Soldaten in Mosambik
APA/AFP/Adrien Barbier
Mosambik

Dschihadisten nehmen Küstenstadt ein

Ein von der Weltöffentlichkeit bisher kaum beachteter Konflikt eskaliert: Im Nordosten Mosambiks brachten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zugerechnete Dschihadisten in unmittelbarer Nähe eines internationalen Erdgasgroßprojekts die Küstenstadt Palma unter ihre Kontrolle. Unklar ist das Schicksal von Dutzenden Menschen, die sich nach dem Überfall am Mittwoch in ein Hotel geflüchtet hatten. Berichten zufolge geriet ein Militärkonvoi in einen Hinterhalt, als ein Teil von ihnen evakuiert werden sollte.

Unter den Evakuierten waren auch ausländische Beschäftigte des unter anderem vom französischen Ölriesen Total und dem US-Konzern ExxonMobil betriebenen Milliardenprojekts. Am Freitag gelang es der Armee nach Angaben des Sicherheitsvertreters, rund 80 Menschen in Lastwagen aus dem Hotel zu holen.

Der Konvoi aus 17 Lastwagen sei kurz darauf angegriffen und mehrere Menschen getötet worden. Nur sieben Lastwagen schafften es laut dem Vertreter aus der Kampfzone. Das Nachrichtenportal Pinnacle News zeigte Luftbilder von den liegen gebliebenen Lkws. Was aus den anderen wurde, war unklar. Rund hundert Hotelgäste flüchteten sich laut Berichten an den Strand, wo sie in der Nacht zum Samstag von Militärschiffen abgeholt wurden.

„Fast die ganze Stadt zerstört“

Dschihadisten hatten am Mittwochnachmittag Palma in der Grenzregion zu Tansania überfallen. Nach Angaben von Augenzeugen flüchteten sich verängstigte Bewohner der Küstenstadt in einen nahegelegenen Wald, während Mitarbeiter der an dem Gasprojekt beteiligten Firmen im Amarula-Hotel Schutz suchten. Ein Mitarbeiter der Gasanlage sprach von vielen Toten.

„Fast die ganze Stadt“ sei zerstört. Felisberto Chivinzane, ein Bewohner von Palma, der vor dem Angriff fliehen konnte, sagte der dpa, der Ort sei „vollständig zerstört“ worden. Banken und Geldautomaten seien mit Sprengstoff angegriffen und Militärkasernen und Gesundheitseinrichtungen zerstört worden.

Auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) meldete unter Berufung auf Augenzeugen mehrere Todesopfer. Zeugen hätten von auf der Straße liegenden Leichen berichtet sowie von dschihadistischen Kämpfern, die wahllos auf Menschen und Gebäude geschossen hätten.

Konflikt forderte bereits 2.600 Tote

Von offizieller Seite wurden die Berichte zunächst nicht bestätigt. Die Regierung hatte am Donnerstag den dschihadistischen Überfall bestätigt und eine Militäroffensive verkündet. Seitdem schwieg sie.

Die kleine Küstenstadt Palma liegt in der mehrheitlich von Muslimen bewohnten Provinz Cabo Delgado. Seit drei Jahren kommt es dort immer wieder zu Angriffen radikalislamischer Gruppen, bei denen den Berichten von NGOs zufolge mindestens 2.600 Menschen getötet und 670.000 in die Flucht getrieben wurden. Laut HRW stehen die Angreifer in Verbindung zu einer in Mosambik als al-Schabab bekannten Dschihadistengruppe, die jedoch keine direkten Verbindungen zu der gleichnamigen somalischen Dschihadistenmiliz haben soll.

Soldat in Mosambik
APA/AFP/Joaquim Nhamirre
In den vergangenen Jahren griffen die Dschihadisten vor allem kleine Dörfer an – und sorgten für Panik und Zerstörung

Riesiges Gasprojekt

Nach einer Reihe von Militärinterventionen hatte sich die Lage nach etlichen Angriffen im Herbst zuletzt eher beruhigt. Erst am Tag des Überfalls hatte Total die Wiederaufnahme der Bauarbeiten für das Erdgasprojekt angekündigt, die aufgrund der unsicheren Lage seit Jahresbeginn ruhten. Die Gasvorkommen könnten erheblich zur wirtschaftlichen Entwicklung des armen Landes beitragen. Fraglich ist, inwiefern die örtliche Bevölkerung davon profitieren würde. Die Provinz ist extrem arm und abgelegen. Auch von der Regierung wurde die Region jahrelang vernachlässigt. Laut Experten ist das ein Grund, dass sich dort die radikalislamischen Gruppen entwickeln konnten.

USA: Globale Terrororganisation

Die Weltöffentlichkeit nahm von dem Konflikt jahrelang kaum Notiz, erst in den vergangenen Monaten tauchte das Thema ab und zu auf. So stufte die US-Regierung die Dschihadisten in der Demokratischen Republik Kongo und in Mosambik erst vor wenigen Wochen als globale Terrororganisationen ein. Sie bezeichnete die Gruppe als IS Mosambik, nannte aber auch die Namen Ansar al-Sunna und al-Schabab.

Diese hätte Terroranschläge verübt bzw. stellten mit Blick auf weitere Angriffe ein „bedeutendes Risiko“ dar, erklärte das US-Außenministerium. Die Gruppe habe unter Führung von Abu Jasir Hassan Hunderte Zivilisten getötet und sei in der Provinz Cabo Delgado auch für „eine Reihe großer und ausgeklügelter Angriffe“ verantwortlich, bei denen der wichtige Hafen von Mocimboa da Praia eingenommen worden sei. Die Hilfsorganisation Save the Children berichtete im März, dass die Terroristen auch Kinder gezielt getötet hätten.