausende Handelsangestellte gehe, die in der Pandemiezeit sehr belastet gewesen seien, so die Spitzengewerkschafterin. „Wir haben die Handelsangestellten dutzendfach zur Sonntagsöffnung befragt.“ Diese werde mit großer Mehrheit abgelehnt.

Zu einer Verlängerung der Öffnungszeiten sagte Teiber: „Schon jetzt können Geschäfte bis 21.00 Uhr offen halten. Wie lang denn noch?“ Auch Handelsangestellte „sind Menschen, haben eine Familie“.

Für AK-Chefin Renate Anderl (SPÖ) bringt die Sonntagsöffnung „mehr Probleme für ArbeitnehmerInnen, ihre Familien und kleine Betriebe, als es der Wirtschaft insgesamt helfen kann“. Sie argumentierte unter anderem mit Kinderbetreuungspflichten, die insbesondere Alleinerziehende treffen.

Gegenvorschläge der Gewerkschaft

Das Argument, die heimischen Handelsbetriebe gegen den US-Giganten Amazon zu stärken, lässt Teiber nicht gelten. Die Gewerkschaft sei zu jeder Allianz für eine faire Besteuerung des Onlineriesen bereit. „So etwas bringt was, nicht zwei Sonntage.“ Für den Handel sinnvoller wäre es außerdem, die Gewerkschaftsforderung nach dem „Corona-Tausender“ aufzugreifen. „Da gab es die Idee, diesen in Gutscheine umzuwandeln“, sagte Teiber. Dies könnte man kommendes Jahr umsetzen, was dem Handel auch mittelfristig helfen würde. Denn: „Natürlich fehlt den Haushalten Geld.“

Auch die Arbeitnehmervertreter des ÖVP-Arbeitnehmerbundes ÖAAB in Wien stiegen noch in die breite Front gegen eine Sonntagsöffnung ein. Mahrers Parteikollegen vom ÖAAB sprachen von einer „geschmacklosen Entgleisung“ Mahrers.

Warnung vor Folgen von Sonntagsöffnung

Die „Allianz für den freien Sonntag“, zur der neben den Kirchen auch Gewerkschaften und zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen gehören, ist auch im Coronavirus-Jahr gegen eine Sonntagsöffnung in der Vorweihnachtszeit. Gerade die Handelsangestellten, die in den vergangenen Monaten arg drangekommen seien und sich einem gesundheitlichen Risiko aussetzten, brauchten die Erholung am Sonntag, sagte Allianz-Koordinatorin Daniela Ebeert am Donnerstag.

„Der Sonntag ist ein wichtiges wirtschaftliches Kulturgut in Österreich“, so Ebeert. Die Menschen brauchten einen gemeinsamen freien Tag, Kinder ihre Eltern. Wenn jeder an einem anderen Tag freihätte, wären zum Beispiel ehrenamtliche Tätigkeiten gar nicht mehr möglich. „Da bricht so viel zusammen.“

Ablehnung auch in Wirtschaft

Widerstand gibt es aber selbst aufseiten der Wirtschaft. Peter Buchmüller, Präsident der Wirtschaftskammer Salzburg und selbst Händler, ist beispielsweise gegen den Mahrer-Vorstoß. „Das wäre für den Handel nicht gut, speziell für kleine und mittlere Betriebe“, sagte er der „Kleinen Zeitung“. Buchmüller gab zu bedenken, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen 100-prozentigen Zuschlag bekommen müssten. „Die Frage ist, für wen das dann ein Geschäft ist – nur für die Großen“, so der Salzburger WKÖ-Chef. Die steirische Wirtschaftskammer spricht sich dagegen für die Sonntagsöffnung aus – mehr steiermark.ORF.at.

Kein Garant für mehr Geschäft

Eine Sonntagsöffnung sei grundsätzlich zu begrüßen, müsse aber unbedingt auf Freiwilligkeit seitens der Händler basieren, forderte seinerseits der Handelsverband. Denn die Personalkosten am Sonntag seien hoch.

Es sei zu beachten, „dass die Personalkosten im Handel unter der Woche nach 18.30 Uhr, am Samstag ab 13.00 Uhr und am Sonntag generell aufgrund von Zuschlägen um ein Vielfaches höher sind“, so Handelsverbandsgeschäftsführer Rainer Will. Das sei gerade für viele kleinere Betriebe, die seit mehr als neun Monaten stark unter der Coronavirus-Krise litten, „nicht leicht zu heben“.

Überdies könne nicht jeder Händler von Umsatzzuwächsen ausgehen, in manchen Bereichen würde lediglich eine Umsatzumverteilung stattfinden. „Es darf daher keinesfalls zu einer Offenhaltepflicht kommen“, so Will. „Da auch die 600.000 Beschäftigten im heimischen Handel im Coronajahr 2020 bereits belastet waren, empfehlen wir eine Sonntagsarbeit im Dezember nur auf freiwilliger Basis.“