Geschlossene Tankstelle in Miami
AP/Marta Lavandier
Nach Hackerangriff

Viele US-Tankstellen ohne Benzin

Infolge des in der Vorwoche erfolgten Cyberangriffs auf die größte Benzinpipeline in den USA ist es im Südosten des Landes zu Engpässen an Tankstellen gekommen. Der Betrieb der betroffenen Pipeline werde nach Angaben der Betreibergesellschaft Colonial zwar wieder schrittweise hochgefahren – es könne aber noch länger dauern, bis die Anlage wieder normal läuft. Die US-Regierung sieht russische Kriminelle hinter dem Angriff.

Die Kriminellen hinter dem jüngsten Cyberangriff auf die größte Benzin-Pipeline in den USA leben nach Überzeugung der US-Regierung in Russland. Dafür gebe es starke Anhaltspunkte, sagte Präsident Joe Biden am Donnerstag. Moskau sei aber nicht in den Angriff verwickelt gewesen. „Wir glauben nicht, dass die russische Regierung in diesen Angriff involviert war“, sagte Biden im Weißen Haus. Die USA hätten Russland aber aufgefordert, gegen die Täter und solche Cyberangriffe und Erpressungsversuche vorzugehen.

Wegen des Hackerangriffs hatte Colonial bestimmte Systeme abgeschaltet, wodurch die Pipeline am Freitag komplett zum Erliegen kam. Das hatte auch Benzinengpässe zur Folge, die sich zuletzt weiter verschärften. Biden erklärte, die Pipeline solle bereits am Donnerstag wieder mit voller Kapazität im Einsatz sein, woraufhin sich die Engpässe in den kommenden Tagen auflösen dürften.

Autoschlange vor geschlossener Tankstelle in North Carolina
Reuters/Jonathan Drake
Autofahrer warten vor einer Tankstelle

„Wir haben Benzin“

Im US-Bundesstaat North Carolina etwa war nach Angaben der Marktanalysefirma Gasbuddy zur Wochenmitte an fast zwei von drei Tankstellen kein Benzin mehr erhältlich. In Virginia seien 44 Prozent der Tankstellen betroffen, in South Carolina und in Georgia seien es jeweils 43 Prozent. Auch in anderen Bundesstaaten im Südosten der USA kam es zu Engpässen.

US-Medien verbreiteten ein Instagram-Video von einer Schlägerei an einer Tankstelle in North Carolina, wo sich eine Fahrerin offenbar in der Schlange an einer Zapfsäule vordrängeln wollte. Die US-Verbraucherschutzbehörde CPSC sah sich am Mittwoch dazu gezwungen, auf Twitter davor zu warnen, Benzin in Plastiktüten zu füllen. Auch in der Region um die US-Hauptstadt Washington – in der nach Daten des Experten Patrick De Haan von der Marktanalysefirma Gasbuddy jede fünfte Tankstelle ausfiel – berichteten Autofahrer von langen Schlangen an den Zapfsäulen.

De Haan rechnete trotz der schrittweisen Wiederaufnahme des Betriebs der Pipeline mit einer möglichen Verschärfung der Benzinknappheit im Südosten der USA vor einer Entspannung der Lage am Freitag. Die Engpässe trieben die Spritpreise in den USA auf den höchsten Stand seit dem Jahr 2014.

Geschlossene Tankstelle in Missouri
AP/Rogelio V. Solis
Viele Tankstellen bleiben auch am Donnerstag weiter geschlossen

Biden-Appell: Bitte kein Benzin horten

Die US-Regierung hatte die Bürger am Dienstag dazu aufgerufen, keinen Kraftstoff zu horten. „Wir haben Benzin, wir müssen es nur zu den richtigen Orten bringen“, sagte Energieministerin Jennifer Granholm. Auch Biden appellierte an die Bürgerinnen und Bürger nicht in „Panik“ zu verfallen.

„Kaufen Sie in den nächsten Tagen nicht mehr Benzin, als Sie brauchen“, sagte Biden am Donnerstag im Weißen Haus. Die Versorgung werde sich in den kommenden Tagen wieder normalisieren und „Panikkäufe werden das nur hinauszögern“, sagte Biden. Schlangen an Tankstellen zu sehen, sei beängstigend, räumte er ein.

Lösegeld bezahlt?

Nach Einschätzung von Branchenexperten dürfte es etwa zwei Wochen dauern, bis die Kraftstofflager in den USA wieder aufgefüllt sind. Allein bis die Pipeline wieder normal läuft, werden noch mehrere Tage vergehen, teilte der Pipeline-Betreiber Colonial in diesem Zusammenhang mit.

Die Firma hatte Ende vergangener Woche bestimmte Systeme nach einer Cyberattacke vom Netz genommen, um die Bedrohung einzudämmen. Der Betrieb der Pipeline kam dadurch komplett zum Erliegen. Die Colonial Pipeline ist für die Versorgung des Landes von großer Bedeutung, sie transportiert etwa 45 Prozent aller an der Ostküste verbrauchten Kraftstoffe.

Viele Hintergründe des Cyberangriffs sind weiterhin unklar. So ist etwa unbekannt, wie viel Geld die Hackergruppe DarkSide, die als verantwortlich für die Attacke gilt, von Colonial erpressen wollte. Das Unternehmen hielt sich bisher auch bedeckt dazu, ob überhaupt Lösegeld gezahlt wurde.

„Krimineller Akt“

Eine stellvertretende Nationale Sicherheitsberaterin hatte am Montag im Weißen Haus erklärt, die Regierung habe dazu auch keine Informationen. Momentan sei von einem „kriminellen Akt“ auszugehen. Es würden aber alle Hinweise geprüft, auch mit Blick auf eine mögliche Verwicklung staatlicher Akteure.

Als Reaktion auf die jüngsten Cyberangriffe will die US-Regierung den Schutz vor Hackern verbessern. Biden unterzeichnete am Mittwoch eine entsprechende Verfügung, wie das Weiße Haus mitteilte. Damit sollten unter anderem IT-Dienstleister verpflichtet werden, Informationen über ein Eindringen in ihre Netzwerke mit den Behörden zu teilen. Standards für stärkere Cyber-Schutzmaßnahmen in der Regierung sollten modernisiert werden.

Auch bei der Entwicklung von Software für die Regierung sollen künftig höhere Sicherheitsmaßstäbe gelten, wie das Weiße Haus weiter mitteilte. Für die Reaktion der Behörden auf Cyberangriffe soll ein Drehbuch entworfen werden. Die Verfügung sieht die Einrichtung eines Gremiums mit Vertretern der Regierung und der Privatwirtschaft vor, das nach Cyberangriffen konkrete Empfehlungen zur Verbesserung der Sicherheitsmaßnahmen geben kann.