Trading-Apps

Aktien als „Gaming“ für Junge (ORF1)

Schnelle Gewinne mit nur wenigen Klicks und ohne viel Vorwissen: Das erhoffen sich viele junge Menschen von Trading-Apps. Gerade in Coronavirus-Zeiten boomt der Handel mit Aktien übers Handy. Das zeigte sich nicht nur im Jänner bei der Schlacht um die Videospielkette GameStop, als junge US-Kleinanlger große Hedgefonds das Fürchten lehrten. Die „Gamification“ hat auch in Österreich den Kapitalmarkt erreicht, doch das birgt Risiken für junge Kleinanleger, wie eine neue Studie zeigt.

Mit Trading-Apps wie Trade Republic, Flatex und bald auch dem österreichischen Anbieter Bitpanda kann man schnell und unkompliziert mit dem Smartphone in Aktien und Fonds investieren, und das mit wenig bis gar keinen Transaktionsgebühren. Immer mehr Menschen erhoffen sich davon hohe Gewinne in nur kurzer Zeit. In Deutschland investiert laut dem Deutschen Aktieninstitut (DAI) mittlerweile jeder bzw. jede Sechste in Aktien.

Besonders beliebt ist das Investieren bei Jungen: Bei den unter 30-Jährigen ist ein Plus von 67 Prozent zu verzeichnen – das sind fast 600.000, die in Deutschland mit Wertpapieren handeln. Auch in Österreich lässt sich ein allgemeiner Trend in Richtung Aktien beobachten: Jeder bzw. jede Vierte überlegt derzeit, Wertpapiere zu kaufen, das zeigt eine aktuelle Umfrage des Aktienforums. 2017 waren es nur elf Prozent.

Trend aus den USA

In den USA ist der Handel mit Aktien schon lange weit verbreitet. Dort hat mit Robinhood auch der Hype um Trading-Apps im Jahr 2013 seinen Ausgang genommen. Die App hat mittlerweile mehr als 13 Millionen User und Userinnen. Seit Beginn der Coronavirus-Krise ist die Zahl deutlich angestiegen.

Laut Betreiber haben viele neue Anlegerinnen und Anleger die von der US-Regierung in Höhe von 1.200 und 2.400 Dollar verteilte Coronavirus-Beihilfe sofort in Trading investiert. Denn genau Beiträge in dieser Höhe wurden im vergangenen Frühling vermehrt bei der App Robinhood investiert.

Hype rund um GameStop

Das war auch Anfang dieses Jahres zu beobachten, als die Aktie der US-Videospiel-Einzelhandelskette GameStop in die Höhe schoss – ausgelöst von einem Hype um die Aktie auf dem Sozialen Netzwerk Reddit. Junge Kleinanleger und Kleinanlegerinnen motivierten sich dort gegenseitig, die Aktie zu kaufen. Die meisten von ihnen über Trading-Apps wie Robinhood in den USA und Trade Republic in Europa.

Einige der jungen Anleger und Anlegerinnen wollten damit großen Hedgefonds, die auf sinkende Kurse des tot geglaubten Unternehmens spekulierten, eine Lektion erteilen. Andere erhofften sich davon, so an schnelles Geld zu kommen. Eine höchst riskante Aktion, wie sich kurz darauf zeigte: Denn so schnell wie der Höhenflug kam auch der Absturz der GameStop-Aktie. Viele der jungen Trader, die zu spät bei einem bereits sehr hohen Kurs eingestiegen waren, verloren dabei viel Geld.

Außerdem legte der GameStop-Hype auch ein zuvor wenig beachtetes Manko von Trading-Apps offen: Apps wie Robinhood und Trade Republic stoppten zwischenzeitlich den Kauf von GameStop-Aktien für ihre User und Userinnen. Die Kleinanleger und Kleinanlegerinnen sahen sich dadurch auf ihrer Gewinnstrecke gebremst und witterten Marktmanipulation. Gegen Robinhood wird deswegen in den USA ermittelt. Das Unternehmen weist die Anschuldigungen jedoch zurück.

Viele neue Anleger

Schon vor einiger Zeit schwappte der amerikanische Trading-App-Trend auch nach Europa. Und auch hier werde der aktuelle Boom der Onlinebroker durch die Coronavirus-Krise verstärkt, sagt Christian Hecker.

Er ist Gründer des 2019 in Deutschland gestarteten Platzhirschen Trade Republic. „Durch die Pandemie sind noch einmal mehr Menschen auf den Kapitalmarkt gekommen, und das hat unserem Wachstum sicher auch geholfen.“ Ein Merkmal der Neukunden sei, so der Gründer, dass mehr als die Hälfte noch nie zuvor auf dem Börsenmarkt angelegt habe.

Erste Gewinne

Neu im Aktiengeschäft ist auch die 18-jährige Wienerin Viktoria Izdebska. Ihre Begeisterung für Wertpapiere hat bei einem Auslandssemester in den USA begonnen. Vor einem Jahr hat sie ihr erstes Depot über eine Trading-App eröffnet: „Trading-Apps sind leicht zu bedienen, und man kann damit Wertpapiere schnell und unkompliziert kaufen und wieder verkaufen. Außerdem sind dort die Transaktionskosten geringer als bei der Bank.“

Mittlerweile hat die 18-Jährige bereits erste Gewinne übers Handy gemacht und berät selbst Menschen, die investieren wollen. Zusammen mit vier anderen Jungaktionären leitet sie ein Start-up mit dem Ziel, junge Menschen wie sie selbst zu Aktien zu bringen.

Konservative Anlageformen wie das Sparbuch sind für viele junge Menschen wie sie unattraktiv geworden, da die Zinsen mittlerweile sehr gering sind. „Ich finde prinzipiell, dass das Sparbuch ein sehr schlechtes Investment ist, weil es nicht einmal die Inflation übersteigt. Man macht Verluste, wenn man in ein Sparbuch investiert“, sagt sie.

Aktien als „neue Pensionsvorsorge“

Dementsprechend düster sehen die jungen Trader und Traderinnen auch ihre finanziellen Zukunftsaussichten. „Wir sind junge Menschen, es kommen nicht viele Kinder nach. Da können die besten Politiker im Parlament sitzen, das wird sich mit der Rente irgendwann nicht mehr ausgehen“, sagt der 22-jährige Thiemo, ein Hobbytrader aus Tirol. Deswegen müsse man die Zukunft selbst in die Hand nehmen und schon in jungen Jahren anfangen, auf dem Kapitalmarkt zu investieren, so der Tiroler.

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Anlegen per Handy als Nervenkitzel

Diese Entwicklung beobachtet auch Finanzexperte Nikolaus Jilch von der wirtschaftsliberalen Denkfabrik Agenda Austria: „Viele Junge sehen, dass die Eltern in Pension gehen und nicht genug Rente kriegen. Sie wollen dem entgegenwirken und steigen deshalb jetzt ins Aktiengeschäft ein.“ Nicht allen Kleinanlegern und Kleinanlegerinnen geht es aber um eine langfristige Kapitalanlage. Auch der Nervenkitzel und das schnelle Geld locken viele junge Menschen an den Börsenmarkt.

Gefährliche „Gamification“

Kritiker und Kritikerinnen werfen Trading-Apps außerdem vor, die Hemmschwelle für riskantes Spekulieren zu senken: „Der Nachteil dieser Apps ist, dass es sehr schnell in Richtung Zocken und Glücksspiel geht. Man wird da sehr leicht reingezogen“, so Jilch. Bei der amerikanischen App Robinhood etwa erscheint ein Konfettiregen, wenn ein Kauf abgeschlossen wird. Kritiker und Kritikerinnen werfen Robinhood vor, junge User und Userinnen damit zu Impulskäufen zu verleiten.

TV-Hinweis

Eine längere Doku zum Thema Trading Apps in der TVthek „Fannys Friday Doku“

Auch Push-Nachrichten, die gezielt auf einzelne Aktien aufmerksam machen, verleiten Trader und Traderinnen zu riskanten Geschäften. Das zeigt eine neue Studie der Uni St. Gallen, die das Verhalten von 240.000 Kunden und Kundinnen eines Onlinebrokers zwei Jahre lang beobachtet hat. Demzufolge handeln die User und Userinnen viel häufiger, nachdem sie Benachrichtigungen aufs Handy bekommen, und gehen außerdem ein signifikant höheres Risiko bei Trades ein.

Verluste gehören dazu

Zu den besonders riskanten Investments gehört etwa auch der Handel mit Derivaten, der zwar zu hohen Renditen, aber genauso auch zu hohen Verlusten führen kann. „Die größten Verluste passieren meistens direkt nach den größten Gewinnen“, sagt der 22-jährige Thiemo. „Denn dann glaubt man, dass man schlauer ist als alle anderen.“ Das stelle sich dann aber oft als falsch heraus. Thiemo hat selbst schon einmal das Investieren fast aufgegeben, als er komplett danebenlag und seine ganzen Gewinne wieder verspielte.

Mit Verlusten müsse man immer rechnen, sagt auch die 18-jährige Viktoria. Vor allem bei Trades mit hohen Summen müsse man aufpassen. Auch Experte Jilch warnt vor Übermut beim Investieren. Um Spaß und Nervenkitzel gehe es beim Traden nicht. Sondern: „Investieren soll langweilig sein. Das sollte nicht viel spannender als das Sparbuch sein.“