Protestvideos von Schauspielerinnen und Schauspielern auf YouTube
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CoV-Proteste spalten Schauspielwelt

Seit Donnerstagabend sorgen die Videostatements von rund 50 prominenten Schauspielerinnen und Schauspielern unter dem Motto „#allesdichtmachen“ für Aufsehen. Inzwischen hagelt es für die Aktion auf Instagram heftige Kritik von Kolleginnen und Kollegen. Man spiele CoV-Leugnern in die Hände, sagen die einen. Man müsse auf die schwierige Lage der Branche aufmerksam machen, die anderen.

Es sind zahlreiche Größen der deutschsprachigen Schauspielszene, die sich am Donnerstag via Twitter und YouTube mit überspitzt-ironischen Statements gegen die Coronavirus-Politik in Deutschland und Österreich zu Wort gemeldet haben. Neben Jan Josef Liefers und Meret Becker sind auch heimische Vertreter wie Manuel Rubey, Nicholas Ofczarek und Nina Proll dabei. Für die koordinierte Aktion gab es Zuspruch, aber auch viel Kritik.

„Gerade bei so einem privaten Thema wie meiner Gesundheit, da möchte ich mich eigentlich nicht auf mich selbst verlassen. Ich bin froh, dass der Staat meine Gesundheit zu einer öffentlichen Angelegenheit gemacht hat“, erklärt Kabarettist Roland Düringer in einem von ursprünglich 53 Kurzvideos, die auf YouTube hochgeladen wurden. Inzwischen sind nur noch 47 Videos auf dem Kanal „allesdichtmachen“, nachdem mehrere Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Aktion ihre Videos zurückzogen.

Alle Bereiche schließen?

Proll hält wiederum fest: „Früher dachte ich, ich könnte frei und selbstbestimmt Karriere machen. Doch das war naiv! Die Pandemie hat mir gezeigt, wo mein Platz ist. Sie hat mir gezeigt, dass Distanz auch Nähe sein kann.“ Letztlich schließt die Mimin mit: „Das Leben kann tödlich sein. Bleiben Sie für immer zu Hause und unterstützen Sie die Corona-Maßnahmen.“

Untermauert werden die Statements von den Hashtags „#allesdichtmachen“, „#niewiederaufmachen“ und „#lockdownfürimmer“. Die Stoßrichtung ist dabei stets dieselbe: Wenn schon bestimmte Lebensbereiche aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus geschlossen werden, könne man das doch gleich auf alles erweitern – „auch alle Lebensmittelläden, Wochenmärkte und vor allem auch all die Supermärkte“, wie es beispielsweise Ulrich Tukur in seinem Video fordert.

Kritik an „Zynismus“

Vielfach gab es für die Statements Kritik, würden sich die Prominenten mit ihren Wortmeldungen doch ins Lager von Rechten und Querdenkern stellen. Der österreichische Schauspieler Elyas M’Barek schrieb etwa: „Mit Zynismus ist doch keinem geholfen.“ Jeder wolle zur Normalität zurückkehren, und das werde auch passieren.

Satiriker Jan Böhmermann hielt der Aktion auf Twitter entgegen, das einzige Video, das man sich ansehen solle, „wenn man Probleme mit Corona-Eindämmungsmaßnahmen hat“, sei die ARD-Doku aus der Berliner Charite mit dem Titel „Station 43 – Sterben“. Dazu stellte er den Hashtag „#allenichtganzdicht“, der sich auf Twitter mittlerweile immer weiter verbreitet.

Distanzierungen von Querdenkerszene

Wie ernst die Aktion gemeint ist, lässt sich wohl noch nicht klar beurteilen. Liefers distanzierte sich noch in der Nacht von jeglicher Nähe zu Verschwörungstheoretikern und Querdenkern. „Eine da hinein orakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern u. ä. weise ich glasklar zurück“, schrieb der 56-Jährige auf Twitter. „Es gibt im aktuellen Spektrum des Bundestages auch keine Partei, der ich ferner stehe, als der AfD. Weil wir gerade dabei sind, das gilt auch für Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker, Corona-Ignoranten und Aluhüte. Punkt.“

Selbiges tat Heike Makatsch, die betonte, sie wolle das Leid der CoV-Kranken nicht schmälern. „Ich habe durch Kunst und Satire den Weg gewählt, die Veränderung unserer Gesellschaft aufzuzeigen und Raum zu schaffen für einen kritischen Diskurs.“ Auch Kostja Ullmann relativierte seinen Beitrag auf Twitter: „Mein Statement war humorvoll gemeint, aber ich teile in keinem Fall den Zynismus und will nicht den Beifall von Querdenkern, Anhängern der AfD, Reichsbürgern und andern Corona-Leugnern.“ Mavie Hörbiger versuchte indes auf Twitter zu kalmieren, man solle „nicht wegen ein paar (sehr) dummer Videos eine ganze Branche verteufeln“.

Den eigenen Shitstorm verschlafen

Einen weiteren Kommentar gab es von Rubey, der Freitagfrüh ein Video auf Twitter mit den Worten begann: „Wenn man seinen eigenen Shitstorm verschlafen hat“. Er sei von einer von ihm geschätzten Person gefragt worden und habe einen Beitrag „zur Bedeutung der Kunst“ gemacht, zu dem er nach wie vor stehe. „Der leugnet nichts und gar nichts.“ Die anderen Beiträge kenne er nicht.

„Ich weiß auch nicht, ob irgendwer irgendwelche Absichten hat – ich glaube eigentlich nicht, sondern nur die Debatte anzuregen.“ Er wolle jedenfalls „nicht mal einen Millimeter in die Nähe von irgendwelchen Covid-Leugnern und -Leugnerinnen kommen“. Die Krankheit sei „höchst gefährlich, aber darum ging es mir keine Sekunde“. Er werde sich jetzt aus der Debatte herausnehmen.

Dialogbereitschaft und Kritik von deutscher Politik

Die deutsche Bundesregierung hielt sich mit Bewertungen hingegen zunächst zurück. „Die Bundesregierung hat diese Aktion zur Kenntnis genommen, und unsere Haltung ist bekannt: Wir arbeiten daran, dass Deutschland die Pandemie schnell überwinden kann“, hieß es von der zuständigen Regierungssprecherin. Immerhin machte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Initiatoren ein Dialogangebot: „Dass es Kritik und Fragen gibt an den Maßnahmen und den Hintergründen, das finde ich nicht nur normal, das finde ich in einer freiheitlichen Demokratie wünschenswert.“

Dezidiert gegen die Aktion positionierte sich indes Berlins Linke-Kultursenator Klaus Lederer. „Ich kann gut nachvollziehen, dass es nach 13 Monaten Pandemie schwerfällt, Kraft und Zuversicht zu behalten. Wenig Verständnis habe ich aber für Ignoranz gegenüber den massiven Gefahren und den Folgen, die Covid für unsere Gesellschaft bedeutet. Zynismus und Hohn sind unangebracht.“

Der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD), reihte sich hingegen in die Kritikerphalanx ein. Die Aktion zeige, „wie zunehmend fragil die Lage in unserer Gesellschaft ist. Sie zeigt auch, dass wir uns kümmern müssen und die Widersprüche unserer Zeit aussprechen und diskutieren müssen. Aber bitte konstruktiv und nicht bloß sarkastisch.“

Der deutsche Bundesverband Schauspiel (BFFS) enthielt sich einer Positionierung. „Manche unserer Kolleg*innen haben sich an dieser Aktion beteiligt, manch andere verurteilen sie aufs Schärfste“, so der Vorstand: „Wir leben zum Glück in einer Demokratie und müssen um den besten Weg aus dieser weltweiten Pandemie ringen und streiten.“

Zuspruch von Ex-Verfassungsschützer

Wer die Aktion initiiert hat, ist vorerst unklar. Auf Twitter posten die Schauspielerinnen und Schauspieler über ihre persönlichen Accounts, der betreffende YouTube-Kanal von „#allesdichtmachen“ hat außer den Videos (und bereits mehr als 35.000 Abonnenten) keine weiteren Infos.

Eingerichtet wurde die Seite am 16. April, bisher gab es für die Beiträge insgesamt 1,63 Mio. Aufrufe (Stand: Freitagvormittag). Die Seite Allesdichtmachen.de ist inzwischen nicht mehr erreichbar. Die beiden Hashtags „#allesdichtmachen“ und „#allenichtganzdicht“, unter dem Kritiker die Aktion kommentieren, führten Freitagmittag die österreichischen Twitter-Charts an.

Zuspruch erhielten die Proponenten etwa vom früheren Präsidenten des deutschen Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, der die Aktion auf Twitter „großartig“ nannte. Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit sprach von einem „Meisterwerk“, das „uns sehr nachdenklich machen“ sollte. Die AfD-Bundestagsabgeordnete Joana Cotar twitterte: „Das ist intelligenter Protest.“ Sie feiere Jan Josef Liefers.

Angespannte Lage für Branche

Viele Bereiche der Kunst- und Kulturszene waren die längste Zeit in der Pandemie geschlossen. In Österreich sind aktuell nur die Museen zugänglich, mit der Ausnahme von Wien und Niederösterreich, wo noch ein harter Lockdown herrscht. Für Schauspieler sind allen voran die Schließungen der Theater sehr problematisch. Dreharbeiten für Kino und Fernsehen sind unter strengen Sicherheitsvorkehrungen möglich. Am Freitag kündigte die Bundesregierung breite Öffnungsschritte ab 19. Mai an.