Schranken bei der Zufahrt zum MAN-Werk aufgenommen
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Urabstimmung

MAN-Mitarbeiter gegen Wolf-Übernahme

Die Belegschaft des MAN-Werks in Steyr in Oberösterreich hat in einer Urabstimmung mehrheitlich gegen den Übertritt in die WSA Beteiligungs GmbH von Siegfried Wolf gestimmt. Das bestätigte der Betriebsrat am Donnerstag. Mehr als 60 Prozent stimmten gegen das Übernahmeangebot. Nun stehen aber Schließungspläne wieder im Raum.

Investor Wolf hatte sich „ungeteilte Zustimmung“ gewünscht, aber zumindest zwei Drittel angepeilt. Die Auszählung hatte um 7.00 Uhr begonnen, ein Ergebnis wurde am Vormittag erwartet. Mehr als 2.356 Beschäftigte waren stimmberechtigt, Leasingarbeiter und -arbeiterinnen ebenso wie das Stammpersonal. Die Wahlbeteiligung lag bei 94 Prozent.

Wegen des Übernahmeangebots, das andere Rahmenbedingungen für das Werk in Steyr vorgesehen hatte, wurden die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von ihrer Vertretung zur Urabstimmung gebeten. Insgesamt gab es 2.188 gültige Stimmen, davon sprachen sich 63,9 Prozent gegen den Übertritt in die WSA Beteiligungs GmbH von Ex-Magna-Chef Wolf aus, 34,9 Prozent dafür, 1,2 Prozent stimmten ungültig – mehr dazu in ooe.ORF.at. Bei den Leasingkräften soll die Ablehnung mit 71,4 Prozent höher gewesen sein als bei der Stammbelegschaft.

Grafik zur MAN-Übernahme
Grafik: APA/ORF.at; Quelle: Betriebsrat

Zentrale betonte erneut Alternative zur Schließung

Die MAN-Zentrale in München teilte nach dem Ergebnis mit, dass man nun die Schließungspläne bis 2023 weiterverfolgen werde. „MAN nimmt jetzt als Konsequenz die Pläne zur Schließung des Werks in Steyr wieder auf.“ MAN-Personalvorstand und -Arbeitsdirektor Martin Rabe sagte: „Wir sind vom Ergebnis wirklich sehr enttäuscht, da wir die angebotene Alternative zur Schließung als einen für alle Beteiligten sehr guten Weg angesehen haben.“

Offenbar habe es innerhalb der Belegschaft noch zu wenig Transparenz über „das wirklich gute Konzept der WSA Beteiligungs GmbH“ geben, bedauerte Rabe. Die Belegschaft habe das Konzept klar abgelehnt, sagte der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Helmut Emler. Das Konzept von Wolf sei zwar „schlüssig, die Einschnitte wären aber zu gravierend gewesen“. Das sah offenbar auch die Belegschaft so. Der Betriebsrat meinte, dass in den vergangenen Wochen viele Fragen offen geblieben seien, die auch Wolf nicht habe beantworten können.

Dass MAN das Werk nun schließen will, ist für die Belegschaftsvertretung noch nicht gegessen: „Als Betriebsrat werden wir morgen beginnen, mit MAN das Gespräch zu suchen“, so Emler. Die Schließung sei erst für 2023 vorgesehen, die Kunststofflackiererei, wo rund 400 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beschäftigt sind, hätte sogar bis 2027 weiter für MAN arbeiten sollen. Ziel sei eine Lösung wie in Deutschland, wo die ursprünglichen Sparpläne entschärft wurden.

Wolf bedauert Ergebnis

Investor Wolf bedauerte das Ergebnis der Urabstimmung. „Mein Team und ich haben unglaublich viel Herzblut in dieses Projekt investiert, weil ich überzeugt davon bin, dass mit diesem Potenzial an Know-how in der Fahrzeugproduktion an diesem Standort unter der Marke Steyr etwas Neues, Großes entstehen hätte können.“ Leider sei es ihm nicht gelungen, genügend Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu leisten, um Missinterpretationen und Fehlinformationen entkräften zu können.

Der Investor Siegfried Wolf
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Investor Siegfried Wolf wollte das Werk unter anderen Rahmenbedingungen übernehmen

„Dabei kann ich den Zorn vieler nur zu gut verstehen. Aber auch ich konnte das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, sondern nur ein solides, durchdachtes Konzept für die Zukunft entwickeln“, heißt es in der Erklärung. Wolf hatte stets betont, eine Zukunft „mit den Mitarbeitern“ anzupeilen. „Wir haben an neuen Produkten getüftelt und detaillierte wirtschaftliche Überlegungen entwickelt, unter welchen Bedingungen wir neue konkurrenzfähige Fahrzeuge auf den Weltmarkt bringen können. Wir müssen nun dieses Votum zur Kenntnis nehmen.“ Ob das einen endgültigen Rückzug bedeutet, blieb offen.

Standortgarantie aufgekündigt

Im Vorjahr war bekanntgeworden, dass MAN im Zuge eines riesigen Spar- und Umstrukturierungsprogramms Tausende Stellen einsparen will. Anfangs war von bis zu 9.500 der weltweit 36.000 Arbeitsplätze die Rede, mittlerweile sollen nur noch 3.500 in Deutschland gestrichen werden. Das Werk in Steyr stand allerdings recht bald „zur Disposition“.

Stimmzettel vor dem MAN-Werk
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Die Urabstimmung fand am Mittwoch statt, die Auszählung am Donnerstag

Hektische Verhandlungen der Belegschaftsvertretung folgten, allerdings ohne Erfolg. Die Konzernmutter beharrte weiter auf der Schließung bis 2023 oder einem Verkauf. Ende September kündigte MAN die bestehende Standortgarantie, die den Bestand des Unternehmens in Steyr bis zumindest 2030 hätte sichern sollen.

Kürzung und Bleibeprämie

Schließlich trat Ex-Magna-Chef Wolf mit seiner WSA als Interessent auf den Plan. Er wollte von der aktuell knapp 1.900 Personen zählenden Stammbelegschaft rund 1.250 Leute übernehmen, denen allerdings eine bis zu 15-prozentige Kürzung des Nettoeinkommens drohte. Im Gegenzug sollten sie eine Bleibeprämie von 10.000 Euro erhalten, wer den Sozialplan wählte, weitere 1.500 Euro und Abfertigungen. Außerdem hatte Wolf eine Gewinnausschüttung für die Belegschaft in Aussicht gestellt.

Wenn es gutgegangen wäre und das Werk Personal gebraucht hätte, hatte Wolf zudem in Aussicht gestellt, Leute aus dem Sozialplan zurückzuholen. Der Ex-Magna-Chef plante, die Marke Steyr wiederzubeleben. Produziert werden sollten u. a. leichte Kastenwagen mit Dieselmotoren und Elektroantrieb sowie Pritschenwagen, Kastenwagen und mittlere Lkws zwischen sechs und zwölf Tonnen, von denen 10.000 Fahrerkabinen pro Jahr für das Automotive-Unternehmen GAZ nach Russland gegangen wären. Weiters sollten ein City-Bus mit Elektroantrieb und ein Bus für den Regionalverkehr gebaut werden.

Die Belegschaftsvertretung stand Wolfs Plänen abwartend bis skeptisch gegenüber. Unter anderem argumentiert man mit der Angst vor Sanktionen angesichts Wolfs Russland-Verbindungen. Man behielt sich auch eine Klage wegen der gekündigten Standortsicherung vor. Zudem liebäugelte der Betriebsrat offenbar mit einem alternativen Konzept, dem „Green Mobility Center“ eines Konsortiums um den Linzer Unternehmer Karl Egger (KeKelit). Diese hatte die MAN-Zentrale allerdings als zu wenig konkret erachtet und deshalb nicht ins Auge gefasst.