Kolorierter Kupferstich eines Pestdoktors von Paul Fürst, Der Doctor Schnabel von Rom, ca. 1656
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Kulturgeschichte der Maske

Karneval, Krieg und CoV

Der Mund-Nasen-Schutz gilt als Symbol der Pandemie. Nach breiten Diskussionen folgte die Gewöhnung und kreative Ausgestaltung, der nun die FFP2-Maskenpflicht ein Ende setzt. Nehmen uns Masken, wie Kritiker meinen, die Individualität oder bieten sie nicht vielmehr Freiraum durch Anonymisierung? Ein Blick in die Kulturgeschichte zeigt die unterschiedlichsten Funktionen der Gesichtsvermummung.

In den vergangenen Monaten prägten bunte, selbst fabrizierte Masken oder schick gestaltete Designermasken vielerorts die Öffentlichkeit. Ließ der selbst gestaltete Mund-Nasen-Schutz noch Freiheit für Individualismus, ist nun mit der FFP2-Maskenpflicht Schluss damit. Was medizinisch sinnvoll ist, mag ein Stück weit bedrohlicher wirken, treibt sie doch die visuelle Vereinheitlichung ihrer Trägerinnen und Träger weiter voran.

Schon der gewöhnliche Mund-Nasen-Schutz erinnerte den Kulturwissenschaftler Thomas Macho im April in der Zeitschrift „Freitag“ an „die Pestmasken vergangener Epochen“. Bei der FFP2-Maske, mit ihrer leicht schnabelförmigen Ausformung und der größeren Gesichtsabdeckung liegt die unheimliche Assoziation jetzt noch stärker auf der Hand. Die im 16. Jahrhundert gebräuchliche Maske des Pestarztes mit ihrer langen Tülle ist die am häufigsten zitierte Bildmetapher für eine Seuche.

Gesichtsverdeckungen als Außergewöhnliches

Im europäischen Raum ist – im Gegensatz zu anderen Kulturen – die Gesichtsbedeckung seit jeher Zeichen des Außergewöhnlichen. Die Maske steht für Tarnung und Maskerade, die uns, wie der Kulturhistoriker Johan Huizinga einmal schrieb, „schöner, erhabener und gefährlicher“ erscheinen lässt. Und – sieht man von der viel zitierten „neuen Normalität“ ab – steht sie hierzulande eben niemals für das, was wir „Normalzustand“ nennen.

Erzherzogin Maria Amalie im Tanzkleid mit Karnevalsmaske; Trauermaske und Trauerschleier der Kaiserin Elisabeth
Beide: KHM-Museumsverband
Links: Trauermaske der Kaiserin Elisabeth, um 1880, rechts: Erzherzogin Maria Amalie (1701–-1756) mit Karnevalsmaske

In diese Kerbe schlägt auch Macho: Der Normalzustand, das sei seit Jahrzehnten die „Gesellschaft der Gesichter“, mit ihren omnipräsenten „fazialen Repräsentationen“ dank Werbung, Facebook, Instagram und Co. – was jetzt ausgehebelt sei, wie sonst nur im Spiel, Karneval, Krieg oder eben in der Pandemie.

Maske als moralische Auszeit

Die Kritik an der Entindividualisierung, die schon seit letztem Frühling die Debatte über den Mund-Nasen-Schutz begleitete, ist jedenfalls nicht grundsätzlich in die Maske eingeschrieben. Im venezianischen Karneval gewährte sie Männern und Frauen ebenso die Möglichkeit, die zugewiesenen Rollen zu verlassen und mit anderen Identitäten zu experimentieren, wie in Frankreichs Ancient Regime oder bei den Habsburgern.

In der „verkehrten Welt“ war es Maskierten erlaubt, geschützt eine moralische Auszeit zu nehmen. Spätestens seit dem Philosophen Michel Foucault gilt der Karneval so als die Anti-Ordnung, als die nicht regulierbare Vermischung der Körper im rauschenden Fest und damit als Gegenteil des nützlichen und leicht regierbaren Bürgers.

Masken für Trauer und hellen Teint

Im militärischen Kontext waren Masken noch früher bekannt. Rüstungen und Visiere suchten in Antike und Mittelalter – nicht immer gelungen – die Gratwanderung zwischen Gesichtsschutz und Sichteinschränkung. Nicht Leib und Leben, aber die Schönheit sollte in der Frühen Neuzeit durch ein „Visard“ geschützt werden. Frauen der Oberschicht trugen die schwarze Maske, die sich nur durch Öffnungen für die Augen kennzeichnete, um den standesgemäß hellen Teint sicherzustellen.

Zwei Wechselvisiere zum Husarischen Turnier Erzherzog Ferdinands II.
KHM-Museumsverband
Masken als Schutz: Zwei Wechselvisiere zum „Husarischen Turnier“ Erzherzog Ferdinands II., Prag 1557

Der Gesichtsschleier, der bei der Heirat sowie bei Begräbnissen und in der Trauerzeit getragen wurde, diente im 19. Jahrhundert wiederum dazu, die höfische Gesellschaft vor neugierigen Blicken abzuschirmen. Zugleich war der Schleier Ausdrucksmöglichkeit des Schmerzes. Kaiserin Elisabeth, die für ihre individualistische Mode bekannt war, wusste das prachtvoll auszulegen.

Ihre Trauermaske aus schwarzem Samt mit Jettperlen-Dekor und Spitzenbesatz, die sie mit einer Spitzenhaube mit Straußenfedern zu kombinieren pflegte, gilt als einzigartig und ist aktuell in der geschlossenen Schau „Coronas Ahnen“ in der Kaiserlichen Wagenburg des Kunsthistorischen Museums Wien ausgestellt. Wenn die Museen wieder öffnen, soll die Ausstellung bis mindestens 11. April laufen.

Kein medizinisches „Massenphänomen“

Die Schau mit dem Untertitel „Masken und Seuchen am Wiener Hof 1500–1918“ zeigt nicht zuletzt, dass die Maske in der heimischen Medizingeschichte bisher eine untergeordnete Rolle spielte. Im Gegensatz zu den USA, wo 1918 zur Spanischen Grippe eine breite Debatte über das Maskentragen geführt wurde, seien hierzulande nur vereinzelt Gasmasken im Umlauf gewesen, so der Historiker Andreas Weigl im Gespräch mit ORF.at. Die sonst im Krieg gebräuchliche Maske sei, so Weigl, „sicher kein Massenphänomen“ gewesen.

Franz Wolf „Portrait eines Cholera-Präservativ-Mannes“, 1831
Sammlung Wien Museum
Maske nur in der Karikatur: In „Porträt eines Cholera-Präservativ-Mannes“ macht sich Moritz Gottlieb Saphir 1831 über die Angst der Bevölkerung lustig

Auch die ikonische Pestschutzbekleidung – die Maske mit dem langen Schnabel – ist für den deutschsprachigen Raum nicht überliefert, sondern nur für Italien und Frankreich. Die Ärzte kannten damals Viren und Bakterien noch nicht als Krankheitserreger. Als Ursache der Pest vermutete man krank machende Dämpfe, und folgerichtig glaubte man, sich schützen zu können, indem man wohlriechende Kräuter und mit Essig getränkte Schwämme in die Spitze der Maske füllte.

Träume vom Schnabeldoktor

Abbildungen des unheimlichen Schnabeldoktors verbreiteten sich ab dem 18. Jahrhundert schließlich auch hierzulande über Flugblätter, dem wichtigsten Massenmedium der Zeit. Der Pestdoktor wurde so zur Symbolfigur der Angst – bis in die Gegenwart hinein.

Die Assistenzprofessorin Deirdre Barrett, die an der Harvard Medical School aktuell zu Träumen forscht, berichtet von einer Konjunktur von Maskenträumen, in denen auch der Pestarzt seinen Auftritt hat: „Es fühlte sich viel mehr wie Europa während der Schwarzen Todes an als in der modernen Covid-19-Zeit“, so Barrett etwa über ihre eigenen Covid-19-Träume in der „Harvard Gazette“.