Erneut Tote bei Antiregierungsprotesten in Kolumbien

Einen Monat nach Beginn der starken Proteste in Kolumbien hat sich die Lage weiter zugespitzt. Bei Demonstrationen in der Millionenstadt Cali wurden gestern mindestens zehn Menschen getötet, wie die Stadtverwaltung mitteilte. Präsident Ivan Duque kündigte nach der jüngsten Gewaltwelle den Einsatz der Armee in Cali an, dem Epizentrum der Proteste. Unterdessen wuchs die Kritik an der Polizeigewalt gegen Demonstrierende.

Die Konfrontationen in Cali hätten gestern fast die Dimension eines „urbanen Kriegs“ erreicht, sagte heute das für die öffentliche Sicherheit zuständige Mitglied der Stadtverwaltung, Carlos Rojas, im Sender Radio Caracol. Neben den zehn Toten habe es zahlreiche Verletzte gegeben. Deren Zahl präzisierte Rojas nicht.

Tote durch Schusswaffen

Nach Angaben der örtlichen Behörden hatten sich die gewalttätigen Konfrontationen in der drittgrößten Stadt Kolumbiens verschärft, nachdem ein Ermittler der Staatsanwaltschaft auf eine Menge geschossen hatte, die ihm den Weg versperrt hatte.

Durch die Schüsse des Beamten wurden zwei Menschen getötet, der Ermittler wurde anschließend von aufgebrachten Demonstranten getötet. Laut Staatsanwaltschaft war der Beamte während des Vorfalls nicht im Dienst gewesen. Rojas zufolge kamen acht der zehn Todesopfer durch Schusswaffen zu Tode.

Entsendung von 7.000 Soldaten angeordnet

Seit Beginn der jüngsten Protestwelle in dem südamerikanischen Land vor vier Wochen wurden nach Behördenangaben mehr als 50 Menschen getötet. Weitere mehr als 120 Menschen werden seit Beginn der Proteste vermisst, hinzu kommen etwa 2.000 Verletzte.

Präsident Duque kündigte nach einem Sicherheitstreffen in Cali die Entsendung eines militärischen Großaufgebots an. Die Polizei in der Millionenstadt solle „maximal“ von den Streitkräften unterstützt werden, erklärte der konservative Staatschef. Duque ordnete die Entsendung von insgesamt 7.000 Soldaten in das Departamento Valle del Cauca an, in dem Cali liegt.

Menschenrechtsaktivisten werfen den kolumbianischen Sicherheitskräften allerdings unverhältnismäßige Gewalt gegen die Demonstranten vor. Der Amerika-Direktor von Human Rights Watch, Jose Miguel Vivanco, forderte von Präsident Duque Maßnahmen der Deeskalation. Unter anderem müsse Staatsvertretern der Einsatz von Schusswaffen gegen Protestierende verboten werden.