Protest vor dem Sockel der Statue von Queen Victoria
Reuters/Shannon Vanraes
Kindergräber in Kanada

Wut entlädt sich gegen Kolonialgeschichte

In Kanada entlädt sich aktuell die Wut gegen einige Kapitel und Zeugnisse der kolonialen Geschichte. Grund sind die Funde von immer mehr Gräbern indigener Kinder rund um frühere Internate, die der „Umerziehung“ dienten. Zuletzt gingen katholische Kirchen in Flammen auf. Am Donnerstag, dem Nationalfeiertag des Landes, wurden Statuen der britischen Königinnen Victoria und Elizabeth II. umgeworfen.

Bei Demonstrationen seien außerdem mehrere Gebäude und Denkmäler mit roter Farbe beschmiert worden, erneut auch Kirchen, zehn in der Stadt Calgary, wie es am Freitag (Ortszeit) im Nachrichtensender CBC hieß.

Kundgebungen gab es laut dem Sender in mehreren Städten, eine große etwa in Montreal in der Provinz Quebec. Bei den Protesten seien Sätze wie „We were children“ („Wir waren Kinder“) an Kirchentüren geschrieben worden.

Auf Transparenten stand etwa zu lesen: Während das Land seinen Nationalfeiertag begehe, suchten die Indigenen nach ihren Kindern, „die Kanada getötet hat“. An den Kundgebungen nahmen in mehreren Städten zahlreiche Menschen teil, indigene und nicht indigene Kanadierinnen und Kanadier, wie es in Medienberichten vom Freitag hieß.

„Umerziehung“ indigener Kinder

Laut CBC und anderen kanadischen Medien beläuft sich die Zahl der vermuteten Gräber von Kindern rund um frühere, meist von der Kirche betriebene Internate („residential schools“) mittlerweile auf über 1.000. In den Internaten sollten indigene Kinder Sprache und Tradition „verlernen“ und die Kultur der Kolonialmacht „erlernen“.

Gestürzte Statue von Queen Elizabeth II
Reuters/Shannon Vanraes
Die umgeworfene Statue von Königin Elizabeth II.

Die ersten Gräberfunde wurden im Mai bekanntgegeben, zuletzt wurden erneut an die 180 unmarkierte Gräber nahe der St. Eugene’s Mission School bei Cranbrook im Bundesstaat British Columbia gefunden.

Misshandlungen und Krankheiten

Zwischen den 1830er Jahren und 1998 waren nach Schätzungen rund 150.000 indigene Kinder – oft zwangsweise – in derartigen Umerziehungsheimen untergebracht. Etliche dieser 139 Heime wurden von der katholischen Kirche betrieben.

Die Statue von Captain James Cook in Victoria wurde in den Hafen geworfen und durch rote Kleider ersetzt
AP/The Canadian Press/Chad Hipolito
Die Statuen – bzw. deren Sockel – wurden mit roter Farbe beschmiert

Dort sollten die Kinder im Auftrag des Staates an die „christliche Zivilisation“ herangeführt werden. Oft durften sie ihre Muttersprache nicht sprechen. Viele von ihnen wurden misshandelt oder missbraucht. Viele starben an Infektionskrankheiten wie Tuberkulose.

Premier fordert Entschuldigung des Vatikan

In einem persönlichen Gespräch forderte Kanadas Premierminister Justin Trudeau Papst Franziskus kürzlich zu einer Entschuldigung in Kanada bei den indigenen Völkern auf. Die kanadische Bischofskonferenz teilte daraufhin mit, dass eine Gruppe indigener Vertreter aus Kanada zwischen 17. und 20. Dezember mit Papst Franziskus im Vatikan zusammentreffen soll. Es gehe darum, „Dialog und Heilung“ zu fördern, hieß es.

Gedenkfeier für die Toten in den unmarkierten Gräbern
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Mahnwache auf dem Gelände der Marieval Indian Residential School der Cowessess First Nation in Saskatchewan

Die ersten Gräberfunde, über 200, hatte es im Mai gegeben, erst vor wenigen Tagen wurden in der Provinz Saskatchewan, ebenfalls auf dem Gelände eines früheren Internats, Hunderte weitere unmarkierte Gräber entdeckt, die aktuell untersucht werden. Die implizite Vermutung lautete daher: Bei den Bränden könnte es sich um Racheakte an der Kirche handeln.

Immer mehr Gräberfunde

Das Volk der Cowessess hatte den neuen Fund erst vor wenigen Tagen bekanntgegeben. Die betreffende Einrichtung südlich der Stadt Regina in Zentralkanada war von 1899 bis 1997 in Betrieb. Die Cowessess übernahmen sie in den 1980er Jahren von der katholischen Kirche.

Gestürzte Statue von Queen Victoria
Reuters/Shannon Vanraes
Die gestürzte Statue von Queen Victoria

In den letzten Wochen war auf dem Gelände der Schule sowie auf einem angrenzenden Friedhof gezielt nach menschlichen Überresten bzw. nicht markierten Gräbern gesucht worden. Bisher ist nicht klar, ob dort nur Kinder oder auch Erwachsene liegen. Am Mittwoch wurden dann erneut über 180 unmarkierte Gräber nahe der besagten St. Eugene’s Mission School in British Columbia gefunden.