Schäden am Reaktor in Fukushima
Reuters/Kyodo
Schrecken ohne Ende

Die Probleme beim Stilllegen von Fukushima

11. März, 14:46:23 Uhr in Fukushima: Ein Erdbeben der Stärke 9,0 unter dem Meeresboden vor Japans Ostküste erschüttert die sechs Reaktoren des AKWs, die Stromversorgung fällt aus – und der Super-GAU nimmt seinen Lauf. Zehn Jahre später ist kein Ende der radioaktiven Katastrophe absehbar. Bei der Stilllegung, die im besten Fall noch 30 Jahre dauern wird, gibt es immer wieder riesige Probleme – auch aktuell.

In drei der sechs Reaktorblöcke des AKWs Fukushima Daiichi kam es vor zehn Jahren zur Kernschmelze. Das schwere Erdbeben und ein kurz darauf folgender Tsunami mit Wellen von bis zu 16,7 Meter Höhe zerstörten das AKW, setzten auch die Notstromaggregate unter Wasser. Die Kühlung fiel aus, und es kam zum Super-GAU. Durch Beben und Tsunami kamen fast 19.000 Menschen ums Leben. Tausende sind bis heute vermisst. Rund 160.000 Menschen wurden wegen der radioaktiven Strahlung abgesiedelt – und Zehntausende von ihnen konnten bisher nicht zurückkehren. Die mittel- und langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen sind noch offen.

Das japanische Wirtschaftsministerium geht davon aus, dass die Stilllegung noch mindestens bis 2051 dauern wird. Als „Meilenstein“ feierte die Regierung etwa, dass die Menge des Grund- und Regenwassers, das durch Eindringen in die kaputten und offenen Reaktoren kontaminiert wird, auf unter 150 Kubikmeter pro Tag reduziert werden konnte.

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Flutwelle vom 11. März 2001 in Fukushima
Reuters/Mainichi Shimbun
Der 11. März 2011 wird auf immer mit dem stärksten je gemessenen Erdbeben vor Japans Küste und dem Tsunami mit Wellen von bis zu 16,7 Meter Höhe verbunden sein
Verzweifelte Fraun in Mitten der Zerstörung
Reuters/Asahi Shimbun
Erdbeben und Tsunami zerstörten die gesamte Region Fukushima und machten viele Orte im wahrsten Sinne des Wortes dem Boden gleich
Das Kraftwerk am Unglückstag
Reuters/Yomiuri Yomiuri
Die Naturkatastrophe im Nordosten Japans löste zudem den Super-GAU aus. Im Bild ist das AKW am Unglückstag zu sehen.
Schäden am Reaktor in Fukushima
Reuters
Reaktor 1 am Tag nach der Katastrophe – und nach der Wasserstoffexplosion. Das am Meer gelegene Atomkraftwerk Fukushima Daiichi war am Vortag von einer fast 15 Meter hohen Wasserwand getroffen worden.
Schäden am Reaktor in Fukushima
Reuters/Reuters TV
Mit Wasserwerfern versuchten die Einsatzkräfte Wochen nach dem Unfall, das Feuer und die Kernschmelze zu stoppen. Bis heute kommt die Stilllegung nur langsam voran.
Schäden am Reaktor in Fukushima
Reuters/Yomiuri Yomiuri
Die Stilllegung der gesamten Anlage wird mindestens noch drei bis vier Jahrzehnte dauern
Schäden am Reaktor in Fukushima
Reuters/Issei Kato
Umstritten ist, ob das radioaktive Kühlwasser – derzeit in mehr als 1.000 großen Tanks gelagert – einfach ins Meer geleitet werden soll
Schäden am Reaktor in Fukushima
Reuters/Toru Hanai
Rund 900 Tonnen geschmolzener Brennelemente und Brennelement-Materialien müssen erst aus den drei zerstörten Reaktoren gesichert werden
Schäden am Reaktor in Fukushima
Reuters
337 Quadratkilometer groß war die No-go-Area nach dem Atomunfall. Nach zehn Jahren intensiver Arbeiten zur Dekontaminierung der Gegend sind es noch 2,4 Prozent.
Polizisten in Schutzkleidung auf der Suche nach Überlebenden
AP/Hiro Komae
Die Suche und Bergung von Verletzten, Vermissten und Toten nach der doppelten Naturkatastrophe wurde durch den Super-GAU wesentlich erschwert
Plastiksäche mit kontaminierter Erde
Reuters/Toru Hanai
Jahrelang wurde großflächig oberirdisch besonders kontaminierte Erde abgetragen und in großen Säcken gesammelt
Vergleich der zerstörten Gebiete 2011 und 2020
AP/Tetsu Joko
Luftaufnahme von einem Küstenstreifen der Großstadt Ishinomaki nach dem Tsunami
Vergleich der zerstörten Gebiete 2011 und 2020
AP/Tetsu Joko
So sieht derselbe Bereich aktuell aus (Aufnahme vom September 2020)
Vergleich der zerstörten Gebiete 2011 und 2020
AP/Yasushi Kanno
Die Großstadt Iwaki wurde ebenfalls schwer getroffen
Vergleich der zerstörten Gebiete 2011 und 2020
AP/Yasushi Kanno
Ein großteils wiederaufgebauter Stadtteil
Vergleich der zerstörten Gebiete 2011 und 2020
AP/Tetsu Joko
Auch die Stadt Kesennuma wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen
Vergleich der zerstörten Gebiete 2011 und 2020
AP/Tetsu Joko
Direkt an der Küste sind heute nur noch Industrieanlagen, aber keine Wohnhäuser mehr. Besonders in und um Fukushima sind viele Menschen bis heute nicht nach Hause zurückgekehrt. Zu groß ist ihre Angst davor, radioaktiv verstrahlt zu werden.
Geigerzähler nahe dem Kraftwerk 2017
Reuters/Toru Hanai
Bis heute gibt es zahlreiche Stationen in der Region, um die Radioaktivität zu messen. Auch Lebensmittel werden regelmäßig auf radioaktive Strahlung überprüft.

Wohin mit kontaminiertem Kühlwasser?

Vor allem zwei Probleme sind derzeit akut: Der AKW-Betreiber TEPCO sammelt seit der Katastrophe kontaminiertes Wasser, das sich in der kaputten Anlage befindet, und sichert rund eineinviertel Millionen Tonnen Kühlwasser in mehr als 1.000 riesigen Metalltanks. Die Menge entspricht laut „Washington Post“ etwa jener von 500 olympischen Schwimmbecken. Mittlerweile sind es so viele Tanks, dass es auf dem Gelände kaum noch Platz gibt, weitere Tanks aufzustellen. Daher ist geplant, in Bälde dieses Wasser nach einem Dekontaminierungsprozess ins Meer abzuleiten – und zwar über 30 Jahre hinweg, um die Konzentration an Radionukliden möglichst gering zu halten.

Das sorgt nicht nur bei Umweltschützern, sondern auch bei jenen Menschen, die in den letzten Jahren zurückkehrten und sich wieder ansiedelten, für Sorge und Empörung. So fürchten insbesondere lokale Fischereibetriebe um ihre Existenz.

Aus Sicht der Regierung ist das Verfahren sicher. Das ALPS genannte Verfahren soll demnach fast alle Radionuklide aus dem Wasser entfernen, insbesondere die hochgiftigen wie Strontium und Cäsium. Übrig bliebe laut „Washington Post“ neben geringen Mengen an Carbon-14 vor allem Tritium. Dieses Wasserstoff-Isotop gilt demnach als weniger gefährlich für den Menschen und wird von AKWs laufend weltweit ins Meer eingebracht. Laut der US-Zeitung wurde nur wegen der Olympischen Spiele und der erwarteten schlechten Publicity noch nicht mit dem Einleiten ins Meer begonnen.

Neue Schäden durch jüngstes Erdbeben?

TEPCO plant, den Platz, den die Wassertanks derzeit einnehmen, zur Lagerung des geschmolzenen atomaren Brennstoffs zu verwenden. Und das ist das zweite große, akute Problem: Zuletzt wurde bei Untersuchungen herausgefunden, dass sich in den Reaktoren 2 und 3 tödliche Mengen an Radioaktivität befinden. Und es wird befürchtet, dass das jüngste Erdbeben neuen Schaden an den Reaktoren verursacht hat und Wasser durch Risse im Boden austreten könnte.

Etwa 900 Tonnen geschmolzenen und wiedererstarrten atomaren Brennstoffs befinden sich innerhalb der drei kaputten Reaktoren. Nichts davon ist bisher sichergestellt. Die Entfernung abgebrannter Brennstäbe wurde vielmehr um mehrere Jahre verlegt – nicht zuletzt wegen der Pandemie.

Bis jetzt ist unklar, wie der geschmolzene Brennstoff in den Reaktorblöcken 1, 2 und 3 überhaupt entfernt werden soll. Das sei eine schwierige Frage, so der für die Stilllegung zuständige Akira Ono. „Wenn Sie zehn Leute fragen, gibt Ihnen jeder eine andere Antwort“, so Ono.

Kontaminiertes Kühlwasser in Fukushima
Reuters/Sakura Murakami
Weite Teile des freien AKW-Geländes sind mittlerweile mit Tanks gefüllt, in denen das kontaminierte Wasser gelagert wird

Schwerer Schlag für Befürworter

Das Reaktorunglück hat weltweit die Debatte über den Einsatz von Atomkraft geprägt – jedoch nicht überall zu den gleichen Schlussfolgerungen geführt. Vor allem in den reichen Industriestaaten führte es tendenziell zu mehr Distanz, verschärfter Sicherheit oder gar einer Abkehr von der Atomkraft. So beschlossen Deutschland und die Schweiz etwa den Ausstieg aus der Technologie. In Japan sind seit der Katastrophe von den mehr als 30 AKWs nur neun bisher wieder ans Netz gegangen. Eine Renaissance der Atomkraft ist trotz des eklatanten Mangels anderer Energiequellen auch nach zehn Jahren nicht vorstellbar.

Vor allem Schwellen- und Entwicklungsländer setzen teils unverändert auf Nuklearenergie – aber auch Nachbarländer Österreichs wie etwa Tschechien und die Slowakei. Neben China sind laut dem Wiener Atomsicherheitsexperten Nikolaus Müllner vor allem die Türkei, Ägypten und andere afrikanische Staaten sowie Indonesien weiter an der umstrittenen Technologie interessiert.

„Weltjournal+“: Atom – 100 Jahre Lügen

Das „Weltjournal+“ geht zu den Anfängen des Atomzeitalters zurück und stellt Menschen vor, die Opfer militärischer und industrieller Geheimhaltung tödlicher Gefahren wurden: Fischer, die bei amerikanischen Atombombentests im Bikini-Atoll verstrahlt wurden, Hiroshima-Überlebende und die jungen Arbeiterinnen in den Radiumfabriken der 1920er Jahre, die mit radioaktiver Farbe Leuchtziffern auf Uhren malten und dabei die Pinsel mit dem Radium mit ihren Lippen befeuchten mussten. Die Dokumentation liefert eine umfassende historische Untersuchung von hundert Jahren Radioaktivität, erinnert an ihre Opfer, von den Eheleuten Curie bis Fukushima, und deckt die Lügen der Atomindustrie auf.

Atomlobby argumentiert mit Klimakrise

Die Atomlobby und Befürworter von AKWs verweisen auf die Klimaziele von Paris, die ohne Atomkraft – als Ersatz für Kohlekraftwerke – nicht erreichbar seien. Außer Acht gelassen wird dabei freilich neben dem Risiko eines Reaktorunfalls vor allem die ungelöste Frage einer dauerhaft sicheren Lagerung der abgebrannten Brennstäbe. Laut der Lobbyorganisation World Nuclear Association sind derzeit etwa 50 AKW-Reaktoren im Bau, allein 16 davon in China.

George Borovas von der auf Nuklearanlagen spezialisierten Anwaltskanzlei Hunton Andrews Kurth, sieht Atomkraft in den letzten zwei, drei Jahren wieder im Aufwind. Zahlreiche Länder würden sich „wirklich wieder für Atomenergie interessieren“, so Borovas gegenüber dem „Wall Street Journal“.

Erneuerbare graben AKWs Wasser ab

Der atomstromkritische Energieberater Mycle Schneider dagegen verwies gegenüber dem „WSJ“ darauf, dass Atomstrom heute nicht mehr im Wettbewerb mit Kohlestrom stehe, sondern zusehends mit erneuerbarer Energie. Angesichts der rasch fallenden Preise bei Strom aus Erneuerbaren rechne es sich einfach nicht mehr, zehn bis 15 Jahre in Planung und Bau eines AKWs zu investieren. „Das Gros der AKWs weltweit könne preislich mit den Erneuerbaren nicht mithalten“, so Schneider.

Fukushima zeigt in einer ungeheuren Dimension nicht zuletzt auch, dass der Schaden von großen Katastrophen unweigerlich vergemeinschaftet wird: Der Stromkonzern TEPCO ist längst verstaatlicht, da die Kosten für die Eindämmung der Schäden so hoch sind, dass das Unternehmen sonst in die Pleite geschlittert wäre. Von den Folgen für die Bewohnerinnen und Bewohner der gesamten radioaktiv verseuchten Region gar nicht zu sprechen.