Ein Gemälde zeigt die erste Pockenimpfung durchgeführt von Edward Jenner im Jahr 1796
picturedesk.com/Bridgeman Art Library
Österreichs Impfgeschichte

Zwischen Kirche, Kant und Kaiserin

Vor über 250 Jahren ist in Österreich zum ersten Mal geimpft worden – gegen Pocken. Es war nicht nur der Beginn einer medizinischen Erfolgsgeschichte, sondern auch die Geburtsstunde von Debatten rund um Impfpflicht und Impfskepsis. Ausgetragen wurden sie von Größen wie Kaiserin Maria Theresia und dem Philosophen Immanuel Kant, angefacht von tragischen Unfällen. Die Impfung war aber auch immer eins: ein Befreiungsschlag.

Dass es eine Jahrtausende alte Form der Pockenimpfung aus Indien über das Osmanische Reich 1768 nach Wien geschafft hat, ist keiner Geringeren als Erzherzogin Maria Theresia zu verdanken. Maria Theresia (aufgrund ihrer Ehe mit Kaiser Franz I. Stephan auch Kaiserin genannt) war nicht nur selbst an den Pocken erkrankt, sondern verlor mehrere Angehörige sowie drei ihrer Kinder durch die Krankheit. Das ganze Land war zu der Zeit von der Krankheit betroffen, unzählige Menschen – vor allem viele Kinder – starben.

Aus Sorge um die Habsburger Dynastie, einen geschwächten Arbeitsmarkt und eine geschwächte Armee pochte Maria Theresia auf den raschen Einsatz der zumindest in Europa neuen Hautritz-Methode (auch Inokulation bzw. Variolation), bei der die Haut aufgeritzt und mit Pustelsekret Erkrankter versehen wird, erklärte die Medizinhistorikerin Daniela Angetter von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gegenüber ORF.at.

Maria Theresia als skeptische „Impfluencerin“

Ein inoffizielles Zulassungsverfahren gab es auch damals schon – in deutlich abgespeckter Form. Während Vakzine gegen das Coronavirus heutzutage an Zehntausenden Menschen und in mehreren klinischen Phasen auf deren Sicherheit und Wirksamkeit geprüft werden, mussten im 18. Jahrhundert auf Anordnung der Kaiserin 100 Waisenkinder dafür herhalten.

Ein Gemälde zeigt die Entnahme von Kuhpocken bei einem sezierten Tier
picturedesk.com/PhotoResearchers/Science Source
Edward Jenner gilt als Begründer der Kuhpockenimpfung

Erst danach wurden die Kinder der Kaiserin immunisiert und ein Inokulationshaus am Rennweg errichtet, wo sich die Bevölkerung kostenlos impfen lassen konnte. Das Vorhaben war vorerst von eher wenig Erfolg geprägt. Auch die Kaiserin selbst sei zwar „Befürworterin, zugleich aber auch große Skeptikerin“ gewesen, so Angetter. Gründe dafür waren einerseits mögliche Nebenwirkungen, aber auch die Tatsache, dass die Krankheit trotz Impfung ausbrechen konnte.

Der große Durchbruch folgte um die Jahrhundertwende: 1798 publizierte der Engländer Edward Jenner seine Versuche mit der Kuhpockenimpfung. Jenner impfte mit einem eitrigen Sekret, das er aus einer Kuhpockenpustel einer erkrankten Magd entnommen hatte. Daher rührt der Name Vakzination, der sich von dem lateinischen Begriff „vacca“ für Kuh ableitet. Das Wissen erreichte bald auch Österreich. Am 10. Dezember 1800 fand die erste öffentliche Massenimpfung in Brunn am Gebirge statt. Die Impfbereitschaft war hoch – Wien blieb daraufhin vier Jahre von den Pocken verschont.

Sonderbriefmarke aus dem Jahr 2000 anlässlich 200 Jahre Schutzimpfung in Österreich
Österreichische Post
Dem 200. Jahrestag der ersten Massenimpfung wurde eine Briefmarke gewidmet

Die Rolle der Kirche

Um dafür zu sorgen, dass das auch so bleibt, setzte man auf den Einfluss unterschiedlichster Akteure. „Gerade im 19. Jahrhundert waren Kaiserhaus und Kirche die dominierenden Vertreter, an die man sich angeklammert hat“, so Angetter. „Pfarrer haben von der Kanzel heruntergepredigt, wie wichtig die Impfungen sind. Viele sind bei Impfaktionen dabei gewesen. Andere zogen Berichten zufolge gemeinsam mit dem Gemeindearzt von Haus zu Haus, um Aufklärung zu betreiben.“

Hebammen waren überdies angehalten, Schwangere darüber aufzuklären, dass das Impfen von Kindern lebensrettend sein kann. Ärzte wurden wiederum mit Belohnungen von mehreren hundert Gulden gelockt, viel zu impfen. Besonders Impffreudige erhielten eine Erwähnung in der „Wiener Zeitung“.

Geburtsstunde der Impfskepsis

Parallel dazu formierten sich aber auch die ersten Impfskeptiker. Und deren Motive waren – damals wie heute – so vielschichtig und divers wie die Gruppe selbst – sie waren Philosophen, Ärzte, Vegetarier und Geistliche. Auch der Philosoph Kant zählte dazu. 1797 bezeichnete er die Impfung in seinem Werk „Die Metaphysik der Sitten“ als Wagnis ins Ungewisse. Im Zusammenhang mit der Vakzination warnte er vor der Einimpfung „tierischer Brutalität“.

„Impfskepsis ist immer auch stark mit religiösen Themen argumentiert worden“, so Angetter zudem. Die Impfung sei ein Eingriff in den Körper und von Gott nicht gewollt, hieß es etwa. Es gab aber freilich auch Skeptiker, die davor warnten, dass die Impfung noch nicht standardisiert ist und Nebenwirkungen auftreten können – aber auch, dass noch zu wenig Wissen über die Schutzwirkung existiere. Manche Verschwörungstheorien haben bis heute Fortbestand: etwa, dass Impfungen Schuld am Aids-Ausbruch sind oder aber die Spanische Grippe durch eine Impfaktion heraufbeschworen wurde.

Karikatur von James Gillray zum Thema Impfschäden
Library of Congress
Impfgegner verbreiteten Karikaturen geimpfter Menschen, denen Kühe oder einzelne Körperteile einer Kuh aus der Haut wuchsen

Andreas Hofer und die Pockenimpfung

Auch in der von Andreas Hofer geführten Tiroler Aufstandsbewegung von 1809 gegen die bayrische und französische Besetzung spielte die eingeführte Pockenimpfung eine Rolle: Es wurde der Glaube verbreitet, den Leuten werde damit der Protestantismus eingeimpft. Ihr galt es, sich sogar mit Gewalt zu widersetzen. In Napoleon glaubten die Tiroler nicht zuletzt wegen der Gefangennahme des Papstes 1798 ohnehin, den „Antichristen“ vor sich zu haben.

Auch antisemitische Thesen wurden immer wieder verbreitet: Der Philosoph Eugen Karl Dühring, der als ein Wegbereiter antisemitischen Gedankenguts gilt, gab in der Kampfschrift „Die Judenfrage als Racen-Sitten und Culturfrage“ 1881 gar an, dass Impfen ein Aberglaube und von jüdischen Ärzten zum Zwecke der Selbstbereicherung eingeführt worden sei. Die Kritiker arbeiteten mit Mundpropaganda, Karikaturen geimpfter Menschen mit Kuhhörnern und Kuheutern und Zeitschriften wie „Der Impfgegner“. Im Jahr 1907 gipfelte die aufgeheizte Stimmung gar in einer Revolte im Wiener Rathaus, bei der Gegner und Befürworter aneinander gerieten.

Debatten über Impfpflicht als Brandbeschleuniger

Als Brandbeschleuniger dienten freilich auch Debatten über die Einführung einer Impfpflicht. „Österreich war immer ein Land, das sehr stark auf Freiwilligkeit und Aufklärung gesetzt hat“, so Angetter. Anstatt mit einer Impfpflicht arbeitete man eher mit indirektem Impfzwang, das heißt, eine Impfung war etwa Voraussetzung für einen Schuleintritt, aber auch zum Erhalt eines Stipendiums, zum Eintritt in die Armee und bei Klostereintritt.

Die bisher einzige Impfpflicht Österreichs zog ein, als 1939 mit der Zeit des Nationalsozialismus reichsrechtliche Vorschriften zur Bekämpfung übertragbarer Krankheiten eingeführt wurde, als also deutsches Recht zu österreichischem wurde. Mit 1948 kehrte ebendiese Impfpflicht gegen Pocken mit dem Bundesgesetz über die Schutzimpfung gegen Pocken zurück. Mit Erfolg: 1980 bestätigte die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass die Pocken als bisher einzige Krankheit weltweit durch ein Vakzin ausgerottet wurde.

Tragische Unfälle im 20. Jahrhundert

Doch die Debatten sollten längst nicht enden. Angefacht wurden sie im 20. Jahrhundert insbesondere mit dem Auftreten von Impfunfällen – etwa durch die Tuberkulose-Impfung. „Im deutschsprachigen Raum beginnt und endet die Geschichte der Tuberkulose-Impfung mit einem Unglück“, so der Medizinhistoriker Herwig Czech von der MedUni Wien. Wie die Pocken plagte auch die Tuberkulose – auch als Wiener Krankheit bekannt – die weltweite Bevölkerung. „Im roten Wien galt sie neben Geschlechtskrankheiten und Alkoholismus als eine der Volksseuchen schlechthin“, so Czech.

Mahnmal für die Opfer vom Spiegelgrund in Wien mit der Klinik im Hintergrund
ORF.at/Christian Öser
Die Nazis versuchten die Tuberkulose-Impfung zu rehabilitieren – experimentiert wurde an Kindern Am Spiegelgrund in Wien

Die bisher einzige Impfung gegen die tödliche Lungenkrankheit, 1921 von Albert Calmette und Camille Guerin entwickelt, wurde in Deutschland erstmals 1930 in Lübeck bei 256 Säuglingen eingesetzt. 77 davon starben, viele trugen schwere Schäden davon. Die Ursache? Den Säuglingen wurden versehentlich virulente Tuberkelbazillen verimpft. In der Nazi-Zeit wurde versucht, das Vakzin zu rehabilitieren. Das geschah durch Versuche in Bayern sowie in Wien im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen der Universitätskinderklinik und der „Kindereuthanasie“-Anstalt Am Spiegelgrund.

Tatsächlich wurde die Impfung von 1950 bis 1990 bei Säuglingen hierzulande breit angewandt. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde zunehmend davon abgeraten, weil mit hoher Durchimpfungsrate und dem Rückzug der Erkrankung in Österreich, der auch durch verbesserte Lebensbedingungen erfolgte, auch das relative Risiko der Impfung stieg. 1989 entschied der Oberste Sanitätsrat in Österreich, die Impfung außer in besonderen Fällen nicht länger anzuwenden. „Es gab aber Ärzte und Kliniken, die daran festhielten und weiterimpften, und dabei kam es 1991 zu einem weiteren Unfall, bei dem 50 Kinder schwer erkrankten. Damit ist auch das Ende der Geschichte der BCG-Impfung in Österreich mit einem Skandal verbunden“, so Czech.

Expertin: Bei Polio-Impfung war Österreich „Vorreiter“

Eine ähnliche Geschichte trug sich mit dem Impfstoff gegen Kinderlähmung zu. In Folge des „Cutter“-Unglücks 1955 in den USA erkrankten Tausende Kinder an Polio, zehn starben – Grund war eine nicht ausreichend evaluierte, verunreinigte Charge des von Jonas Salk entwickelten Impfstoffes. Inzwischen gibt es weltweit sehr strenge Hygieneregeln im Umgang mit Impfstoffen, um genau solche Unfälle zu verhindern.

Dass die Impfung hierzulande nur mäßig angenommen wurde, schien dennoch zu überraschen, da der Kinderlähmung nach den Pocken besonders der Kampf angesagt worden war. „Die Politik rechnete eigentlich damit, dass sich mehr Menschen für die Impfung interessieren würden, weil Polio so gefürchtet war“, sagte die Historikerin Marina Hilber zu ORF.at.

Eine Archivaufnahme aus dem Jahr 1960 zeigt ein weinendes Kleinkind nach einer Polio-Schluckimpfung
AP/Gene Smith
Österreich ließ die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung als erster westlicher Staat zu

Erst die Schluckimpfung des US-Amerikaners mit russischen Wurzeln Albert Sabin schlug ein – die dazugehörige Impfkampagne sei eine der erfolgreichsten in der österreichischen Impfgeschichte, so Hilber. Weil die Impfraten mit dem Salk-Impfstoff in den USA und damit die Immunisierung der Bevölkerung so hoch war, fand die klinische Testung in der damaligen UdSSR statt. Österreich ließ den Impfstoff daraufhin – wegen seiner guten Verbindungen in den Osten – als erster westlicher Staat zu. „Da war man ein Vorreiter“, sagte die Historikerin.

Hilber vermutet, dass die Politik aus den Fehlern bei der ersten Polio-Impfung lernte. Einerseits mussten die Bundesländer nicht mehr einzeln Verträge mit Pharmaherstellern schließen und die Finanzierung der Impfstoffbeschaffung übernehmen – diese trug nun der Bund. Andererseits wurden rechtzeitig die gesetzliche Grundlagen geschaffen und durchstrukturierte Impfpläne erstellt. Die Impfrate bei bis zu 21-Jährigen stieg von 40 Prozent (bei Salk) auf über 70 Prozent (bei Sabin). 1980 erklärte die WHO Österreich als poliofrei.

Ausstellungshinweis

Die Ausstellung „Coronas Ahnen“ in der Kaiserlichen Wagenburg Wien zeigt die seuchengeprägte Zeit von 1500 bis 1918.

Hohe Impfrate – aber wie?

Wie hoch die Impfrate in der Bevölkerung ist, hänge Hilber zufolge einerseits damit zusammen, wie präsent eine Krankheit im kollektiven Bewusstsein ist, und andererseits, wie groß die Angst davor ist. Auch der Faktor Alter könnte eine Rolle spielen, vergleicht man etwa den Erfolg der Polio-Impfung mit der aktuellen Impfbereitschaft beim Coronavirus: Denn wenngleich das weltweite Ausmaß der Pandemie seinesgleichen sucht, so gelten nicht die Jüngsten, sondern die Ältesten und solche mit Vorerkrankungen als Hochrisikogruppen. Die Impfbereitschaft im Zusammenhang mit dem Coronavirus liegt laut jüngsten Erhebungen bei 45 Prozent.

Doch wie bewegt man die Bevölkerung zum Impfen? „In Österreich setzte man traditionell weniger auf direkten Zwang als auf sanften Druck im Zusammenhang mit Leistungen des Wohlfahrtsstaates. Das ist bis heute so“, sagte Czech mit Verweis auf den Mutter-Kind-Pass. Eingeführt wurde der Mutter-Kind-Pass, an den die Höhe des Kinderbetreuungsgeldes gekoppelt ist, im Jahr 1974 von der damaligen Gesundheitsministerin Ingrid Leodolter. Nicht unähnliche Impfanreize und Mittel werden auch in der aktuellen Krise diskutiert. Als Beispiel dient etwa ein Impfpass, den sich viele Nationen wünschen, um Reisen wieder unkomplizierter zu machen.

Warten auf den Befreiungsschlag

Ob Polio, Tuberkulose oder Masern, ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt jedenfalls: Vakzine konnten weit verbreitete Erkrankungen stark reduzieren, manche diese sogar ausrotten. Hierzulande wie weltweit sind unzählige davon mittlerweile Standard – auch in der CoV-Pandemie sollen sie der Befreiungsschlag sein.

Vorausgesetzt, die Impfrate ist und bleibt hoch. Angetter mahnt mit Verweis auf die Rückkehr der eigentlich als besiegt geglaubten Masern: „Sobald eine Krankheit aus dem kollektiven Gedächtnis verschwindet, verschwinden auch die Maßnahmen, die man dagegen kennt.“ Zumindest was das Coronavirus betrifft, scheint so ein Szenario derzeit noch in weiter Ferne.