AstraZeneca-Ampullen
AP/Manu Fernandez
AstraZeneca

PR-Desaster statt Erfolgsgeschichte

Eigentlich hätte es eine Erfolgsstory werden sollen: ein rasch entwickelter Impfstoff gegen das Coronavirus, entwickelt von der renommierten Universität Oxford, der leicht transportiert und verimpft werden kann. Und das zu einem Preis, bei dem nicht nur die reichen westlichen Ländern die Pandemie in die Schranken weisen können. Doch die Geschichte von AstraZeneca wurde – auch ganz abgesehen von den Problemen mit dem Impfstoff an sich – zu einem großteils selbst verschuldeten PR-Desaster.

Die Wissenschaftler von der Universität Oxford waren unter den ersten, die noch im Frühjahr 2020 verkündet hatten, einem Impfstoff gegen das Coronavirus auf der Spur zu sein. Als Industriepartner wollte man einen britischen Konzern an Bord holen, GlaxoSmithKline winkte ab. Damit blieb AstraZeneca, der bisher erfolgreich bei Medikamenten, aber noch eher unerfahren bei der Impfstoffentwicklung war. John Bell, federführender Immunologe in Oxford, vereinbarte mit der Firma auch, dass zumindest im ersten Jahr nicht die Gewinne im Vordergrund stehen dürften und der Impfstoff auch ärmeren Ländern zur Verfügung gestellt werden müsse.

Erste klinische Studien, noch organisiert von den Oxford-Wissenschaftlern, verliefen vielversprechend. Schon im Juni standen viele Länder Schlange, um sich Kontingente des Impfstoffs vorab zu sichern. Andere Pharmafirmen hatten zwar auch schon erste Testergebnisse, doch gerade gegenüber Biontech und Pfizer sowie Moderna herrschte eine gewisse Skepsis, ob es gelingen würde, die neuartigen mRNA-Impfstoffe so schnell zu entwickeln.

Fehler schon bei Studien

Im Sommer startete AstraZeneca die entscheidenden Phase-III-Studien in Großbritannien, Südafrika und Brasilien. Und hier begannen die ersten Fehler. Durch Abfüllungsfehler wurde einem Teil der Probanden bei der Erstimpfung nur die halbe Dosis verabreicht. Es ist zwar laut Experten nicht ungewöhntlich, in solchen Studien Dosierungen noch zu ändern, das müsste aber transparent kommuniziert werden. Dass das nicht der Fall war, sollte sich später rächen. Für Verwunderung sorgte auch, dass einem Teil der Kontrollgruppe nicht wie eher üblich ein reines Placebo verabreicht wurde, sondern ein Meningokokken-Impfstoff.

Stutzig wurde in dieser Phase bereits die US-Gesundheitsbehörde NIH, die gerade die Abwicklung einer Phase-III-Studie in den USA prüfte und Daten von älteren Probanden vermisste. Auch dieses Problem sollte sich später rächen. Die US-Studie begann schließlich erst Ende August – und wurde nach kurzer Zeit auch wieder auf Eis gelegt.

Kommunikation als Schwachpunkt

Denn es wurde bekannt, dass in Großbritannien eine Studienteilnehmerin erkrankt war. Die Studie wurde daraufhin unterbrochen. Auch das ist ein üblicher Vorgang – bekommt allerdings weit mehr Gewicht, wenn die Weltöffentlichkeit die Impfstoffentwicklung mit Argusaugen verfolgt. AstraZeneca hüllte sich offiziell in Schweigen, doch Firmenboss Pascal Soriot persönlich verriet ein paar Journalisten einige Details – und sorgte damit für noch mehr Aufregung, bevor eine Prüfung des Falls abgeschlossen war.

AstraZeneca-Chef Pascal Soriot
APA/AFP/Getty Images/Win Mcnamee
Firmenchef Pascal Soriot in Nöten

In Großbritannien, Südafrika und Brasilien wurde die Studie nach einigen Tagen wieder fortgesetzt. Doch in den USA dauerte die Pause sechs Wochen – laut Bloomberg vor allem, weil sich AstraZeneca mit der Übermittlung der von den Behörden geforderten Daten und Unterlagen so lange Zeit ließ.

Erklärungsnot bei Zwischenbericht

Im November präsentierten schließlich Biontech und Pfizer sowie Moderna ihre Studien – mit Wirksamkeiten über 90 Prozent. Wenige Tage später musste AstraZeneca nachziehen – und sorgte bei dem Zwischenbericht für viel Verwirrung. Die Wirksamkeit von rund 90 Prozent wurde erzielt, wenn der Impfstoff von AstraZeneca als halbe Dosis gefolgt von einer vollen Dosis im Abstand von mindestens einem Monat verabreicht wurde.

Eine Wirksamkeit von 62 Prozent wurde mit zwei vollen Dosen erreicht. Und als durchschnittliche Wirksamkeit wurde dann 70 Prozent angegeben. Nicht nur, dass eine geringere Dosierung offenbar eine bessere Wirkung erzielt, sorgte für Erstaunen. Die Wissenschaftler der Universität Oxford erklärten, die zwei unterschiedlichen Dosierungen seien quasi ein absichtliches Studiendesign gewesen, von AstraZeneca wiederum hieß es, das Ganze sei eher versehentlich passiert.

Musterbeispiel für Versagen bei der Krisenkommunikation

Zweifel wuchsen zudem, weil die Gruppe mit der geringeren Dosierung deutlich kleiner und anders zusammengesetzt, nämlich jünger und eher ohne Vorerkrankungen, war. Einige Detaildaten blieben ebenfalls unklar. Und: Moderna und Pfizer hatten mit 30.000 bzw. 40.000 Probanden eine deutliche bessere Datenbasis als die 12.000 Personen, auf der die Wirksamkeitsstudie von AstraZeneca basierte. Dass das Unternehmen wenige Tage später verkündete, man werde noch Daten nachreichen, sorgte nur bedingt für einen Vertrauensgewinn. Schon jetzt gilt das Vorgehen als Musterbeispiel für Versagen bei der Krisenkommunikation.

Am 30. Dezember gab Großbritannien den Impfstoff die Zulassung, am selben Tag wurde bekannt, dass die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) von dem Unternehmen zusätzliche Daten einforderte. Ende Jänner nahm dann das PR-Desaster ganz neue Formen an. AstraZeneca verlautete, die Lieferungen an die EU würden geringer ausfallen als erwartet, Produktionsprobleme seien der Grund.

Falschmeldung als nächster Stolperstein

Spekulationen standen im Raum, wenn auch zunächst kaum ausgesprochen, AstraZeneca wolle den Impfstoff einfach an andere Länder liefern, mit denen es bei der Zulassung weniger Probleme gab. Denn schon vor der EMA-Entscheidung machten Berichte die Runde, die Daten bei den älteren Probanden seien problematisch. Zwei deutsche Medien verkündeten dann, der Impfstoff habe nur eine Wirksamkeit von acht Prozent bei alten Menschen – ein glatte Falschmeldung: Es wurde bekannt, dass rund acht Prozent der Probanden der AstraZeneca-Wirksamkeitsstudie zwischen 56 und 69 Jahre alt gewesen seien, nur drei bis vier Prozent über 70 Jahre. Und diese Zahlen wurden mit der Wirksamkeit verwechselt. Da – angeblich aus ethischen Gründen – so wenige ältere Personen in die Studie genommen worden waren, galt die Datenbasis in der Altersgruppe als wackelig. Die EMA ließ den Impfstoff schließlich am 29. Jänner für alle Altersgruppen zu.

Zwischen den Fronten der internationalen Politik

Nicht so Deutschland, das sogar vorgeprescht war und am Tag davor die Impfung nur für unter 65-Jährige empfohlen hatte. Viele europäische Länder folgten dem Beispiel. Seitdem hält sich hartnäckig das Gerücht, die Entscheidung sei nicht ganz zufällig, Deutschland wolle die eigenen Impfstoffe bevorzugt behandeln. In der britischen Presse wiederum war zu lesen, dass die EU AstraZeneca im Zuge der unrühmlichen Brexit-Debatten quasi bestrafe. In der EU stritt man indes um Exportverbote für in Europa produzierten Impfstoff.

Der Impfstoff war mittlerweile also nicht nur aus medizinischer Sicht angeschlagen, sondern geriet auch zwischen die Fronten der internationalen Politik. Den Vertrauensverlust dokumentiert auch die Meldung vom „Fund“ von 29 Millionen Dosen in einem italienischen Abfüllwerk Ende März. Vermutet wurde, dass die Firma den Impfstoff verstecke und exportieren wolle. AstraZeneca dementierte: 16 Millionen der gefundenen Dosen seien für die EU bestimmt gewesen, die restlichen 13 Millionen für die internationale Impfinitiative Covax.

Fabrik Halix im niederländischen Leiden
Reuters/Piroschka Van De Wouw
Die Firma Halix im niederländischen Leiden darf seit Ende März den Impfstoff auch ausliefern

Auch das Gerangel um eine Produktionsstätte in den Niederlanden dokumentiert die Probleme: Die Firma Halix produzierte zwar schon, erhielt aber nach einem zu spät eingereichten Antrag erst Ende März die EMA-Zulassung für die Auslieferung.

Fauxpas bei US-Zwischenbericht

Eine ähnliches Desaster wie in Europa wiederholte sich dann beim Prozedere zur Zulassung in den USA: Nachdem der Pharmakonzern äußert positive Wirksamkeitsdaten aus seiner großen US-Studie veröffentlicht hatte, erklärte das vom US-Seuchenexperten Anthony Fauci geführte Nationale Institut für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID), die Zusammenfassung der Wirksamkeitsangaben sei womöglich nicht vollständig.

„Das ist wahrscheinlich ein sehr guter Impfstoff“, sagte Fauci. Das Kontrollgremium sei aber besorgt, dass die Daten „etwas veraltet und tatsächlich etwas irreführend sein könnten“. Wiederum muss AstraZeneca Daten nachreichen. Wann die US-Zulassung erfolgt, ist offen. Zuletzt sagte Fauci allerdings, wahrscheinlich seien die USA auf AstraZeneca gar nicht angewiesen.

Abwärtsspirale beim Image

Mittlerweile wird spekuliert, warum dem Unternehmen so viele Fehler passieren und das Vertrauen in den Impfstoff, der wohl wichtigste Wert in der derzeitigen Situation, derart unterminiert wurde. Mangelnde Routine bei den Zulassungsverfahren im Gegensatz zu den anderen Pharmariesen wird etwa genannt. Und auch die vielleicht schlechte Kommunikation zwischen den Wissenschaftlern in Oxford und dem Pharmaunternehmen. Auch dass Firmenchef Soriot das Krisenmanagement lange Zeit von Australien, also aus weiter Ferne, erledigen musste, dürfte nicht zur besseren Kommunikation beigetragen haben.

Und schließlich gelang es nicht, der Abwärtsspirale beim Image etwas entgegenzusetzen. Bei anderen Herstellern wurden genauso Testreihen wegen Erkrankungen kurz unterbrochen, bei Pfizer und Johnson & Johnson traten ebenfalls Thrombosen, wenn auch nicht im Gehirn, auf. Dort schaffte man es aber, die Fälle rasch – und ohne großen Aufschrei der Öffentlichkeit – aufzuarbeiten. Und bei anderen Impfstoffen kommt es ebenso regelmäßig, wenn auch nicht ganz so häufig, zu Lieferverzögerungen. Doch auch hier schafft es AstraZeneca, mit kurzfristig kommunizierten Ausfällen für weit mehr Verärgerung zu sorgen.

Wenig Kommunikation zu Thrombosen

Auch beim schwersten Rückschlag, dem vermuteten Zusammenhang zwischen der Impfung und selten auftretenden Gehirnvenenthrombosen, scheint die Kommunikation nicht zu funktionieren. Viele Länder setzten die Impfung mit AstraZeneca aus – und begannen anschließend, nur mehr ältere Menschen damit zu impfen, also genau jene Gruppe, bei der das Vakzin nur wenige Monate davor eben nicht verimpft wurde. Dass das für Zweifel sorgt, scheint verständlich. Vor allem in Deutschland, aber auch in Österreich nahmen einige Menschen ihren Impftermin mit AstraZeneca nicht wahr.

Während von Behörden, Politikern und Experten permanent Kommentare zu hören sind, tauchen Stellungnahmen des Herstellers praktisch nicht auf. Mitten in der Debatte hieß es dann vom Pharmaunternehmen, der Impfstoff solle einen neuen Namen erhalten. Umgehend wurde AstraZeneca ein Ablenkungsmanöver nachgesagt. Selbst wenn der Schritt, wie erklärt wurde, schon lange geplant war, hätte man zu diesem Zeitpunkt wohl besser darauf verzichtet.

Krankenschwester bereitet eine Impfung mit AstraZeneca vor
Reuters/Marko Djurica
Impfstoff nicht mehr von allen heiß begehrt

In Großbritannien gefeiert

Gefeiert wird der Impfstoff hingegen von der britischen Politik, die mit dem frühen Impfstart und der raschen Organisation die Pandemie derzeit recht erfolgreich bekämpft. Während die Regierung sogar schon überlegte, die britische Flagge auf die Ampullen zu drucken, schreibt sich das Unternehmen selbst den Erfolg kaum auf die Fahne. Auch dass man den Impfstoff quasi zum Selbstkostenpreis vertreibt und keine Milliardengewinne wie Moderna und Pfitzer einfahren wird, kommuniziert man bestenfalls als Randnotiz.

Und das nächste Ungemach steht, abgesehen von neuerlichen Lieferengpässen, auch schon fest: Am Freitag gab die EMA bekannt, man untersuche nach fünf Fällen eine mögliche Verbindung des AstraZeneca-Vakzins mit dem Clarkson-Syndrom, einer sehr seltenen Gefäßerkrankung.