Sammler-Apps und Crypto-Stamps

Briefmarken, das digitale Gold (PD1)

Briefmarkensammeln gilt gemeinhin als eher verstaubtes Hobby. Zu Unrecht, denn längst ist die Philatelie in der digitalen Gegenwart angekommen. Ein Beispiel dafür sind Apps, die den Wert der Briefmarkensammlung vom Dachboden bestimmen können – zumindest in der Theorie. Und: Spekulanten setzten auf enorme Wertsteigerungen bei Crypto-Stamps.

Häufig sind geerbte Briefmarkenalben der Ausgangspunkt für eine nähere Befassung mit dem Sammeln: Wie viel sind die Marken denn überhaupt wert? Entweder man beauftragt dazu Experten – oder verwendet Apps, mit denen sich Briefmarken bestimmen lassen. Einfach mit dem Handy ein Foto der Briefmarke hochladen – und die Datenbank spuckt visuell ähnliche Ergebnisse aus. So kann man auch als Laie herausfinden, welche Marke man genau vor sich hat – zumindest in der Theorie.

Dass die Treffsicherheit umso schlechter wird, je seltener die Marke ist, liegt in der Natur des Machine-Learnings: Je breiter die Datenbasis, desto genauer die Resultate. Und auch für Plattenfehler, alternative Zähnungen und feine Farbvariationen sind die Modelle nicht ausreichend präzise trainiert – also ausgerechnet dort, wo es um wertvolleres Sammeln geht. Die Österreichische Post bewarb 2019 selbst eine solche Briefmarken-„Scan&Match“-App. Sie verschwand nach negativem Feedback allerdings schnell wieder aus den Stores.

Enorme Wertsteigerungen bei Crypto-Stamps

Weitaus erfolgreicher war die Post mit der Einführung der Crypto-Stamps – Briefmarken mit glitzerndem Einhornmotiv, deren Einmaligkeit durch ein digitales Abbild in der Ethereum-Blockchain garantiert wird. Dieser Tage kam bereits die Crypto-Stamp 3.0 auf den Markt. Die neueste Generation hat als Fälschungssicherung einen NFC-Chip eingebaut. Das Einhorn wird von einem Wal abgelöst – eine mögliche Anspielung auf Kursbewegungen auf dem Kryptomarkt. Binnen weniger Wochen kam es in der Vergangenheit bei den Crypto stamps zu enormen Wertsteigerungen.

Auch die neue Generation war binnen zehn Minuten ausverkauft. Wohl in der Hoffnung, die Geschichte wiederhole sich, versuchen einige, sie bereits um mehr als das Doppelte des Einkaufspreises von 9,90 Euro weiterzuverkaufen. Preistreiber dürften hier jedoch hauptsächlich Spekulantentum und Crypto-Enthusiasmus sein und weniger die klassische Philatelie, die sich schwer für Blockchain-Technologie begeistern lässt.

Die Kunst des Markendesigns

Ob online oder offline, die Post setzt auf diverse Zielgruppen, wie Patricia Liebermann, die Leiterin des Produktmanagements bei der Post, sagt: „Ein eigenes institutionelles Gremium, genauso wie der Generaldirektor treffen die Entscheidungen über die veröffentlichten Designs. Abgesehen von hochpolitischen oder gar pornografischen Bezügen, steht dabei ein breites Themenspektrum von Markenkünstlern zur Verfügung.“

Eine der größten Herausforderungen sei die Erfüllung des kulturellen Bildungsauftrags, da oft auf kleinstem Raum historische Begebenheiten dokumentiert werden. Da die Gesellschaft ihrer Meinung nach zurück zu ihren Wurzeln findet, habe das einen positiven Einfluss auf die Anzahl der verschickten Briefe, was das Interesse an Marken entsprechend steigere. Das spiegelt sich laut Post auch eindeutig in den Zahlen wider – genaue Zahlen möchte man aber nicht nennen.

Auch Briefmarkenmaterialien abseits von Papier sind bei manchen Sammlern begehrt. Österreich hat hier im internationalen Vergleich ein besonders vielfältiges Angebot, darunter Eichenholz aus dem Wienerwald, Augarten-Porzellan, Lustenauer Stickereien, Meteoritenstaub oder Babyelefant auf Toilettenpapier – Österreichs offizielle Pandemie-Briefmarke.

Fotostrecke mit 8 Bildern

Briefmarke in Form eines Huts aus Stoff und Filz
Martin Gerhartl (ORF)
Diese traditionelle Kopfbedeckung besteht zu 100 Prozent aus Stoff
Grüne Eiche als Briefmarke, aus Eichenholz geschnitzt
Martin Gerhartl (ORF)
Die Holzbriefmarken dieser Serie wurden alle aus derselben Eiche hergestellt
Goldene Philharmonikermünzen auf Briefmarken-Doppelstreifen
Martin Gerhartl (ORF)
Für die Wiener Philharmoniker wurde die Marke mit echtem Blattgold versehen
Runde Marke mit roter Sternschnuppe
Martin Gerhartl (ORF)
Diese Briefmarke enthält feinste Partikel eines echten Meteoriten
Runde Briefmarke in Fußball-Form
Martin Gerhartl (ORF)
Zur Fußball-EM 2008 in Österreich brachte die Post diese Marke aus echtem Fußballleder heraus
Crypto-Briefmarke mit glitzerndem EInhorn, Rubbelfeld und QR-Code
Martin Gerhartl (ORF)
Die Erstausgabe der Crypto-Stamp bescherte der Post einen Überraschungserfolg
Glänzende Briefmarke mit Rosenbemalung aus Augarten-Porzellan
Martin Gerhartl (ORF)
Handbemalte Briefmarke aus Augarten-Porzellan
Corona-Briefmarke aus Toilettenpapier mit Babyelefant
Martin Gerhartl (ORF)
Zehn Stück der Pandemie-Marke aneinandergereiht ergeben eine Babyelefanten-Länge

Sammeln nach Tradition der alten Schule

Abseits von neuen Designspielereien und Crypto-Stamps sind Briefmarkensammlungen häufig Erbstücke – so auch bei Gottfried Arnold, einem Sammler aus Niederösterreich: „Mein Großvater war als Opernsänger in Amerika unterwegs und hat dort Briefmarken getauscht. So ist eine umfangreiche Sammlung entstanden.“ Er habe mitsamt seiner gesamten Familie schon als Kind leidenschaftlich gerne gesammelt – auch wenn der Konkurrenzdruck unter den Geschwistern manchmal hart war. Weil er heute als Unternehmer und Vater kaum mehr Zeit für sein Hobby habe, möchte er die gesamte Sammlung verkaufen, in der sich auch so manche Rarität befindet. Der Unternehmer sieht die Philatelie durch die Pandemie derzeit weltweit im Aufwind.

Kaum offene Kataloge im Internet

Beim Verkauf von Marken gehören Sammelkataloge für Philatelisten zur Basisausstattung. Sämtliche Briefmarken sind darin erfasst. Mithilfe der ausgeklügelten Nummerierung lässt sich eruieren, welche man hat, welche noch fehlen – und wie hoch ihr Wert ist. Die angegebenen Katalogwerte beziehen sich auf von Experten geprüfte Prachtexemplare und sind eine rechnerische Basis für Tausch und Handel – der realistische Verkaufswert liegt meist weit unter dem Katalogwert. Offene oder kostenlose Onlinekataloge konnten sich bis jetzt kaum etablieren.

International bekannt sind die Katalog-Urgesteine Michel, Scott oder Yvert & Tellier. Auf österreichische Briefmarken haben sich die Austria-Netto-Kataloge spezialisiert. Während traditionsbewusste Philatelisten nach wie vor gerne in farbbedruckten Katalogseiten blättern, stieg besonders in den letzten Jahren die Nachfrage nach digitalen Lösungen. „Wir bieten unseren Katalog deshalb mittlerweile auch als Software im Internet an“, so die Herausgeber Christine und Kurt Steyrer.

Netz leistet Betrug Vorschub

Noch wichtiger als die Kataloge ist beim Onlinebriefmarkenkauf die Vorsicht, so der Briefmarkenprüfer Rüdiger Soecknick. Wie lukrativ Fälschungen sein können, weiß er aus erster Hand: „Ich habe schon Sammlungen gesehen, wo 70 Prozent nicht in Ordnung waren. Leute haben sehr viel Geld verloren.“ Durch den Internethandel habe das Problem drastisch zugenommen. Soecknick empfiehlt daher, sich in erster Linie bei Briefmarkenclubs zu informieren. Zwar sei es auch für Laien möglich, die meisten Fälschungen zu erkennen – etwa an der Farbe, der Zähnung oder der verwendeten Papiersorte.

Bei besonders wertvollen Stücken rechne es sich jedoch, ein Attest anfertigen zu lassen, da geprüfte Marken bei Auktionen höhere Preise erzielen. In einem Wiener Auktionshaus wurde erst heuer eine Österreichisch-Ungarische 3-Kreuzer-Marke mit dem Kopf von Kaiser Franz Josef, die früher einmal zur Sammlung König Carols gehörte, um 135.000 Euro versteigert – die höchste in Österreich jemals bei einer öffentlichen Versteigerung erzielte Summe. Die Rarität und Besonderheit der Marke liegt darin, dass sie 1867 durch einen Fehler in Rot statt Grün gedruckt wurde.

Fotostrecke mit 5 Bildern

1 und 2 Kreuzer Marken mit Doppeladler
Martin Gerhartl (ORF)
Österreich Nummer eins und Nummer zwei – die ersten beiden Briefmarken
Kaiserkopf Marke auf Auktionskatalog
Christian Ecker (ORF)
Dieser Farbfehldruck aus Österreich-Ungarn wurde heuer für 135.000 Euro versteigert
Roter Merkurkopf Briefmarke
Martin Gerhartl (ORF)
Der Zinnoberrote Merkur gilt als seltenste Briefmarke des Landes
3x3 Briefmarken-Block Renner mit Inschrift „Ein Jahr befreites Österreich“
Martin Gerhartl (ORF)
Der Renner-Block zählt zu den begehrtesten Sammlerstücken der österreichischen Philatelie
Vierer Markenblock in Blau mit Postkutsche und Posthornruf-Noten
Christian Ecker (ORF)
Diese Blockausgabe von der Wiener Internationalen Postausstellung 1933 ist Hunderte Euro wert

Das Platzen der Briefmarkenblase

Obwohl Briefmarken in Österreich bereits 1850 eingeführt wurden, sind nur wenige Exemplare aus dieser Zeit erhalten. In der Regel wurden die k. u.k . Wappentiere als reine Gebührenquittung betrachtet und nach Gebrauch weggeworfen. Heute werden besonders schön erhaltene Stücke von damals um beträchtliche Summen versteigert. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden Briefmarken in der breiten Bevölkerung zum begehrten Sammelobjekt – wohl auch gefördert durch royale Vorbilder.

So gehörten etwa König Carol von Rumänien, Zar Nikolaus II. und King George V. zu den Philatelisten der ersten Stunde. Die Sammlung des britischen Königshauses gilt heute mit Raritäten und Unikaten in über 400 Alben als umfangreichste weltweit. Die Philatelie kam also mit noblem Image zur Welt: als „Hobby der Könige – und König unter den Hobbys“.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts platzte die Briefmarkenblase. Sammlerinnen und Sammlern wurden laufend neue Sondermarken mit Sonderstempeln als „Aktien des kleinen Mannes“ verkauft. Ganze Länder benutzten die Sammler als Einnahmequelle. Die erhoffte Wertsteigerung bleibt jedoch bis heute aus. Im Gegenteil: Marken mit Auflagenzahlen in Millionenhöhe sind wahrlich keine Rarität, und die Währungsumstellung der Jahrtausendwende vernichtete schließlich auch den Nominalwert der meisten europäischen Marken.

4.500 österreichische Marken

An der Spitze des Briefmarkenbooms in den 1970er Jahren kamen pro Jahr weltweit etwa 2.650 neue amtliche Briefmarken heraus – also sieben bis acht pro Tag. Dazu kommen verschiedene Farbvarianten, Blockausgaben, Ersttagsbriefe und Druckfehler. Sammler müssen sich heute auf ein Gebiet spezialisieren. Allein aus Österreich existieren rund 4.500 verschiedene Marken. Lückenlos alle Briefmarken der Welt zusammenzutragen wäre ein aussichtsloses Unterfangen. Doch genau darin liegt wohl der Reiz des Sammelns.