Bühnenbild aus dem Faust mit Metro Stalingrad
Martin Andersson, Tobias Dusche, Daniel Keller
Castorfs „Faust“

Mephisto wartet in Stalingrad

„Als teuflisch gut“ feiert die Presse den erstmaligen Auftritt von Regiewüter Frank Castorf an der Wiener Staatsoper mit Charles Gounods „Faust“, der nun auch im ORF zu erleben ist. Castorf macht die klassische Oper zum Drehbühnen- und Videoübertragungsspektakel und stellt nicht nur die Triebhaftigkeit des alternden Faust und sein Spiel um Margarete aus. Bei ihm dreht sich die ganze Sozialmaschine in einen Opernklassiker hinein. Da taucht die Fremdenlegion frisch aus dem Algerien-Krieg auf – und an der Metrostation Stalingrad wartet der Teufel. Mit Adam Palka als Mephistopheles gibt es eine neue Sängerentdeckung für Wien.

Ist der Teufel nun wie bei Johann Wolfgang von Goethe ein hinterlistiger Gesell? Oder doch ein Zauberer, der sich gar nicht mit seinen bösen Absichten verstellen muss? Bei Gounods Opernklassiker und mehr noch bei Castorf ist die Lage klar: Verstellung braucht es nicht mehr. Faust ist alt. Und für die wieder geschenkte Jugend, vor allem die verfügbaren Triebkräfte, ist der dreckigste Pakt gut genug. Mit dieser Vorentscheidung geht es bei Castorf und im Bühnendekor von Aleksandar Denic durch das Paris des späten 19. Jahrhunderts, also genau jener Stadt, die von Karl Marx über Charles Baudelaire, Arthur Rimbaud bis hin zu Walter Benjamin kulturhistorisch wie ästhetisch komplett ausgeleuchtet wurde. Castorf hat dieses Set-up bereits in Stuttgart ausprobiert, hier in Wien überarbeitet und den, wie er sagt, Gounod’schen „Pudding“ neu geformt.

Der ganze „Faust“

Ö1 sendet am 1. Mai ab 19.30 Uhr die Aufzeichnung, ORF III am 9. Mai ab 20.15 Uhr. Zu sehen ist der Stream am 9. Mai parallel auch in tvthek.ORF.at und ORF.at.

Ab 19. Mai steht der „Faust“ auf dem Spielplan der Oper.

Paris ist die Stadt des Scheins. Das 19. Jahrhundert, es verweist bei Castorf und Denic zugleich tief ins 20. Jahrhundert hinein – da ist genau auf der Rückseite des Cafes schon der Bahnsteig der Metrostation Stalingrad, auf der es sich der Teufel gemütlich gemacht hat. Verbrannte Erde, das ist sein Revier. Und der Verlauf der Geschichte wird mehr von diesem diabolischen Humus bereitstellen. Da ist man oben an den Boulevards und doch zugleich auch im Bauch von Paris. Die düstere Welt eines Louis-Ferdinand Celine lässt grüßen, dem die Bühnengrenzgänger Castorf/Denic bereits 2013 ein Monument mit der „Reise ans Ende der Nacht“ gesetzt haben. Zusätzlich zieht eine Würgeschlange mit durchs Geschehen der mit eingespielten Videosequenzen. Die Oper als Schlangengrube, wer möchte sich nicht von solchen plumpen Metaphernbildungen angesprochen fühlen, während die oft auch so zarte Musik Gounods aus dem Graben kriecht?

Fotostrecke mit 4 Bildern

Marguerite auf dem Balkon, gefilmt
ORF
Castorf’sche Liveästhetik. Dauernd ist eine Kamera den Darstellern auf den Fersen.
Gesamtbild der multimedialen Bühne
ORF
Die Bühne als Multimediaspektakel. In diesem Fall gibt es mehr als einen Raum, in dem sich Handlung abspielt.
Bild einer Opiumpfeife neben einem verfremdeten Markenschild
ORF
Spiel mit Andeutung und Verballhornungen von Marken
Nicole Car beim Dreh mit Schlange
Martin Andersson, Tobias Dusche, Daniel Keller
Für den Dreh zu den eingespielten Videos musste Nicole Car in eine tatsächliche Schlangengrube

Reise durch Abgründe, musikalische Bestform

Eine Reise ans Ende der Nacht, vor allem durch alle Hinterzimmer, ist es auch an diesem Abend. Unten im Graben werkt Bertrand de Billy in Bestform mit dem Staatsopernorchester. Oben auf der Bühne ist Oper großes Theater, groß und auch lyrisch fein gesungen – und mit einem überragenden Staatsopernchor auch in der Breite mit einem ordentlichen Faktor Gänsehaut aufgezogen.

Die materialistische Lesart dieser Oper sagt ja: Der Mensch ist kein idealistisches Wesen mehr, und in der Hölle der Gegenwart gibt es sowieso kein reines Herz mehr – es gibt, wenn, nur das Entkommen vor der Gosse: vorne das „Cafe Or Noir“, dahinter der soziale Abgrund. Und oben drüber Notre Dame und die großen Palais.

„Faust“ an der Wiener Staatsoper

Auf der Bühne gilt er als „Früchtchen des Zorns“. Regieberserker Frank Castorf inszeniert an der Wiener Staatsoper Charles Gounods „Faust“ als Ode an den Trieb, die Sexualität und das Lotterleben.

Doch die Menschen sind verloren – und der Teufel, er ist der Zeremonienmeister, der einfach seine Freude an dem im Gang gehaltenen Spiel hat. Es ist der Abend für einen Bass, was für die Oper ja durchaus eher ungewöhnlich ist. Aber der Pole Palka, der erstmals auf der Bühne der Wiener Staatsoper zu sehen ist, drückt den zarten, lyrischen Faust, gesungen von Juan Diego Florez, beinahe an die Wand, so sehr prägt er allen Gemeinschaftsszenen den Stempel auf. Nicole Car, mittlerweile so was wie einer der neuen Fixsterne im Jahr eins von Bogdan Roscic, ist in diesem Setting kein unschuldiges Gretchen mehr und stimmlich fast über ihrer Rolle angelegt.

So funktioniert Castorfs „Faust“

Staatsopernchef Bogdan Roscic zeigt das Spiel im Spiel in der Oper von Frank Castorf.

Opiumpfeife und „Shopping-Addiction“

Zwischen Opiumpfeife und „Shopping-Addiction“ will sie auch ihren Spaß – aber in ihr lebt die Fiktion von einem aufrechten Herzen, ganz dem Setting zum Trotz, könnte man sagen. Ihr Bruder Valentin, großartig interpretiert vom Staatsoperndebütanten Etienne Dupuis, und Kate Lindsey als Siebel wären eigentlich ihre Verbündeten im Kampf um den Erhalt der Aufrichtigkeit. Doch, so könnte man Castorf lesen, sie verstehen die Zeichen der Zeit nicht. Valentin schmiert ein „L’Algerie est francaise“ mit blutroter Farbe an die Wand. Marguerite wird genau diesen Anspruch in der Walpurgisnacht noch herunterwaschen.

Juan Diego Flórez, Nicole Car und Kate Lindsey
Martin Andersson, Tobias Dusche, Daniel Keller
Juan Diego Florez als Doktor Faust fleht am Ende vergeblich um Marguerite (Nicole Car). Kate Lindsey als Siebel bleibt da nur noch der Blick ins „Paris Match“.

Wenn es eine Reinheit gibt, dann das Telos einer Befreiungsgeschichte ohne den Zugriff des korrupten Menschen, so könnte man den Marxisten Castorf lesen. Doch er drückt niemandem eine Lesart zu diesem klassischen Stoff auf. Im Gegenteil: Dieser „Faust“ lässt der Oper ihre Schönheit, ja, es gibt sogar intime Momente, wo die allgegenwärtigen Livekameras abgeschaltet sind – und es keine Projektionen auf die herumwehenden Stoffbahnen gibt.

Adam Palka als Mephistopheles
Martin Andersson, Tobias Dusche, Daniel Keller
Ein neuer Star auf der Wiener Opernbühne: der Pole Adam Palka

„Vivisektion bei lebendigem Bewusstsein“

Sonst ist es das, was Castorf als „Vivisektion bei lebendigem Bewusstsein“ bezeichnet. Wieder einmal ist es ein Spiel auf der Bühne mit Übertragungen aus den Hinterzimmern der Oper. Und großen zugleich laufenden Projektionen. Das ist eine seit Jahren von Castorf praktizierte Handschrift. Und mit dem viel zu früh verstorbenen Bert Neumann hat er sich gerade mit großer Verve durch das 19. Jahrhundert gearbeitet und dabei stets die Spannung zwischen triebgesteuerten Typen und dem Lauf der Geschichte inszeniert. Das soll auch diesmal stattfinden – nur klappt es jetzt so teuflisch gut. Dem Kitsch der Oper gibt Castorf den Witz – ohne ihr ganz den lyrischen Zahn zu ziehen.

Dazwischen ist man immer wieder auf der Barrikade, wo jede Strophe eines Gedichts zum Aufruf des Pamphlets wird. So will man sich das 19. Jahrhundert vorstellen – und Castorf als Gegenteil des Sozialromantikers erinnert immer wieder daran, dass das Leben nun einmal auch der blanke Kampf ist. Beinahe 70 musste Castorf werden, um seinen Erstauftritt an der Wiener Oper zu haben. Das Warten hat sich gelohnt. Es ist einer der besten Inszenierungen, die man von ihm bisher erleben durfte. Und wenn es nicht ein Widerspruch in sich wäre, könnte man sagen: Castorf auf dem Punkt.