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APA/Hans Punz
Lockerungen

Experten warnen vor hohem Risiko

Experten warnen vor den Lockerungen: Als epidemiologisches „Spiel mit dem Feuer“, bei dem sehr genau auf die weiteren Entwicklungen geachtet werden müsse, bezeichnete etwa der Wissenschaftler Gerald Gartlehner die angekündigten Öffnungsschritte aus dem strengen Lockdown. Der Mikrobiologe Michael Wagner und auch der Prognoseforscher Peter Klimek sehen ebenfalls ein hohes Risiko. Die Verbreitung der Mutationen steht dabei im Mittelpunkt. Sozial und wirtschaftlich gibt es für die Lockerungen jedoch Verständnis.

Klimek rechnete im Interview mit der „Presse“ (Mittwoch-Ausgabe) fix mit Verschärfungen vor dem Frühjahr. Im schlechtesten Fall würden die Spitäler noch vor Ostern an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, so Klimek in der Zeitung. Auch er sieht die Lockerungen angesichts der hohen Zahlen skeptisch. Dadurch habe man sehr viel weniger Zeit, um gegenzusteuern, wenn die Zahlen wieder steigen. Bei diesem Ausgangsniveau erhöhe sich auch das Risiko, dass die Zahlen überhaupt wieder stark steigen.

Das mache die Öffnungsschritte riskanter und bedeute, „es ist alles eher auf Sand gebaut“, so Klimek zur „Presse“. Wenn die britische Variante durchschlage – Klimek erwartet das noch für Februar – und diese Variante eine Verdoppelungszeit von circa einer Woche hat, „dann wären wir binnen einer Woche von einer Inzidenz von 100 auf 200 und so weiter“, so Klimek. Klimek empfiehlt auch Reisebeschränkungen innerhalb Österreichs gegen die südafrikanische Mutation.

Prognoseforscher Peter Klimek
APA/Helmut Fohringer
Prognoseforscher Klimek bei einem Vortrag

Gartlehner: Gefahr, dass das Ganze wieder entgleitet

„Die Zahlen sind weiterhin hoch“, so auch Gartlehner, Epidemiologe und Experte für Evidenzbasierte Medizin von der Donau-Universität Krems. Fast noch bedenklicher sei, dass der R-Wert noch immer nur knapp unter eins liege, also ein Infizierter im Schnitt rund einen weiteren Fall verursacht. Steigt dieser Wert, geht die Situation in Richtung exponentieller Fallzahlentwicklung. „Die Gefahr, dass uns das Ganze wieder entgleitet und es wieder zu einem raschen Wachstum kommt, ist natürlich relativ groß“, so Gartlehner. Hier brauche es dementsprechend genaues Beobachten der Entwicklungen nach den Öffnungen der Schulen und im Handel.

Wenn man der Realität ins Auge blicke, müsse man aber festhalten, dass der Lockdown zuletzt nicht mehr die gewünschten Effekte brachte. Es wäre stark zu befürchten gewesen, dass noch größere Teile der Bevölkerung nicht mehr mitmachen, so der Wissenschaftler. Jetzt gehe es darum, mehr oder weniger „alles besser zu machen“, als das in der Vergangenheit der Fall war. Hier brauche es die regelmäßigen und möglichst breiten Tests, den starken Fokus auf das Impfen und eine effizientere Kontaktnachverfolgung. „Wenn das gut klappt, besteht vielleicht die Chance, dass wir uns in die wärmere Jahreszeit retten“, sagte Gartlehner.

 Wissenschafter Gerald Gartlehner
ORF
Gartlehner, Epidemiologe und Experte für Evidenzbasierte Medizin von der Donau-Universität Krems

Kurz und Anschober: Soziale und psychologische Aspekte

Denn nicht nur epidemoliogische Aspekte gaben den Ausschlag für die geplanten Lockerungen. Man müsse auch andere Aspekte berücksichtigen, etwa soziale und psychologische, so Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am Montag bei der Pressekonferenz im Bundeskanzleramt. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) präzisierte am Dienstag im Morgenjournal, er glaube, dass es dringend notwendig sei, dass die Bevölkerung auch wieder eine Perspektive erhalte, eine Perspektive durch vorsichtige Öffnungsschritte, aber auch Verschärfungen, so Anschober. Wichtig sei, „dass wir Perspektiven schaffen und Sicherheit geben“, so Anschober. Das sei die Mischung, mit der man hoffe, bis Ostern halbwegs über die Runden zu kommen. Man habe große Verbesserungen verwirklicht.

Eine Grafik zeigt die Coronavirus-Lockerungsmaßnahmen ab dem 8.2.
Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA

Virusvarianten: Noch kein Gesamtbild

Ein noch sehr ungenaues Bild hinsichtlich der regionalen Verteilung der neuen SARS-CoV-2-Varianten in Österreich zeichnet sich für den Genetiker Andreas Bergthaler ab. Die bisherigen Daten zeigen aber ein Ost-West-Gefälle bei der sich scheinbar stark ausbreitenden B.1.1.7-Variante und große regionale Unterschiede. Sorge bereitet dem Wissenschaftler der Tiroler Cluster mit der Südafrika-Variante (B.1.351). Hier müsse man aufmerksam sein, sagte er am Dienstag – mehr dazu in science.ORF.at.

Mit den angekündigten Öffnungsschritten gehe man angesichts der unklaren Verbreitungslage der ansteckenderen SARS-CoV-2-Varianten „ein hohes Risiko“ ein, sagte auch Mikrobiologe Wagner von der Universität Wien im Gespräch mit der APA. Die mit dem bisherigen Lockdown erzielte Stabilisierung der Fallzahlen sei die eine Seite der Medaille. Mit diesem aktuellen Infektionsgeschehen sei es aber „sehr wahrscheinlich, dass die Zahlen wieder ansteigen“, wenn Öffnungsschritte gesetzt werden. Aufgrund der höheren Infektiösität der Virenvarianten könne dieser Anstieg auch recht schnell vonstattengehen, so Wagners Einschätzung. „Die Frage ist, ob die zusätzlich getroffenen Maßnahmen ausreichen, um diese Beschleunigung zu kompensieren.“ Die angespannte Situation in Portugal zeige, wie schnell das mitunter gehen kann.

Gesundheitsökonom: „Schwierige Situation“

Der Gesundheitsökonom Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien (IHS) zeigte sich am Montag in der ZIB2 angesichts der Lockerungen skeptisch. Er hätte sich wegen der Infektionszahlen noch eine Zeitlang einen strengen Lockdown gewünscht, damit das Contact-Tracing wieder funktionieren könne. Doch die Mitwirkung der Menschen sei vonnöten. „Ich glaube, dass wir uns in eine schwierige Situation gebracht haben“, so Czypionka. Die Bevölkerung sei nicht genügend motiviert worden. Man könne nur hoffen, dass sich die Moral wieder heben lasse.

Gesundheitsökonom Czypionka zu neuen CoV-Regeln

Schulen, Handel, Dienstleister – die Regierung hat einige vorsichtige Öffnungen verkündet, obwohl die Coronavirus-Zahlen weiter hoch bleiben. Dazu der Gesundheitsökonom Thomas Czypionka in der ZIB2.

Wagner: „Testpflicht“ an Schulen positiv

Aus rein epidemiologischer Sicht, wäre es auch für den Mikrobiologen Wagner besser gewesen, wenn zuerst das gesetzte Ziel der 7-Tage-Inzidenz um die 50 erreicht worden wäre, bevor mit Öffnungen begonnen wird. Dem stünden aber mit der wirtschaftlichen und psychologischen Situation auch ganz klare und nachvollziehbare andere Argumente gegenüber. „Das kann ich aber epidemiologisch nicht bewerten“, so Wagner. Der Initiator der SARS-CoV-2-Monitoringstudie an Schulen sieht die dort vorgesehene „Testpflicht“ positiv. Wie gut die verwendeten „Nasenbohrertests“ asymptomatisch Infizierte identifizieren, sei aber fraglich. Er sehe die Gefahr, dass diese Tests mitunter auch infektiöse Kinder und Jugendliche übersehen. Darauf weise auch eine Studie der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) hin.

Man sollte auch überlegen, welches Signal etwa bei Eltern ankommt, wenn ihr Kind in der Schule negativ getestet wurde, und sich Menschen dann in vielleicht falscher Sicherheit wähnen, so Wagner. Trotzdem mache eine derartige Strategie „bei regelmäßigem Einsatz Sinn“. Auch die AGES kommt trotz der Einschränkungen zum Schluss, dass „die Schnelligkeit des Vorliegens von positiven Testresultaten unverzügliche Isolierung potentiell hochinfektiöser Personen erlaubt, ein Vorteil, der die geringere Sensitivität bei gänzlich asymptomatischen Personen weit überwiegt, da diese nur eine untergeordnete Rolle bei der SARS-CoV-2-Übertragung spielen“.

Unverständnis über verschobene „Gurgelstudie“

Auch laut Gartlehner ist die Verpflichtung zum Testen für die Teilnahme am Präsenzunterricht gut. Auch wenn die „Nasenbohrertests“ nicht die Genauesten sind, seien „auch vielleicht nicht optimale Tests besser als nichts – wenn sie regelmäßig gemacht werden“, sagte Gartlehner. Umso wichtiger wäre es daher, dass sie wissenschaftlich begleitet würden. Für Gartlehner ist es daher auch „absolut unverständlich“, dass nun etwa die SARS-CoV-2-Monitoringstudie an Schulen – vulgo die „Gurgelstudie“ – verschoben wurde.

Leider ziehe sich das durch die gesamte Pandemie in Österreich: „Einer der großen Vorwürfe, die man der Regierung machen muss, ist, dass wir immer noch im Trüben fischen, weil man nie genau weiß, was im österreichischen Kontext jetzt gut wirkt und was nicht.“ Hier fehlten vielfach einfach Daten, weil sie nicht erhoben werden. Gartlehner: „Das ist extrem frustrierend.“

Auch im Bildungsministerium weiß man um die eingeschränkte Aussagekraft, deshalb seien die Tests auch nur eine Maßnahme neben Maskenpflicht und Schichtbetrieb. „Jeder positive Fall, der frühzeitig und schnell erkannt wird, hilft, die Infektionsketten zu unterbrechen“, betonte man im Bildungsministerium in einer Stellungnahme gegenüber der APA den Nutzen der Tests. Ohne diese würde diese Fälle gar nicht erkannt werden und vermutlich weitere Ansteckungen verursachen.