Bild von Deborah Sengl
Deborah Sengl
Deborah Sengl

Die wunde Stelle in der Pandemie

Wie labil das Selbst sein kann, wenn es einmal in fremder Gestalt erscheint, weiß man schon seit Franz Kafkas „Verwandlung“. Bei der Malerin Deborah Sengl tauchen seit je Tiere in vertrauten Menschenwelten und Menschenposen auf. Das mag verstören. Die Pandemie hat ihre Bildwelten neu aufgeladen: Bei Sengl erkunden Tiere unseren Pandemiealltag. Und stranden in Situationen von Abschied, Distanz und Schmerz. So provokativ kalt, ja beängstigend Sengls Bilder erschienen sein mögen: Jetzt erkennt man, dass in diesen fremdartigen Bildwelten ein starker Kern der Empathie leuchtet.

Es gibt wahrscheinlich wenige Gegenwartsmalerinnen in Österreich, die mit ihrer Arbeit so zu polarisieren wissen wie die Wienerin Sengl. Dabei ist Provokation nicht ihre Absicht, aber Verfremdung ihr Stilmittel, um das Herz der Finsternis unserer Gesellschaft zur Schau zu stellen. Immer sind es Tiere, die sich durch menschliche Themen arbeiten und die menschliche Posen einnehmen müssen. Gesellschaftliche Konfliktthemen, etwa die Verschleierungsdebatte, werden bei Sengl in die Welt der Tiere transferiert – und bekommen durch diesen Übertragungsprozess und die damit einhergehende Entfremdung eine noch klarere Gestalt.

Nichts ist putzig in Sengls Tierwelt, nichts beschaulich. Und so ruhig die Bilder in den prägnanten Augenblicken, die sie zeigen, wirken, legen sie immer Abgründe frei. Das Politische, es ist bei Sengl stets im Privaten verortet; es taucht auch im scheinbar Beiläufigen einer Szenerie auf. „Eigentlich“, so erzählt sie bei einem Werkstättenbesuch, „ist Malerei für mich nur ein Mittel, ein Ausdrucksmedium von mehreren, das ich verwende, um Themen plastisch zu machen.“ Zentrales Anliegen dabei: direkte Vermittlung, kein elitäres Konzeptgetue.

Bild von Deborah Sengl
Deborah Sengl
Tiere in menschlichen Situationen: Mit Maske kommt auch der Hund auf den Hund (Bildausschnitt – Großbild am Ende des Berichts)

Grafische Tableaus, klare Sprache

Sengls Malerei, das ist über ihre Breitenwirkung in den letzten Jahren ablesbar, ist stets sehr grafisch ausgelegt – die Tableaus, die sie schafft, streifen eigentlich die Szenerie dessen, was man in der Kunstgeschichte gerne Genremalerei nannte. Freilich ist in dieser Genremalerei nichts mehr heimelig, eher unheimlich. Das Tier, das Vorläuferwesen vor uns Menschen, hat von der Menschenwelt Besitz ergriffen. Der Mensch findet bei Sengl nicht einmal statt. Als hätte die Evolution die Menschwerdung übersprungen, haben die Tiere bei ihr den Prozess der Zivilisation gekapert – und, so könnte man sagen, all die Fehler begangen, die die die Menschen auch gemacht haben. So ist Irren bei Sengl menschlich und tierisch zugleich.

Deborah Sengl vor ihrem Coro(h)na-Zyklus
heid / ORF.at
Deborah Sengl in ihrem Atelier in Wien vor Werken aus ihrem „Coro(h)na“-Zyklus

Zoonose als Scharnier

An der Coronavirus-Pandemie, verrät die einstige Biologiestudentin Sengl, würden plötzlich Grundaxiome ihrer Arbeit plastisch. Die Zoonose, die Übertragung eines Virus vom Tier auf den Menschen, interpretiert sie wie ein Scharnier zwischen ihrer Darstellungswelt und der Wirklichkeit, in der wir handeln müssen. Sengl hält jetzt in der Pandemie diesen Übertragungsprozess an: Das Virus bleibt in der Tierwelt – und die Tiere, sie leiden wie wir.

„Eigentlich bin ich ein sehr zurückgezogener Mensch“, sagt Sengl im Gespräch: „Insofern war die Coronavirus-Situation für mich jetzt nicht so radikal anders zu meinem normalen Tun. Aber ich habe bemerkt, wie mich das Thema beschäftigt, obwohl ich jetzt nicht in der Hauptgefährdungsgruppe bin.“ Sie habe dauernd das Moment der Vereinsamung in der Pandemie vor sich gehabt, die Vorstellung von alten Menschen, die alleine daheim säßen und vielleicht wegen Covid-19 ganz alleine sterben müssten.

Bild von Deborah Sengl
Deborah Sengl
Detail aus Sengls aktuellem Pandemiezyklus „Coro(h)na“. Alle Bilder am Ende des Berichts

Den Alltag mit dem Virus hat sie in ihre Bildsprache und Figurenkonstellation übertragen. Und obwohl es nie ein Covid-19-Zyklus hätte werden sollen, sei sie im gesamten letzten Jahr nicht von dem Thema weggekommen, habe sich dem stellen müssen. „Ich habe bemerkt, wie mich das Thema beim Malen emotional begleitet“, erzählt sie und gesteht auch, dass sie die Ergebnisse in diesem Prozess immer auch etwas verunsichert hätten.

Hinweis

Arbeiten von Deborah Sengl sind gerade in der Landesgalerie Niederösterreich im Rahmen der Schau „Spuren und Masken der Flucht“ zu sehen. Eine Ausstellung ihres „Coro(h)na“-Zyklus ist noch offen.

Emotionale Aufladung im Zentrum

Tatsächlich erfahren ihre jüngeren Arbeiten eine neue emotionale Aufladung in der Binnenszenerie ihrer Arrangements. Wie immer berührt Sengls Arbeit den Kern der Fabel: Die Tiere verweigern jede Form individualisierbarer Zurichtung, sie sind bestenfalls Archetypen und unterlaufen im Grunde jeden empathischen Bindungsaufbau. Sengls Tiere sind Kunstwesen, sie sind nicht das Haustier-Gegenüber, auf das man all seine menschlichen Bedürfnisse projizieren oder abstreicheln kann.

Und die Fantasie, die von Sengls Bildern bisher ausgegangen ist, wurde stets auf eine abstrakte Ebene katapultiert. Statt Einfühlen war Nachdenken gefordert. Kein schöner Akt beim ästhetischen Erlebnis (nicht einmal Kant hatte das vorgesehen rund um sein Diktum „Schön ist, was ohne Begriff allgemein gefällt“). Doch mit der Pandemie kippen plötzlich die Binnenräume ihrer Bilder.

Bild von Deborah Sengl
Deborah Sengl
Wie viel Nähe zueinander lassen die Tiere zu?

Das traurige Tier

Sengls Tiere zeigen Gefühl, sie erscheinen gerührt und traurig. Hier geht eine Künstlerin an die Grenze ihrer eigenen Poetik, ja sprengt sie. „Ich muss Abstand halten“, schreibt ein Hund an die Tafel in einer Schulklasse. Die anderen Tiere bemühen sich um Formen der Alltäglichkeit, die auch den Tieren nicht gelingen mag.

Immer gibt es leere, weiße Flächen in der Figurenwelt der Deborah Sengl – so auch in diesen Bildern zur Pandemie. Dem Betrachter verschaffen sie gerade jetzt jene Luft, die einem in der Hygienewelt Österreich unter der Maske fehlt. Wie einer Gesellschaft die Überwindung gerade der psychischen Folgen der Pandemie gelingen kann, ist noch nicht klar. Dass wir es ohne Kunst nicht schaffen werden, machen einen auch die verfremdeten Welten Sengls mit ihren Naheffekten deutlich. In der Pandemie kommt auch die extremste Kunst zu sich – vielleicht auch, weil die Gesellschaft gerade so außer sich ist.

„Coro(h)na“-Zyklus von Deborah Sengl

Bild von Deborah Sengl
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