Migrant hinter Stacheldrahtzaun vor einem Zelt
APA/AFP/Desiree Martin
Nach Protesten

Flüchtlingslager auf Kanaren aufgelöst

Nach wochenlangen Protesten gegen die unmenschlichen Zustände ist am Sonntagabend das Flüchtlingslager in Arguineguin im Süden Gran Canarias aufgelöst worden. Die letzten 27 Geflüchteten wurden in provisorische Unterkünfte einer Militäranlage auf der Kanareninsel verlegt. Doch damit sei das Problem nicht gelöst, so die Bürgermeisterin von Arguineguin, Onalia Bueno.

Das Erstaufnahmelager wurde Mitte August vom Roten Kreuz errichtet. Eigentlich sollten dort provisorisch die plötzlich ankommenden afrikanischen Geflüchteten behandelt und auf CoV getestet werden. Doch täglich waren es teilweise bis zu 300 Menschen, die auf der spanischen Urlaubsinsel vor der Küste Westafrikas landeten.

In dem für maximal 500 Personen konzipierten Camp auf der Hafenmole in Arguineguin mussten auf 400 Quadratmetern streckenweise bis zu 2.600 Personen untergebracht werden. Die Menschen erhielten tagelang nur belegte Brötchen und Wasser, mussten unter freiem Himmel auf dem Boden schlafen, bestätigte der Notfalleinsatzleiter des Roten Kreuzes, Jose Antonio Rodriguez, der APA.

Flüchtlinge im Hafen von Arguineguin
AP/Javier Fergo
Das Flüchtlingslager im Hafen von Arguineguin war ursprünglich für höchstens 500 Personen konzipiert

„Kann nur Übergangslösung sein“

„Die Auflösung des Lagers ist eine gute Nachricht. Hier wurden Menschenrechte verletzt. Dennoch ist das Problem damit nicht gelöst. Die Flüchtlinge in nahen Hotels oder provisorischen Zeltcamps in Militäreinrichtungen unterzubringen kann nur eine Übergangslösung sein“, sagte Bueno auf APA-Anfrage.

Auch Angel Victor Torres, Regionalpräsident der Kanarischen Inseln, begrüßte die Auflösung des Lagers, forderte die Zentralregierung von Ministerpräsident Pedro Sanchez am Montag jedoch erneut auf, die Kanaren nicht mit dem Flüchtlingsproblem alleine zu lassen und einen Großteil der Geflüchteten aufs Festland zu bringen. Die Inselgruppe hat 2,15 Millionen Einwohner und Einwohnerinnen.

Wochenlange Proteste

Schon seit Wochen protestierten die Regionalregierung und die Bürgermeisterin von Arguineguin gegen die Zustände in dem Flüchtlingsaufnahmelager. Auch NGOs wie Human Rigths Watch (HRW), Amnesty International und die spanische Flüchtlingsorganisation CEAR forderten regelmäßig die sofortige Schließung des Lagers.

Der hohe Migrationsdruck führte bereits zu sozialen Spannung in der Ortschaft. Es gab mehrere Protestkundgebungen. „Die sanitären und hygienischen Verhältnisse sowie die Unterbringung der Menschen waren eine Schande für Spanien und Europa“, sagte CEAR-Sprecher Jose Maria Santana der APA.

Polizist im Hafen von Arguineguin
AP/Javier Fergo
Am Sonntag wurde das Camp aufgelöst – und die Geflüchteten in Hotels und provisorischen Zeltcamps in Militäreinrichtungen untergebracht

HRW kritisiert schwierige Isolierung von Infizieren

HRW, eine der unabhängigen Organisationen, die an Ort und Stelle die Situation beobachteten, berichtete Mitte November von 14 Zelten ohne befestigten Boden mit je einer mobilen Toilette für jeweils 30 bis 40 Personen. Unter diesen Bedingungen könnten weder die Würde der Menschen noch ihre Grundrechte geschützt werden, bemängelte HRW. Die Isolierung von CoV-Infizierten könne ebenfalls nicht ausreichend gewährleistet werden.

Insgesamt fünf spanische Minister und Regierungschef Sanchez besuchten Gran Canaria, nachdem das Camp auch in der Presse in den Mittelpunkt der nationalen Berichterstattung geraten war. Zwar wurde schnelle Hilfe versprochen, die spanische Regierung reagierte jedoch erst mit Verspätung auf die Hilferufe der Lokalpolitik.

Debatte über Rückführungen

Innenminister Fernando Grande-Marlaska besuchte seinen Amtskollegen Abdelouafi Laftit in Rabat, um die marokkanische Regierung erneut zu schnellen Rückführungen der mehrheitlich marokkanischen Bootsflüchtlinge zu bewegen. Gleichzeitig machte sich Außenministerin Arancha Gonzalez-Laya in Senegal dafür stark.

Spanien hat mit verschiedenen westafrikanischen Ländern Rückführungsabkommen von Geflüchteten geschlossen. Diese wurden jedoch aufgrund der Grenzschließungen im Zuge der Coronavirus-Pandemie ausgesetzt und provozierten unter anderem die Flüchtlingsbewegung auf die Kanaren.

Woher die Geflüchteten stammen, wird offiziell nicht kommuniziert. HRW geht davon aus, dass die meisten der auf den Kanaren gestrandeten Menschen aus Senegal, Mali, Marokko, der Elfenbeinküste und Guinea stammen.

Flüchtlingscamp auf Gran Canaria
Reuters/Borja Suarez
„Man will die Kanaren zu einem zweiten Lesbos machen, zu Gefängnisinseln, damit die Flüchtlinge fernbleiben“, so der Regierungschef von Gran Canaria

Kanaren als „zweites Lesbos“

Dennoch lehnt die spanische Zentralregierung es weiterhin ab, die Geflüchteten aufs spanische Festland zu bringen, weil sie eine Sogwirkung für weitere Bootsflüchtlinge befürchtet. Diese ist jedoch wissenschaftlich nicht bewiesen. „Man will die Kanaren zu einem zweiten Lesbos machen, zu Gefängnisinseln, damit die Flüchtlinge fernbleiben“, so Antonio Morales, Regierungschef von Gran Canaria, im Gespräch mit der APA.

Da die Mittelmeer-Routen derzeit gut überwacht sind und die Pandemie die Armut in vielen westafrikanischen Ländern verschlimmert, kommt es zu vielen Ankünften auf den zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln vor der Küste Westafrikas. 19.000 Menschen erreichten in diesem Jahr bereits die Kanaren, 1.000 Prozent mehr als im Vorjahr. Dabei gehört die Flüchtlingsroute über den Atlantik zu den gefährlichsten nach Europa. EU-Innenkommissarin Ylva Johansson sprach etwa kürzlich anlässlich eines Besuchs auf den Kanaren von der „tödlichsten“ Fluchtroute".

Bereits 600 Todesopfer

Die Flüchtlingsagentur der Vereinten Nationen, ACNUR, schätzt, dass in diesem Jahr mindestens 600 Menschen beim Versuch gestorben sind, die Kanaren und damit Europa zu erreichen. Flüchtlingsorganisationen gehen von über 3.000 aus. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) stirbt auf der Atlantikroute schätzungsweise jeder 16. Geflüchtete. Wie hoch die tatsächliche Zahl der Opfer ist, ist unbekannt.

Dennoch dürfte das die Zahl der Übersetzungen in den kommenden Monaten nicht mindern: „Wir schätzen, dass derzeit rund 100.000 abfahrbereite Menschen an der westafrikanischen Küste auf eine Gelegenheit warten, zu uns überzusetzen“, sagte Froilan Rodriguez, Immigrationsbeauftragter der kanarischen Regierung, laut der spanischen Presseagentur Europapress.