Die britische Wirtschaftsministerin Liz Truss
Reuters/Henry Nicholls
Liz Truss

Die politische Erbin der „Eisernen Lady“

Margaret Thatcher hat die britische Politik wie wenig andere Politiker und Politikerinnen geprägt – die britische Handelsministerin Elizabeth Truss wird von vielen schon als ihre Nachfolgerin gehandelt. In ihrer Jugend skandierte Truss noch mit ihrer Familie bei Demos gegen Thatcher, mittlerweile spielt sie bewusst mit den Markenzeichen der einstigen starken Frau Englands.

Truss, bekannt als Liz, weise sehr viele Parallelen zur „Eisernen Lady“ Thatcher auf, schrieb das Politmagazin „Politico“. Sie seit „wild entschlossen“ und „besessen“ von Politik und konzentriere sich immer auf das Wesentliche, ohne Abzweigungen oder Schnörkel. Unter Boris Johnson als Premier habe sie sich zur „Verkörperung“ der britischen Ambitionen nach dem Brexit entwickelt.

Von der Basis werde sie als Frau mit Macherqualitäten wahrgenommen, als Politikerin, die am besten zeige, dass der Brexit ein Erfolg sei – auch wenn ihre Deals mit Japan und Kanada vor allem die Vorteile der einstigen EU-Mitgliedschaft replizieren. „Das internationale Gesicht und die Stimme Großbritanniens ist im Moment Liz Truss“, wurde der Chef des britischen Thinktanks UK in a Changing Europe, Anand Menon, zitiert.

Die britische Wirtschaftsministerin Liz Truss
Reuters/Jeremy Selwyn
Truss liebt starke Farben, vor allem die der britischen Fahne: Blau, Rot und Weiß

Dabei sei Truss’ Aufstieg symptomatisch für die Rückkehr Großbritanniens zur einer agressiven und spaltenden Ideologie, wie es sie seit den 1980ern nicht mehr gegeben habe, schrieb „Politico“ weiter. Nach zahlreichen pragmatisch veranlagten Premierministern habe Johnson den Brexit nicht nur für sich vereinnahmt, er habe auch eine Reihe von Neoliberalen an die Macht gebracht – Truss sei eine davon.

Spiel mit Ähnlichkeiten

Teilweise spiele Truss ganz bewusst auf Thatcher an, etwa durch die Farbauswahl bei ihrer Kleidung, die von Blau, Rot und Weiß dominiert wird. Andere Ähnlichkeiten sind zufällig wie der Bildungsweg in öffentlichen Schulen sowie der Eindruck, dass sie für einen radikalen Wechsel stehe. Truss ist auch keine geübte Sprecherin vor Publikum wie Thatcher in ihren frühen Jahren – wie Thatcher übte Truss, setze aber auch ihren eigenen Charme ein.

Truss sei keine 1:1-Kopie von Thatcher, schrieb das Magazin weiter, ihr Humor sei sympathischer, ihre Mundwinkel würden sich schon mal nach oben heben, wenn sie etwas amüsiere, zudem habe sie noch nicht die Machtbasis, die Thatcher einst an die Spitze gebracht habe.

Margaret Thatcher im November 1990
APA/AFP/Jean-Loup Gautreau
Thatcher war eine prägende Figur in der britischen Politik – und nicht unumstritten

Dabei kommt Truss aus einer Labour-Familie aus dem eher unterprivilgierten Norden Englands, ihr Vater war Mathematikprofessor an der Universität Leeds, ihre Mutter Krankenschwester, Lehrerin und Mitglied einer Kampagne für nukleare Abrüstung. Mit ihrer Mutter skandierte sie auf Protestmärschen „Maggie, Maggie, Maggie, raus, raus, raus!“, schrieb das Magazin. Sie studierte in Oxford Politik, Philosophie und Wirtschaft und begann zunächst bei Shell zu arbeiten. Mit Ende ihres Studiums trat sie der konservativen Partei bei, nachdem sie zuvor Präsidentin der Liberalen Studentenvertretung in Oxford war.

Aufstieg unter Cameron, mit Gegenwind

Truss’ Aufstieg in der konservativen Partei begann unter David Cameron als Parteiführer. Dass sie eine Affäre mit einem Parteikollegen einige Jahre zuvor hatte, wurde 2009 anlässlich ihrer Nominierung für die Region South West Norfolk für die Unterhauswahlen zum Anlass genommen zu versuchen, sie gleich wieder aus dem Parlament zu drängen – sie gewann eine entsprechende Abstimmung mit 132 zu 37 Stimmen.

2012 begann ihr Aufstieg im Bildungsministerium, sie setzte sich unter anderem für höhere Standards bei der Mathematikbildung ein. 2014 stieg sie zur Umweltministerin auf, im Gegensatz zu ihrem Vorgänger anerkannte sie die Rolle der Menschen bei Klimawandel. Dabei schlugen offenbar zwei Herzen in ihrer Brust: Einerseits startete sie eine zehnjährige Kampagne zum Schutz der Bienen, andererseits hob sie kurzfristig das Verbot von zwei Neonicotinoiden auf.

Erste Lordkanzlerin der britischen Geschichte

Truss setzte sich für die verstärkte Produktion und den Export von britischem Essen ein, gleichzeitig kappte sie Förderungen für Solaranlagen auf Ackerflächen – sie war der Meinung, diese sollten besser für die Produktion von Nahrungsmitteln genutzt werden. Sie sorgte auch ungewollt für Schlagzeilen, als sie bei einer Parteiversammlung erklärte, dass es eine Schande sei, dass England zwei Drittel des verbrauchten Käses importiere und man neue „Schweinemärkte“ öffnen solle – es hagelte Hohn im Netz.

Unter Theresa May als Premierministerin wurde Truss als jeweils erste Frau Justizministerin und Lordkanzlerin. 2017 wurde sie Staatssekretärin im Schatzamt und war damit nicht mehr Mitglied des Kabinetts – eine Degradierung in manchen Augen. Handelsministerin wurde dann unter Johnson, erneut war sie die erste Frau in dieser Position.

Starke Ideologin

Kritiker werfen Truss vor, dass sie für Argumente abseits ihrer Überzeugungen und Ideen schwer bis gar nicht zugänglich sei. Sie selbst deklarierte sich als Verfechterin der Rechte des Einzelnen und sprach sich gegen Regularien und Steuererhöhungen aus. Truss bezeichnete sich gegenüber „Politico“ als Ideologin, mehr als viele ihrer Kollegen.

2012 war sie Koautorin des Buchs „Britannia Unchained“, mit Weggefährten wie Dominic Raab, Priti Patel und Kwasi Kwarteng – diese sitzen nun mit ihr im Kabinett. Das Buch sei kontrovers, so „Politico“, Truss vertrete die Meinung, dass junge Menschen vom prekären Arbeitsmarkt nicht abgeschreckt werden, sondern mehr die Chancen und Möglichkeiten des freien Markts für sich nutzen würden – als „Convenience Junkies“, wie „Politico“ schrieb.

Keine harte Linie bei kontroversen Themen

Auch wenn ihr und ihrem Ministerium ein gewisser Mangel an Transparenz und Kreativität bei den Zahlen vorgeworfen werde, würden die von Truss erreichten Handelsdeals ihr politisch helfen – vor allem bei den Tory-Hinterbänklern. Im Gegensatz zu Raab und Patel sei die zweifache Mutter auch keine Hardlinerin beim Thema Migration, und auch ihre konservative Linie als Zuständige in Sachen LGBTQ und anderen Gleichstellungsfragen werde zumindest bei den Konservativen geschätzt.

Ob ihre politische Linie erfolgreich ist, werde sich in der Aufarbeitung der Pandemie und des Brexits zeigen, so „Politico“ weiter, wenn sich herausstelle, ob Großbritannien im Rahmen des Programms „Build Back Better“ durch seine neue Handelsstrategien Jobs im ganzen Land schaffen kann. Derzeit sei sie bei den Beliebtheitswerten allerdings noch deutlich hinten, auch hinter ihren Mitstreitern Raab und Patel.