Monika Helfer und ihre Schwester Gretl
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Monika-Helfer-Roman

Auf den Spuren des Nachkriegsvaters

Für ihren Bestseller „Die Bagage“ ist sie rundum gefeiert worden, nun folgt Teil zwei der autobiografischen Spurensuche: Mit „Vati“ ist Monika Helfer ein zartes, intensives Erinnerungsbuch gelungen, in dessen Zentrum ihr Vater steht, Archetypus einer schweigsamen Nachkriegsgeneration. Eine Geschichte zwischen Armut und Aufstieg, Idyll und Abgründen – und einer fast manischen Liebe zu Büchern.

Eine Berglandschaft mit den „buntesten Blumenwiesen“, aufregende Lastenseilbahn-Abenteuer, im Haus der Duft einer Seife, die die Autorin sofort im „Hunderterpack“ kaufen würde: Die Tschengla, ein Hochplateau bei Bludenz, ist für Helfer ein Sehnsuchtsort, das wird schon auf den ersten Seiten klar. Der Vater der heute 73-jährigen Autorin leitete in den 1950er Jahren auf 1.220 Meter Seehöhe ein Kriegsopferheim, und Helfer verbrachte ihre Kindheitsjahre dort.

Von Anfang an ist hier aber auch klar, dass die Vertreibung aus diesem „Paradies“, wie Helfer es nennt, gewiss ist. Die Schatten auf der Familienbiografie, der frühe Tod der Mutter, man kennt sie bereits aus dem ersten Teil ihrer Familienerzählung.

Erster Bestseller nach langer Karriere

Mit „Die Bagage“ hat Helfer letztes Jahr Feuilletons wie Leserschaft begeistert. Der Roman ist ein dramatisches autofiktives Stück, das von der kinderreichen Großelterngeneration mütterlicherseits erzählte, die rund um den Ersten Weltkrieg unter ärmlichsten Verhältnissen in einem Bergdorf lebte und dort Missgunst und Ressentiments erfuhr.

Li.: Monika Helfer mit ihrer Puppe in der Hand und mit ihrer Schwester Gretl, re.: der Vater Helfers mit ihrem jüngeren Bruder Richard
Cinedoku/Erwin Thurnher
Links: Monika Helfer mit ihrer älteren Schwester Gretel, rechts: der Vater mit dem Bruder Richard

Davor hatte Helfer bereits in mehr als vier Jahrzehnten zahlreiche Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Kinderbücher veröffentlicht, inklusive das für den Deutschen Buchpreis nominierte „Schau mich an, wenn ich mit dir rede!“. Bis eben „Die Bagage“ ihr erster richtiger Bestseller wurde.

Bankert aus der Baracke

Und nun also die Erinnerung an den Vater, wieder in der für Helfer typischen reduzierten Sprache, wieder bruchstückhaft und zwischen den Zeiten hin und her changierend – und das ist auch diesmal stimmig. Josef, der Vater, war ein stiller, zart gebauter Mann, ein Kriegsinvalide, der in seinem Schweigen über die Vergangenheit und die eigenen Abgründe als Archetyp seiner Generation gezeichnet wird. „Alles wirklich Wichtige kann er nicht sagen“, notiert Helfer einmal.

Und noch etwas macht diesen Josef beispielhaft für die Generation der Nachkriegsjahre: Er nutzt das Vakuum nach dem Krieg, um sich neu zu erfinden. Selbst seiner künftigen Ehefrau berichtet er nicht über seine Herkunft von den „Ärmsten der Armen“. Als unehelicher Sohn einer Magd war er in einer Baracke aufgewachsen, eine von Mangel geprägte Kindheit, wo nicht einmal die Kleidung zum Eigentum zählte.

Kriegsopferheim auf der Tschengla
Cinedoku/Erwin Thurnher
Ort der Sehnsucht: Das Kriegsopferheim auf der Vorarlberger Tschengla, wo die Autorin ihre Kindheit verbrachte

Die Eltern als Invalidengemeinschaft – so schildert Helfer ihre Herkunft. Ihr Kennenlernen findet im Lazarett statt, sie ist Krankenschwester, er der gerade beinamputierte Soldat. Die Mutter versorgt ihn und macht dem zurückhaltenden Mann gleich selbst einen Heiratsantrag, bevor er aus dem Krankenhaus entlassen wird.

Käfersammlung und Tannenharzduft

Buchcover Monika Helfer: Vati
Hanser

Monika Helfer: Vati. 176 Seiten, 20,60 Euro.

Der gemeinsame Aufstieg auf die Tschengla wird schließlich zum Synonym für den gesellschaftlichen Aufstieg. Weil die Turnusse mit den Kriegsversehrten nur in den Sommermonaten kommen, genießt die bald sechsköpfige Familie ein äußerst angenehmes Leben, das Helfer in knappen, sinnlichen Bildern zeichnet: da die aufregend-furchterregende väterliche Käfersammlung, dort der Tannenharzduft, der sich betörend mit dem „Muffgeruch der Bücher“ verbindet. Dass die Tschengla auch für den Vater zum paradiesischen Ort wird, hat nicht zuletzt mit der beeindruckenden Bibliothek zu tun, die das Heim vermacht bekommt.

Eine intensive, besessene Bibliophilie – wenn Helfer eines an ihrem ungreifbaren Vater festmachen kann, dann ist es das. Schon seit frühester Kindheit ist er dem Objekt Buch verfallen, so ausgeprägt, dass es schließlich zu einem dramatischen Zwischenfall kommt. Viele Jahre später muss Helfer ironischerweise sogar ihren Mann Michael Köhlmeier vor seiner ersten Begegnung mit dem Vater mahnen, Bücher „würdig“ zu behandeln, um ihn nicht vor den Kopf zu stoßen.

„Ich weiß nicht, ob er ein guter Mann war“

„Ich weiß nicht, ob er ein guter Mann war“, so lautet ein Fazit dieser väterlichen Rekonstruktion. Helfer versucht jedoch erst gar nicht, die Geschichte zu versiegeln, sondern setzt mit ihrer Montage von Reflexionen, Erinnerungen und Anekdoten, von Gegenwart und Vergangenheiten, auf das Bruchstückhafte und auf dezente Wiederholung – auch im Sinne der immer wieder erzählten Familienmythen.

„Vati“, das ist ein stimmiger, bisweilen schmerzhaft existenzieller Versuch, der eigenen Geschichte nahezukommen: „Ja, alles ist gut geworden. Auf eine bösartige Weise ist alles gut geworden.“ Ein dritter Erinnerungsband ist übrigens bereits in Arbeit, diesmal mit einem Bruder im Fokus.

In „Vati“ lässt Helfer nicht zuletzt die Bürde spüren, die es für sie bedeutet hat, Autorin zu werden. Ihre ersten beiden, ihm gewidmeten Romane hatte ihr „sprachzerlegungssüchtiger“ Vater noch erlebt und „mit hochgezogenen Brauen“ und „ohne Kommentar“ studiert. Immerhin: Beim nächsten Besuch stellte Helfer fest, dass sie es doch prominent ins väterliche Bücherregal geschafft hatte – gleich hinter Heinrich Heine. Dem Alphabet sei Dank.