Kinosaal mit Film
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Kulturöffnungen

Kinostart bringt wilden Programmmix

Was wird man zeigen, wenn es wieder möglich ist? Diese Frage stellen sich Kinobetreiber seit den verkündeten Öffnungsschritten. Ein Blick in die Programme der Kinos und Filminstitutionen zeigt eine vielversprechende Mischung: Wiederaufführungen, Art-House-Feinkost und heimisches Frühlingskino prägen die ersten Kinowochen des Jahres. Auch Chloe Zhaos Oscar-Gewinner „Nomadland“ kommt noch im Mai ins Kino.

Die Weite der Landschaft, die Straße vor ihr, nichts als Freiheit: Früher als gedacht kommt mit dem Roadmovie „Nomadland“ am 27. Mai das große Lebensabenteuer von Fern (gespielt von Frances McDormand) nun doch auf die Leinwand, jener Film, der erst vor zwei Wochen bei den Oscars zum „Besten Film“ gekürt wurde und für den Chloe Zhao für die Regie und McDormand als Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurden.

Es ist der erste große Film, mit dem sich die Kinos wieder ans Aufsperren wagen, und es ist ein Glücksfall, denn „Nomadland“, der im Verleih von Disney ist, braucht unbedingt die Leinwandbreite und wäre auf der Plattform Disney+ arm dran gewesen. Mit Abstand, Maske und am besten frisch getestet aus der Apotheke oder Teststraße gibt nun doch echtes Kinovergnügen, wenn auch das Filmangebot vorderhand eingeschränkt bleibt. Der ebenfalls für Mai geplante Disney-Film „Cruella“ wird bis auf Weiteres verschoben.

Szene aus dem Film Nomadland.
Fox Searchlight
Sehnsucht nach dem Draußen in „Nomadland“

Nach einem verregneten, kühlen Frühling, der ideales Kinowetter geboten hätte, starten die Kinos nun ausgerechnet zu jener Zeit, in der der Sonnen- und Frischlufthunger des Publikums am größten ist. Obwohl sich die großen, attraktiven Filme regelrecht stauen, ist in der Branche vorerst Abwarten angesagt, wie Filmverleiher Michael Stejskal auf ORF.at-Nachfrage erläutert: „Die Verleiher schauen auf die Kinos, wer sperrt auf? Die Kinos schauen auf die Verleiher, denn ohne Filme bringt das Aufsperren nichts. Und alle schauen auf die Deutschen, denn ohne deutsche Öffnung bleibt das Angebot sehr beschränkt.“

Leinwandfutter für die Hungrigen

In den meisten Fällen dürfen hiesige Filmverleiher nicht vor Deutschland starten, und weil dort mit einer breiten Öffnung nicht vor Mitte Juni zu rechnen ist, bleibt das Wiederaufsperren vor allem für Mehrsaalkinos zunächst noch ein Verlustgeschäft. „Wir versuchen, die Kinos zu unterstützen, und tun, was möglich ist, aber niemand wir jetzt einen Film verbrennen, an dem große Erwartungen hängen“, so Stejskal.

Das Bemühen ist dennoch groß, dem Kinopublikum endlich wieder Leinwandfutter zu bieten: Gleich mit 19. Mai kommt eine neu restaurierte Wiederaufführung des Klassikers „In The Mood for Love“ in die Kinos, direkt danach der Konzertfilm „David Byrne’s American Utopia“, die Wirtschaftsdoku „Oeconomia“, die Modedoku „Martin Margiela – Mythos der Moderne“ und mit „The Dissident“ eine dramatisch inszenierte Doku über den ermordeten saudischen Journalisten Jamal Khashoggi.

Auch Miranda Julys „Kajillionaire“ über eine verschrobene Schnorrerfamilie, kommt nun direkt mit der CoV-Maßnahmen-Lockerung ins Kino, und ebenfalls am 19. Mai startet die lesbischen Rom-Com „Kiss Me Kosher“ über eine Amour fou zwischen einer deutschen Biologin und einer israelischen Barbesitzerin, deren Heiratsvorbereitungen bei der jüdischen Omi auf wenig Gegenliebe stoßen. Am 11. Juni startet Viggo Mortensens Regiedebüt „Falling“ über eine komplizierte Vater-Sohn-Beziehung, in dem Mortensen selbst die Hauptrolle übernommen hat.

Festivalfilme endlich im Kino

Noch am Pfingstwochenende kommt das chilenische Sozial-Tanzdrama „Ema“ ins Kino, in dem Pablo Larrain Tanzstile, Generationen und Gesellschaftsschichten in grellen Bildern aufeinanderprallen lässt. Susanna Nicchiarellis Biopic „Miss Marx“, das auch die Viennale 2020 eröffnete, startet am 27. Mai. Mit Juni wird das Programm immer dichter: Maria Schraders grandiose Beziehungskomödie „Ich bin dein Mensch“, die am 1. Juni das Crossing-Europe-Festival eröffnet, kommt dann auch ins Kino, und ganz neu angekündigt ist das Tina-Turner-Biopic „Tina“, das beim digitalen Branchentreff der Berlinale viel Lob bekommen hat.

Nach und nach kündigen sich auch wieder amerikanische Filme an, zu Termindetails halten sich die Verleiher noch weitgehend bedeckt: Der Vergewaltigungsrache-Thriller „Promising Young Woman“ ist derzeit für 10. Juni angekündigt, „Fast & Furious 9“ kommt überhaupt erst im Juli, und der ewig aufgeschobene „James Bond: Keine Zeit zu sterben“ wird frühestens im September zu sehen sein.

Österreichisches Kino indoor und outdoor

Wo bei den großen Kinos noch Ungewissheit herrscht, springen die Filminstitutionen ein: Das Österreichische Filmmuseum startet mit einer lange geplanten Reihe von „Komödien gegen die Krise“ großteils aus dem eigenen Bestand, von Stanley Kubricks „Dr. Strangelove“ bis Helge Schneiders „Jazzclub“, ergänzt durch einige sorgfältig kuratierte Abende anlässlich des 100. Geburtstags des streitbaren Filmvermittlers Amos Vogel. Anders als gewohnt, gibt’s heuer statt der Sommerpause fast durchgehend Programm.

Das Filmarchiv Austria kann wie schon im Vorjahr auf das Kino am Augartenspitz als Freiluftspielstätte zurückgreifen und zeigt an 40 Abenden ein dichtes Programm aus neuen österreichischen Produktionen und frisch restaurierten Klassikern, darunter Titel wie „Ein bisschen bleiben wir noch“, „Die Dohnal“, „Hochwald“ und der Oscar-nominierte Srebrenica-Thriller „Quo vadis, Aida?“.

Ebenfalls als Open Air startet die diesjährige Ausgabe von Vienna Shorts, am Karmelitermarkt in Wien in Kooperation mit VOLXkino, passend zum Festivalschwerpunkt „Die Luft, die wir atmen“. Heikel besonders für die Freiluftkinos ist allerdings die Sperrstunde um 22.00 Uhr, durch die die zu nutzende Spielzeit bei Dunkelheit sehr kurz wird. „Man kann sich nur Stück für Stück vortasten“, so Stejskal, und spricht damit für die ganze Branche.