Abstrakter Code
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Edelbauers Roman „Dave“

Die Welt als Gefängnis für Programmierer

Mit ihrem Debütroman „Das flüssige Land“ stand Raphaela Edelbauer auf der Shortlist des Österreichischen und des Deutschen Buchpreises. In ihrem neuen Roman „Dave“ entwirft sie eine düstere Dystopie zu den Folgen der digitalen Entwicklung und zum Fortschritt der Künstliche-Intelligenz-Forschung. „Dave“ geht mit einem gewaltigen intellektuellen und ästhetischen Anspruch einher, den Edelbauer souverän einzulösen versteht.

Die Welt, in der sich Syz, der Ich-Erzähler und Computernerd unter Tausenden anderen bewegt, ist ein gigantisches Forschungslabor. Sichtlich wird dort einem neoliberalen Selbstverständnis gehuldigt, wie es heute von großen Internetfirmen berichtet wird: ein Wettstreit um die längste Nachtschicht, die ewige Suche nach einem genial programmiertem Stück Code.

Allein, in dieser Erzählwelt befinden wir uns in der unbestimmt nahen Zukunft, die gesamte, höchst hierarchisch strukturierte Laborgemeinschaft arbeitet am Ziel einer unvorstellbar potenten künstlichen Intelligenz namens Dave. Syz, den vom ambitionierten Vater aus der Arbeiterklasse zum mathematisch Begabten hochgeprügelter Streber, ereilt unerwartet ein unerwarteter Aufstieg im Nerd-Mikrokosmos. Er wird beauftragt, im Geheimen seine persönlichen Erinnerungen zur Verfügung zu stellen, um Dave ein Bewusstsein vorzugaukeln, damit dieser seine überragende Problemlösungsfähigkeit auf das primäre Ziel dieser Gemeinschaft richten kann: die „Wiederbewohnbarmachung der Außenwelt“

Digitalisiertes Panopticon

Wohldosiert schwingt hier die Grundthematik von Michel Houellebecqs transhumanistischem Science-Fiction-Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ (2005) mit. Nur dass es nicht die existentielle „Ennui“ ist, die die Menschheit um die Jahrtausendwende zu dekadent und zu träge zur Weiterentwicklung gemacht hat – eine pessimistische Lieblingsthese Houellebecqs –, sondern Überbevölkerung gepaart mit klimaschädlichem Verhalten, also die eigene kollektive Unvernunft.

Totale Ratio und die Überwindung von menschlicher Unvernunft sind die Leitgedanken des charismatischen Anführers der Laborwelt, dem erblindeten Professor Fröhlich. Nicht von ungefähr hat sich unter seiner Herrschaft der einstmals als Nerd-Spielplatz a la Silicon Valley in Form postmoderner Architektur konzipierte Komplex zu einer digitalisierten Form eines Panopticons verwandelt.

Illinois State Penitentiary
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Abbildung eines Zellblocks des Illinois State Penitentiary in Stateville, USA, realisiert nach Jeremy Benthams Überwachungsprizip des Panopticons. Mitte des 20. Jahrhunderts.

Das Konzept stammt von dem utilitaristischen Denker Bentham, der im 19. Jahrhundert ein Überwachungssystem ersann, durch das ein einzelner Aufseher eine unverhältnismäßig große Anzahl an Häftlingen beaufsichtigen konnte, da sich durch eine nach einer Seite offenen Zelle jeder Einzelne stets als potenziell beobachtet wahrnahm – und die Kontrolle gewissermaßen nach innen zu verlagern gezwungen war.

Unzuverlässiger Autobiograf

Fährten wie diese legt Edelbauer auf jeder Seite ihres stilistisch brillanten Science-Fiction-Thrillers, der hochgradig geistes- und literarturgeschichtlich grundiert ist und am Ende eine spektakuläre Auflösung bereithält. In einem Halbsatz wird ohne viel Aufhebens Virgina Woolf zitiert, die rhetorische Memorialtechnik Ciceros wird dargelegt, der Erzähler Syz führt sich „abends meine Dosis Weltliteratur zu. Dostojewski oder Proust, Nabokov, solche Dinge. Als eine Art Exorzismus.“

„Dave“
Klett-Cotta
Raphaela Edelbauer: Dave. Klett-Cotta, 432 Seiten, 25,70 Euro

Dass der elaborierte, oft findungsreiche und nur ausnahmsweise schiefe Tonfall die Geschichte so gut trägt, liegt daran, dass Edelbauer ihre bevorzugte Erzählhaltung souverän beherrscht. Syz, der bei den nächtlichen autobiografischen Erzählsessions sein Leben tendenziös widergibt, verliert seine Erinnerung im gleichen Maße, wie diese in Dave eingespeist wird. Er erweist sich damit als genauso unzuverlässiger Erzähler, wie schon die von Opiaten und wohlwollender Bestätigung abhängige Erzählerin Ruth in „Das flüssige Land“.

Syz, der in die High Society der Laborwelt aufsteigt, beginnt zu ahnen, dass etwas an der ganzen Struktur des Nerd-Kosmos dieser glücklichen Katastrophenüberlebenden faul ist, und begibt sich heimlich immer wieder in ein verstaubtes Archiv in der Unterwelt des Komplexes, wo ein dubioses Proletariat in einer lichtlosen Schattenwelt schuftet, um die Energie für die vermeintlich hehre Forschung an Dave zur Verfügung zu stellen.

Archiv und Gedächtnis

Die Archivgänge, die erstaunlicherweise vom Computerwächter des Panopticons nicht entdeckt werden, lassen Syz immer tiefer in die Vorgeschichte des Dave-Projekts eintauchen. Ein genialer Informatiker namens Witteg sollte vormals Dave seine Persönlichkeit leihen, beschloss aber aus ungeklärten Gründen, gegen das Projekt zu rebellieren, und versuchte, es zu sabotieren. Ganze wissenschaftliche Papers Wittegs zur künstlichen Intelligenz und Gedächtnisforschung, freilich aus Edelbauers kundiger Feder, sind in „Dave“ einkopiert und werden Syz zur Obsession.

Auch hier tun sich Parallelen zum ersten Roman Edelbauers auf, auch Ruth musste eine verdeckte Geschichte ans Licht bringen. War es in „Das flüssige Land“ die nationalsozialistische Geschichte des Ortes Groß-Einland, sind es in „Dave“ die Konsequenzen unseres modernen „Überwachungskapitalismus“ (Shoshana Zuboff), der aus unseren Daten Profit schlägt.

Herausragendes Erzählwerk

Die Grundkonstellation von Dave wirkt seltsam vertraut. Bei „Das flüssige Land“ konnte man an Alfred Kubins „Die andere Seite“ (1908) genauso erinnert werden wie an Elfriede Jelineks „Die Kinder der Toten“ (1995). „Dave“ teilt sich durchaus strukturelle Ähnlichkeiten mit Dave Eggers Silicon-Valley-Roman „Der Circle“ (2013). Die avancierte Sprache und bewundernswert minutiöse Bauweise Edelbauers macht „Dave“ gegenüber diesem vielleicht weniger süffig, aber umso tiefschürfender.

Kombiniert wird dieses Strukturmodell mit einer Pointe, die großen dystopischen Entwürfen wie Terry Gilliams Film „Brazil“ (1985) und den vertrackten Erzählkonstruktionen der Romantiker um nichts nachsteht. Die 1990 geborene Autorin schreibt mit ihrem zweiten Roman an einem Erzählwerk fort, das mit seinem großen Anspruch und künstlerischer Qualität durchaus vergleichbar ist mit herausragenden jüngeren heimischen Autoren wie Clemens Setz und Philipp Weiss.