Bundeskanzler Sebastian Kurz
Reuters/Leonhard Foeger
Nach hartem Lockdown

Kurz mahnt zu Disziplin

Am Tag vor dem Ende des harten Lockdowns hat Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) an die Bevölkerung appelliert, die weiter geltenden Maßnahmen einzuhalten. Nur so könne sich die positive Entwicklung fortsetzen, so der ÖVP-Chef in einer schriftlichen Stellungnahme. Die gute Nachricht sei, dass der Lockdown gewirkt habe. Es sei gelungen, in den letzten Wochen die Zahl der durchschnittlichen täglichen Neuansteckungen zu halbieren, so der Kanzler.

Diese Entwicklung habe dazu geführt, dass die akut bevorstehende Überforderung der Intensivstationen verhindert worden sei. Die 7-Tage-Inzidenz in Österreich ist von über 500 auf 253 gesunken (Stand: heute, 14.00 Uhr) gesunken.

Die effektive Reproduktionszahl (R(eff)) sank von 1,04 auf 0,82 (Stand: 2.12.). Eine Reproduktionszahl von 1,0 bedeutet, dass pro Fall eine weitere Neuansteckung ausgelöst wird. Somit ergibt sich theoretisch täglich eine gleich bleibende Anzahl der Neuinfektionen, also eine endemische Verbreitung des Virus.

Christbaum vor Geschäften im Zentrum von Wien
APA/Herbert Neubauer
Noch ist es wegen des harten Lockdowns ruhig in Österreichs Einkaufsstraßen. Das dürfte sich ab Montag ändern.

Die AGES wies allerdings darauf hin, dass die effektive Reproduktionszahl nichts über die Höhe der täglichen Fallzahlen aussagt. Wichtig ist, R(eff) immer in Zusammenhang mit dem Niveau der Fallzahlen zu betrachten – mehr dazu in orf.at/corona .

„Alternativlos“

Diese Fortschritte dürften nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden, so der Regierungschef. Die verbleibenden Maßnahmen – etwa die nächtliche Ausgangssperre, Kontaktbeschränkungen und geschlossene Lokale und Tourismusunterkünfte – seien alternativlos.

Gemeinsam mit den Massentests schafften sie die Möglichkeit, das Infektionsgeschehen so gut es geht unter Kontrolle zu bringen. Dabei wirbt Kurz noch einmal dafür, an den bisher spärlich besuchten Testungen teilzunehmen: „Denn 15 Minuten Schnelltest können uns allen viele Wochen des Lockdowns ersparen.“

Gleichzeitig versicherte der Kanzler einmal mehr, dass es Licht am Ende des Tunnels gebe: „Die Entwicklung und Zulassung der Impfstoffe schreitet rasant voran und die Vorbereitungen, diese Impfstoffe auch bei uns bereits im Jänner einzusetzen, laufen auf Hochtouren.“

Anschober: „Zahlen weiterhin sehr hoch“

Auch Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) zog am Samstag eine positive Bilanz. „Damit haben wir die Ziele des Lockdowns erreicht und wir rechnen damit, dass sich dieser Effekt noch rund zwei Wochen fortsetzen wird", so Anschober in einer Aussendung. „Aber die Zahlen sind weiterhin sehr hoch, die Lage daher weiterhin sehr ernst. Die Lage auf den Intensivstationen ist noch nicht entschärft und auch die Zahl der Todesfälle ist viel zu hoch.“

Eine Weichenstellung würden daher die nächsten vier Wochen bringen. „Die Einkaufstage und die Feiertage sind nach dem Ende des Lockdowns ein Risiko. Genau in dieser Phase müssen wir uns sehr vorsichtig verhalten, auf den Mindestabstand ganz besonders achten, Menschenansammlungen vermeiden und Mund-Nasen-Schutz tragen“, fuhr Anschober fort und mahnte, wenige persönliche Kontakte zu haben. „Unser Ziel muss sein, dass wir die Zahlen bis Weihnachten noch einmal deutlich absenken.“

Der Lockdown wirke, die Massentests müssten fortgesetzt werden, und es gelte, nicht leichtsinnig zu werden. Das betonte am Sonntag Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne). Man sei am richtigen Weg, die Zahlen seien aber „noch viel zu hoch“. In Hinblick auf die Geschäftsöffnungen richtete der Ressortchef Appelle an Handel und Bevölkerung. „Ziel muss sein, dass wir die Neuinfektionen in Richtung 1.000 Fälle weiter absenken können“, sagte Anschober. Das würde Auswirkungen auf das gesamte System haben: „Denn zuerst sinken die Neuinfektionen, dann nach ein bis zwei Wochen die Hospitalisierungen, etwas später die ICU-Zahlen und schließlich mit einer weiteren Verzögerung die Todeszahlen.“

Alle Geschäfte wieder offen, Gastro bleibt zu

Ab Montag darf während der zweiten Coronavirus-Welle der Handel wieder aufsperren. Nach fast drei Wochen Coronavirus-Lockdown gilt das für Geschäfte, Einkaufszentren, Friseursalons und andere Dienstleistungen wie Kosmetikstudios und Massagepraxen. Für Kundinnen und Kunden sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besteht weiter Maskenpflicht, auf eine Kundin bzw. einen Kunden müssen zumindest zehn Quadratmeter Fläche kommen. In kleineren Geschäften darf sich immer nur ein Kunde bzw. eine Kundin aufhalten.

In Shoppingcentern wird als Fläche nur jene von Geschäften gewertet. Bei allen Dienstleistern gilt ein Verbot, Speisen oder Getränke anzubieten. Die Bundesregierung kündigte bereits eine starke Polizeipräsenz in den Einkaufsstraßen und Einkaufszentren an, um bei großem Andrang ein Chaos zu vermeiden.

Nehammer: Noch genug Zeit für Einkäufe

Innenminister Nehammer betonte am Sonntag, für die Weihnachtseinkäufe sei noch genug Zeit: „Sie müssen nicht am ersten Tag in die Einkaufszentren strömen. Es wird genug Zeit sein, damit jede und jeder seinen Weihnachtseinkauf erledigen kann“, so der Minister. Gleichzeitig mahnte er zu äußerster Vorsicht beim Einkaufen und appellierte an die Menschen im Land, Situationen zu meiden, in denen der Abstand nicht eingehalten werden könne. „Die Maßnahmen sind mühsam und nervig und gleichzeitig eine absolute Notwendigkeit. Gerade in Einkaufsmeilen ist höchste Vorsicht geboten.“

Der Innenminister wies erneut auf engmaschige Kontrollen der Polizei hin: „Speziell in Einkaufsstraßen werden verstärkte Streifen die Einhaltung der Covid-Regeln kontrollieren.“ Wegen Verstößen könnten Organstrafmandate verhängt oder auch Anzeigen erstattet werden. „Die Strafen der Gesundheitsbehörden sind empfindlich hoch – bis zu 1.450 Euro“, so Nehammer.

Kolba: Regierung hätte Sonderangebote verbieten können

In den Sozialen Netzwerken und in diversen Medien häufen sich allerdings die kritischen Kommentare zu den Sonderangebote, die viele Geschäfte für die nächsten Tage angekündigt haben. Es wird ein zusätzlicher Ansturm – ähnlich wie kurz vor dem harten Lockdown – befürchtet. Peter Kolba, Obmann des Verbraucherschutzvereins etwa, kritisierte am Sonntag die Regierung auf Twitter. „Die Regierung hätte für die Zeit des Lockdowns zB Sonderangebote auch verbieten können“, so Kolba. „Aber man setzt ja auf Eigenverantwortung der Kunden, statt auf verordnete Verantwortung für den Handel.“

Der Marienfeiertag am Dienstag ist in Österreich ein verkaufsoffener Feiertag, an dem der Ansturm normalerweise schon groß ist. Um die Kundenströme etwas zu entzerren, haben sich die Sozialpartner aber auf eine Verlängerung der Öffnungszeiten am 8., 12. und 19. Dezember geeinigt. Die Geschäfte dürfen dann bis 19.00 Uhr statt wie bisher 18.00 Uhr offen haben. Ein Wermutstropfen des Neustarts ist die fehlende Gastronomie, die für den Handel ein Frequenzbringer ist. Restaurants, Lokale und Cafes dürfen frühestens am 7. Jänner wieder aufmachen.

Kritik von österreichischem Virologen

Der am New Yorker Mount Sinai Hospital in New York tätige steirische Virologe Florian Krammer äußerte sich skeptisch bezüglich der am Montag in Kraft tretenden Lockerungen des Lockdowns in Österreich. „Aus virologischer Sicht ist das nicht besonders klug. Wenn man noch so viele Virusinfektionen hat, kann es sehr leicht dazu kommen, dass es gleich wieder zu einer explosionsartigen Ausbreitung des Virus kommt“, sagte er am Sonntag in der Ö3-Sendung „Frühstück bei mir“.

„Es wäre besser gewesen, wenn man noch in dem Lockdown geblieben wäre, bis die Zahlen wirklich hinuntergehen. Sie sollten unter 500 gehen, besser noch 200, bis man sagt, dass die Restriktionen gelockert werden können“, betonte Krammer.