Hier, diese Blume schenk ich dir
Janosch film & medien AG
Janosch ist 90

Sanfter Anarchist des Kinderzimmers

Horst Eckert, weltweit unter seinem Künstlernamen Janosch bekannt, feiert am Donnerstag seinen 90. Geburtstag. Seine Geschichten rund um das Freundespaar kleiner Tiger und kleiner Bär sowie die Tigerente begeisterten mit ihrer humorvollen Perspektive Generationen von Kindern und Eltern. Aktuelle Ausstellungen und eine Publikation zum Alter Ego „Herr Wondrak“ beleuchten das Werk des Ausnahmekünstlers.

Die meisten Eltern kennen das Ritual: Abend für Abend fordert der Nachwuchs dieselbe Gutenachtgeschichte ein. Glücklich sind dann jene, die dann zu Klassikern wie „Oh, wie schön ist Panama“ und „Post für den Tiger“ greifen dürfen. Janoschs Texte und Bilder sind dermaßen vielschichtig und humorvoll, dass die Wiederholung ihrem Zauber nicht schadet.

Stets dreht es sich bei Janosch um Liebe, Zuneigung, Neid, Streit und Versöhnung, alle komplexen Zutaten von facettenreichen Beziehungen, die kleine und großen Menschen miteinander führen. Und stets blicken die gleichermaßen naiven und entwaffnend schlauen kindlichen Figuren auf eine mitunter gierige und egoistische Erwachsenenwelt. Das ist entlarvend, aber nie ein Anlass für gröbere Verwerfungen oder Desillusionen – die kindliche Perspektive darf bei Janosch gewinnen.

Geschichten fürs „Immunsystem“

Janosch, dessen Geschichten ein antiautoritärer Geist durchweht, geht es darum, Kinder zu bestärken anstatt zu belehren. Der deutsche Kulturradiosender SWR2 zitierte ihn kürzlich wie folgt: „Ich versuche, in den Geschichten ein Immunsystem aufzubauen, dass Kinder gegen ihre Eltern widerstandsfähig werden. Ich gebe ihnen die Gartenzwerge, die sie später als Wurfgeschoß benutzen können.“ Seine Geschichten sind feine Parabeln. Das gilt bereits für „Oh, wie schön ist Panama“ (1979), den Grundstein für Janoschs weltweiten Erfolg.

Fotostrecke mit 6 Bildern

Horst Eckert
picturedesk.com/Action Press/Fabricius,Bertold
Horst Eckert alias Janosch – der Autor, Illustrator, Künstler und erfolgreiche Bilderbuchautor feiert seinen 90. Geburtstag
Ach komm herunter und ich koche dir Nudeln
Janosch film & medien AG
Flehen, anhimmeln, streiten, versöhnen, zusammen essen – der kleine Bär und der kleine Tiger exerzieren komplexe Beziehungsdynamiken für Kinder verständlich durch
Der Sonnenaufgang ist ungefährt dort
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Die naiv-kindliche Perspektive und ihre Sehnsüchte dürfen in Janoschs Werk stets gewinnen
Wie gehts denn so
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Oft geht es bei Janosch auch rau zu: Die Gänse überleben ihre Liebe zum Fuchs nicht, das Schweinchen manipuliert schon mal den Tiger. Immer dabei ist die Tigerente.
Pater & Kreuz
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Religionsskepsis zieht sich seit Janoschs Jugenderfahrungen durch sein Leben und Werk
Herr Wondrak tanzt im Rampenlicht
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Janoschs unterhaltsames Alter Ego: Herr Wondrak, der mit der Bewunderung anderer umzugehen weiß

Darin entdecken der kleine Bär und der kleine Tiger samt der gelb-schwarz-gestreiften Tigerente nach einer langen Reise ihr eigenes Haus wieder. Eigentlich sind sie ja ausgezogen, um ihren Sehnsuchtsort Panama zu finden, nachdem sie auf eine Bananenkiste aus Mittelamerika gestoßen waren. „Panama riecht nach Bananen. Oh, Panama ist das Land meiner Träume“, kombiniert der kleine Bär schnell.

Ausstellungshinweise

  • „Janosch. Zum 90sten Geburtstag“, Galerie Augustin, Wien, 11. März bis 10. April
  • „Herr Wondrak von Janosch“, Karikaturmuseum Krems, 21. Februar 2021 bis 30. Jänner 2022

Verfasser von Kinderweltliteratur

Um sich richtig zu Hause zu fühlen, braucht es eben gute Freundschaften – denn „wenn man einen Freund hat, braucht man sich vor nichts auf der Welt zu fürchten“ – und erfüllbare Sehnsüchte, wie das Traumland Panama im eigenen Wohnzimmer mit Plüschsofa zu finden. Überhaupt gelingt Bär und Tiger eigentlich alles, weil sie sich von Widrigkeiten nicht groß beeindrucken lassen.

Sei es, wenn sie gemeinsam unbedingt einen Schatz finden wollen („Komm, wir finden einen Schatz“), der sie, kaum haben sie ihn tatsächlich gefunden, zum Streiten bringt und den die Bank, ein Steuereintreiber des Königs und ein Räuber ihnen sofort wieder entreißen.

Oder wenn der kleine Tiger eines Tages vom Pilzesuchen nicht mehr zurückkommt, weil er sich lieber mit dem kleinen Schweinchen vergnügt („Guten Tag, kleines Schweinchen“), das ihn aber nur ausnutzt. Die Geschichten von Tiger, Bär und Tigerente bleiben auch in der fünfhundertsten Wiederholung ein Abenteuer und nichts weniger als Weltliteratur fürs Kinderzimmer.

Grubenarbeiterkind und „Beinahemillionär“

Zum 85. Geburtstag gab es sehr Persönliches über Eckerts Leben vor seiner Karriere als Janosch zu erfahren. Für ihre Biografie „Wer fast nichts braucht, hat alles“ wechselte die Germanistin Angela Bajorek über 1.000 E-Mails mit Janosch und besuchte ihn in seiner Wahlheimat Teneriffa, wo er seit 1980 lebt. Er vertraute ihr Details zu seiner Lebensgeschichte an: dass er 1931 im schlesischen Hindenburg – dem heute polnischen Ort Zabrze – zur Welt kam und sein Vater Johann Eckert ihn, um sich bei den Nazis anzubiedern, nach SA-Sturmführer Horst Wessel benannte.

Oder dass seine Kindheit im Grubenarbeitermilieu von körperlicher und seelischer Misshandlung geprägt war, vonseiten des alkoholkranken Vaters und der ebenfalls prügelnden Mutter genauso wie von Lehrern, jesuitischen Priestern, in der Hitlerjugend und von Mitschülern. Daher rührt Janoschs Religionsskepsis, heute ist er Teil des Beirats der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung. Seine schwierige Kindheit und Jugend mag aber auch dafür verantwortlich sein, dass er den kindlich-naiven Blick in seinen Bilderbüchern immer gegen die mitunter raue Umwelt verteidigt.

Wien und ich allein
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So fasst Janosch Wien in einer Radierung zusammen, aktuell zu sehen in der Galerie Augustin

Nach dem Zweiten Weltkrieg flüchtete Eckert aus dem nunmehrigen Polen nach Niedersachsen, arbeitete in Textilfabriken und ging in den 1950er Jahren nach München, um Maler zu werden. Zum Studium an der Akademie der bildenden Künste wurde er nach einer Probezeit schließlich nicht aufgenommen. In der Folge schlug er sich als freischaffender Künstler durch, bis er ab 1960 erste Kinderbücher veröffentlichte. Später schrieb er Romane wie „Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm"(1970), in denen er teilweise seine Kindheitstraumata bearbeitete.

Von der Biografie Bajoreks distanzierte sich Janosch später. Zerrüttete Arbeitsbeziehungen haben bei Janosch fast schon Tradition. Die Rechte an seinen Werken sind in der "Janosch film & medien AG“ gebündelt, von der der Künstler Aktien erhielt, die er selbst als „wertlos“ bezeichnete und öfters angab, kaum oder gar keine Erlöse von seinen über 300 in 40 Sprachen übersetzten Werken zu verdienen, die sich millionenfach verkauften. Ist Janosch also ein um die Früchte seines Schaffens betrogener Beinahemillionär? Die „Janosch film & medien AG“ hat das immer bestritten.

Cover von „Janosch: Herr Wondrak, wie kommt man durchs Leben?“
Prestel
Janosch: Herr Wondrak, wie kommt man durchs Leben? Prestel, 384 Seiten, 30,90 Euro

Wondrak und Werküberblick zum 90er

Gibt es zum 90. Geburtstag noch einen neuen Janosch zu entdecken? Das nicht unbedingt, aber doch einen Künstler auf der ungebrochenen Höhe seines Schaffens. Von 2013 bis 2019 publizierte er im „Zeit-Magazin“ über 300 Auftritte seines in getigerte Latzhose und Patschen gewandeten Alter Egos Wondrak, der mit schnoddrigen Lebensweisheiten und im unverkennbaren Stil gezeichneten Bildern unterhielt. Einmal befragt, was eigentlich gewesen wäre, hätten Tiger und Bär Smartphones gehabt, entgegnete Wondrak: „Sie hätten Panama einfach gegoogelt und wären im Übrigen am Tisch sitzen geblieben.“

Zum 90. Geburtstag werden nun einige neue Wondrak-Arbeiten in der „Zeit“ publiziert. Die gesammelten bisherigen Ausgaben sind gerade als Buch erschienen. Janoschs Wondrak ist auch mit einigen Originalen im Kremser Karikaturmuseum zu sehen. Einen breiteren Überblick über das vielseitige Schaffen Janoschs bietet seit Donnerstag für einen Monat die Wiener Galerie Augustin. In Radierungen mit den typisch krakeligen Figurenumrissen und Aquarellarbeiten kommt hier Janosch noch einmal mit seinen großen Themen Freundschaft, Liebe, Religionskritik und einem Plädoyer für Vielfalt und Toleranz zur Geltung.