Ultraorthodoxe Juden hinter einem Absperrunband am Unglücksort in Meron
AP/Sebastian Scheiner
45 Tote bei religiösem Fest

Schock und Trauer nach Massenpanik

Bei einer der schwersten zivilen Katastrophen in der Geschichte Israels sind mindestens 45 Menschen ums Leben gekommen. Nach der Massenpanik bei dem religiösen Freudenfest Lag Baomer befindet sich das Land in Schock und Trauer. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte einen Trauertag für Sonntag und eine umfassende Untersuchung der Tragödie an.

Mindestens 150 Menschen wurden bei der Massenpanik verletzt, Dutzende von ihnen mussten ins Spital gebracht werden, mehrere schweben in Lebensgefahr. Rund 100.000 ultraorthodoxe Juden hatten auf dem Berg Meron nordwestlich des Sees Genezareth das Lag-Baomer-Fest gefeiert. Behörden hatten die Teilnahme begrenzt, die Feiern aber trotz der weiter grassierenden Pandemie nicht verboten.

Nach ersten Erkenntnissen begann die Massenpanik, als Menschen auf einer abschüssigen Rampe mit Metallboden und Wellblechtrennwänden auf beiden Seiten ins Rutschen kamen. Die dicht gedrängten Feiernden fielen dann übereinander.

Leere Tribüne am Unglücksort
APA/AFP/Jack Guez
Der Ort des Unglücks bei Tageslicht

„Nationale Katastrophe“

Der Sprecher des israelischen Rettungsdienstes Zaka, Motti Bokschin, nannte die Massenpanik eine „nationale Katastrophe“. „44 Menschen, die Freude erleben wollten und die in Leichensäcken zurückkommen“, sagte er: „44 Familien, für die eine Welt zusammenbricht. Wir können jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“, so Bokschin zur israelischen Nachrichtenwebsite Ynet.

Angehörige suchten laut Medienberichten auch am Freitag weiter nach Vermissten. Es wurden Hotlines eingerichtet. Die Identifizierung der Toten läuft auf Hochtouren. Das Büro von Präsident Reuven Rivlin rief derweil dazu auf, sich bei der Suche nach Vermissten auch an das Präsidialamt zu wenden. „In Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden werden wir jede Anstrengung unternehmen, um sie zu finden.“ Netanjahu bat die Bevölkerung, in Sozialen Netzwerken keine Namen zu veröffentlichen, um nicht Familien zu traumatisieren.

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu am Unglücksort
AP/Ronen Zvulun
Netanjahu am Freitag am Unglücksort

Bestürzung bei Politik

Die Spitzen der Politik von Staatspräsident Rivlin abwärts zeigten sich tief bestürzt, kondolierten den Angehörigen der Todesopfer und wünschten den Verletzten rasche Erholung. „Mit Entsetzen“ verfolge er die Nachrichten und Ereignisse in Meron, so Rivlin. Netanjahu sagte, „unser aller Herz ist bei den Angehörigen der Toten und bei den Verletzten“.

EU-Ratschef Michel kondoliert

EU-Ratschef Charles Michel drückte sein Mitgefühl aus. Seine Gedanken seien bei den Menschen in Israel, schrieb der Belgier am Freitag auf Twitter. „Wir wünschen euch Kraft und Mut, diese schwierigen Zeiten zu überstehen.“ Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) kondolierten. Auch aus zahlreichen anderen Ländern kamen Beileidsbekundungen.

In den israelischen Medien gab es zahlreiche Augenzeugenberichte. Meir Levin etwa schilderte, er habe schon von Weitem ein riesiges Gedränge gesehen, „und wir haben gespürt, dass ein Unglück passieren wird. Als wir zu den Stufen kamen, gab es einen gewaltigen Druck von Menschen, und wir fielen einer über den anderen. Wir sind lange dort gelegen, Polizisten sind danebengestanden und haben nichts unternommen, bis einer eine Abtrennung aus Aluminium zertrümmerte. Wir haben nicht geglaubt, dass wir lebend von dort rauskommen.“

Weit mehr als erlaubte 10.000

Behördlich war die Teilnehmerzahl auf 10.000 beschränkt worden. Es war aber seit Wochen klar, dass um ein Vielfaches mehr Menschen zum Grab von Rabbi Schimon bar Jochai pilgern werden. Entsprechend war vor allem von Epidemiologen und Virologinnen ein Verbot gefordert worden. Die Regierung entschloss sich aber gegen ein Verbot – das dürfte nach der Tragödie nun auch zu politischen Debatten führen.

Heuer war der Andrang besonders groß, weil der Feiertag nach dem jüdischen Mondkalender kurz vor den Sabbat fiel, vor dessen Beginn Freitagabend das Gros der Feiernden zu Hause sein wollte. Laut dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Kan kamen allerdings weniger Menschen als von der Polizei befürchtet. Augenzeugen berichteten von gefährlichem Gedränge.

Gläubige feiern Lag B’Omer
Reuters
Um die Menschenmengen zu fassen, wurden am Wallfahrtsort Tribünen errichtet

Vorwürfe gegen Polizei

Augenzeugen warfen der Polizei vor, sie habe Leute in das abgesperrte Areal gelassen, obwohl es schon extrem voll gewesen sei. Nach Beginn der Panik habe die Polizei dann nicht schnell genug Ausgänge auf der anderen Seite geöffnet, so die Kritik. Insgesamt waren rund 5.000 Sicherheitskräfte im Einsatz.

Der frühere Polizeichef von Nordisrael, Sohar Dvir, betonte gegenüber dem TV-Sender Kan auf die Frage, ob das nicht ein Versagen der Polizei sei, dass die Feierlichkeiten von Jahr zu Jahr größer geworden seien. Das Gelände biete nicht genügend Platz, um es für den Ernstfall einer Massenpanik entsprechend vorzubereiten. Schon zu seiner Zeit habe man befürchtet, dass so ein Vorfall in einer Tragödie enden würde.

Erinnerung an Aufstand gegen Römer

Lag Baomer ist ein Freudenfest, bei dem – mit großen Lagerfeuern – unter anderem an den jüdischen Aufstand gegen die römischen Besatzer unter Rebellenführer Bar Kochba erinnert wird. Der Aufstand war im Jahre 132 ausgebrochen und rund drei Jahre später niedergeschlagen worden. Der Überlieferung nach endete am Tag von Lag Baomer eine Epidemie, an der damals zahlreiche jüdische Religionsschüler starben.

Zahlreiche Tote bei Massenpanik in Israel

Bei einer Massenpanik im Norden Israels sind mindestens 44 Menschen ums Leben gekommen, mindestens 150 sind teils schwer verletzt. Zu dem Gedränge kam es bei den Feierlichkeiten zum jüdischen Feiertag Lag Baomer, an denen Zehntausende Gläubige teilnahmen.

Rabbi Schimon bar Jochai, der auch an dem Aufstand gegen die Römer beteiligt war, liegt auf dem Meron-Berg begraben. Sein Grab ist ein Wallfahrtsort, den an dem Feiertag jedes Jahr Tausende besuchen. Im vergangenen Jahr waren die Feiern wegen der Pandemie stark eingeschränkt worden, doch inzwischen sind die Infektionszahlen deutlich gesunken und die Regeln wieder gelockert.