Riccardo Muti
ORF/Roman Zach-Kiesling
Mehr als Unterhaltung

Neujahrskonzert mit Appell an Politik

Die Coronavirus-Pandemie hat ihren Schatten auch auf das heurige Neujahrskonzert geworfen. Die Wiener Philharmoniker spielten in einem leeren Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Die gute Laune ließ sich Dirigent Riccardo Muti dadurch aber nicht nehmen. Und am Ende gab es auch noch eine eindringliche Mahnung an die „Präsidenten und Premierminister überall auf der Welt“.

Über eineinhalb Stunden führte Muti die Philharmoniker durch Walzer, Polka und Quadrille. Dass sie ihr Publikum nur erahnen konnten, brachte weder Dirigenten noch Orchester aus der Ruhe. Ebenso wenig, dass der Applaus dieses Mal digitale Umwege nehmen musste. 7.000 Menschen weltweit hatten sich zuvor registriert und klatschten vor ihrem Handy, während Tontechniker die Aufnahmen live einspielten.

Gefehlt haben dürften die Zuhörerinnen und Zuhörer im Saal aber dennoch. Vor den traditionellen Zugaben, dem Walzer „An der schönen blauen Donau“ und dem „Radetzky-Marsch“, wandte sich Muti an das für für ihn unsichtbare Publikum, an den Radio- und Fernsehgeräten. „Wir wissen, dass wir für viele Millionen Menschen auf der ganzen Welt spielen.“ Doch für ihn und das Orchester sei es sehr ungewöhnlich, vor einem völlig leeren Saal zu spielen. Dass die Philharmoniker dennoch so schön gespielt hätten, liege auch an den Geistern der großen Musiker und Komponisten, die in diesem Saal Geschichte geschrieben hätten. Das Orchester habe aber auch eine Botschaft in die Welt schicken wollen.

„Kultur eines der Hauptelemente für bessere Gesellschaft“

Eine solche hatte der italienische Dirigent dann auch selbst noch auszurichten. Das vergangene Jahr sei schwierig gewesen, „ja, eigentlich ein ‚annus horrbilis‘, wie ich auf Latein sagen würde. Aber wir sind immer noch da und glauben an die Botschaft der Musik“, so Muti. Dabei sei Musik nicht einfach „Unterhaltung“, wie viele meinten. „Musik ist eine Mission, die Gesellschaft besser zu machen“, sagte der Dirigent. Natürlich sei Gesundheit das Wichtigste, aber es gehe auch um die „Gesundheit des Geistes“.

Neujahrsgruß von Dirigent Riccardo Muti

Er habe eine Botschaft für die „Regierenden, die Präsidenten und Premierminister auf der ganzen Welt: Betrachten Sie Kultur als eines der Hauptelemente, um eine bessere Gesellschaft zu formen“, sagte Muti, bevor er gemeinsam mit den Philharmonikern „Prosit Neujahr“ wünschte.

Langjährige Zusammenarbeit

Muti arbeitet seit 50 Jahren mit den Wiener Philharmonikern zusammen. Bei seinem mittlerweile sechsten Einsatz als Dirigent des Neujahrskonzerts wurde einmal deutlich, dass sich der Maestro und die Musikerinnen und Musiker beinahe blind verstehen. Manchmal ließ er den Taktstock hängen und hörte einfach zu. „Es ist schwierig, diesem Orchester mit diesem Repertoire gegenüberzutreten“, sagte Muti im Vorfeld. „Ich hatte das Gefühl, da richte ich eher Schaden an.“

Wer so lange mit einem Orchester zusammenarbeitet, darf auch mit Koketterien spielen. Denn für überflüssig hält sich Muti freilich nicht. „Die Leute glauben, das ist einfache Musik. Nein! Wenn du eine Mischung finden willst zwischen deinen Ideen und der Tradition, die dem Orchester innewohnt, brauchst du einen wirklich guten Piloten.“

„Neue Melodien-Quadrille“ von Johann Strauß Sohn

So steuerte Muti die Philharmoniker über den Auftakt mit Franz von Suppe zu Josef Strauß, Johann Strauß Vater und Sohn und auch zu Walzern von Carl Zeller und Karl Komzak sowie einem Galopp von Karl Millöcker. Und ein Stück wie Strauss’ „Neue Melodien-Quadrille“ mit Zitaten aus den Opern Giuseppe Verdis durfte dabei wohl durchaus auch als Einflechten der eigenen Tradition verstanden werden.

Pausenfilm würdigt Burgenland-Jubiläum

Der Pausenfilm mit dem Titel „Happy Birthday, Burgenland! 1921—2021“ von Felix Breisach würdigte das jüngste und kleinste Bundesland Österreichs zum 100-Jahr-Jubiläum. Die während des Konzerts eingespielten Einlagen des Wiener Staatsballetts in der neuerlichen Choregrafie von Jose Carlos Martinez sowie Kostümen von Christian Lacroix wurden unter der Regie von Henning Kasten im Sommer im Gartenpalais Liechtenstein sowie im Looshaus gedreht.

Strenges Sicherheitskonzept

Das Orchester arbeitete schon im Vorfeld mit einer strengen täglichen Teststrategie, abseits der Bühne wurden stets FFP2-Masken getragen, dazu kam das detaillierte Präventionskonzept des Musikvereins und des ORF. „Wir nehmen diese Maßnahmen auf uns, weil wir es als großes Privileg empfinden, spielen zu dürfen“, so Philharmoniker-Vorstand Daniel Froschauer. „Mit diesem Privileg gehen wir verantwortungsvoll um.“

Im Goldenen Saal, der aktuell „mit Konzertsälen in der ganzen Welt das traurige Schicksal teilt, zu schweigen“, wie Musikverein-Intendant Stephan Pauly betonte, hatten noch im Herbst Konzerte – ebenfalls unter strengen Vorkehrungen – stattgefunden.

In einem Jahr soll aber alles wieder wie gewohnt über die Bühne gehen. Wenn – wie am Neujahrstag ebenfalls bekanntgebebn wurde – Daniel Barenboim zum dritten Mal das Neujahrskonzert dirigieren wird, sollen wieder 2.000 Gästen im Goldenen Saal Platz nehmen. Ein Großteil der Karten, die bis bis zu 1.200 Euro kosten, werden verlost. Dafür können sich Interessenten im Februar auf der Website der Philharmoniker anmelden. Nicht alle der 2.000 Karten sind in der Verlosung, denn die Orchestermitglieder haben ein Vorkaufsrecht. Sie laden oft Prominente ein.