Haitis Präsident Moise Jovenel
Reuters
Im eigenen Haus

Haitis Präsident erschossen

Haitis Präsident Jovenel Moise ist nach Angaben der Regierung ermordet worden. Nach Angaben des derzeitigen Regierungschefs Claude Joseph drang in der Nacht eine Gruppe Unbekannter in die Privatresidenz des Präsidenten ein und erschoss ihn.

Eine Gruppe bisher unbekannter Angreifer habe in der Nacht die Privatresidenz des 53-jährigen Präsidenten überfallen und Moise erschossen, teilte Interimsministerpräsident Joseph mit. Auch die Frau des Präsidenten wurde laut Joseph bei dem Angriff verletzt und befindet sich im Krankenhaus.

Mehrere Journalisten teilten auf Twitter eine offizielle Mitteilung der Regierung. Laut dieser ereignete sich der Angriff kurz nach Mitternacht (Ortszeit). Zumindest manche der Angreifer sollen Spanisch gesprochen haben.

Der Premierminister verurteile „diesen abscheulichen, unmenschlichen und barbarischen Akt“, heißt es in der Mitteilung. Die Bevölkerung wird zur Ruhe aufgerufen. „Die Sicherheitslage im Land ist unter Kontrolle der haitianischen Nationalpolizei und der haitianischen Streitkräfte.“ Laut der Nachrichtenagentur AFP sagte Joseph, er sei nun für das Land verantwortlich.

Dominikanische Republik schließt Grenze

Als Reaktion auf den Mordanschlag verkündete die Dominikanische Republik die Schließung ihrer Grenze zu Haiti. Die Maßnahme trete mit sofortiger Wirkung in Kraft, sagte eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums der Nachrichtenagentur AFP. Die Dominikanische Republik und Haiti liegen beide auf der Karibik-Insel Hispaniola.

Der kolumbianische Präsident Ivan Duque verurteilte das, was er einen „feigen Akt“ nannte, und drückte seine Solidarität mit Haiti aus. Er forderte eine Mission der Organisation Amerikanischer Staaten, „um die demokratische Ordnung zu schützen“.

Internationale Bestürzung

Auch in anderen Staaten löste das Attentat Bestürzung aus. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell zeigte sich „schockiert“ und warnte vor einer „Spirale der Gewalt“ in dem Karibik-Staat. Die Verantwortlichen des Attentats müssten gefunden und zur Rechenschaft gezogen werden, schrieb er auf Twitter.

Das Weiße Haus verurteilte die Ermordung des haitianischen Präsidenten als „entsetzlich“. Die Sprecherin von US-Präsident Joe Biden, Jen Psaki, sagte, Washington sei bereit, Ermittlungen zu dem Anschlag zu unterstützen. „Schockiert und traurig“ über den Anschlag auf Moise zeigte sich der britische Premierminister Boris Johnson. „Das ist ein abscheulicher Akt, und ich rufe in dieser Zeit zur Ruhe auf“, schrieb er auf Twitter.

Seit mehr als zwei Jahren per Dekret regiert

Moise war seit Februar 2017 im Amt, nachdem sein Vorgänger Michel Martelly zurückgetreten war. Zuletzt regierte er seit mehr als zwei Jahren per Dekret, nachdem das Land keine Wahlen abgehalten hatte, was zur Auflösung des Parlaments führte. Die Opposition warf ihm Korruption und den Aufbau einer Diktatur vor. So erließ Moise etwa ein Dekret, das die Befugnisse der Justiz einschränkte. Zugleich schuf er einen Geheimdienst, der nur dem Präsidenten untersteht.

Demonstration gegen Haitis Präsident Jovenel Moise in Port-au-Prince
Reuters/Jeanty Junior Augustin
Im Feburar waren Tausende gegen Moise auf die Straße gegangen

Moise selbst hatte die Anschuldigungen stets bestritten und auf eine Verfassungsreform gedrängt, mit der er nach eigenen Angaben für mehr politische Stabilität sorgen wollte. Innerhalb von vier Jahren wechselte er den Regierungschef siebenmal aus. Erst am Montag gab er die Ernennung des neuen Regierungschefs Ariel Henry bekannt, der Joseph nach nur drei Monaten im Amt ablösen sollte.

Unter Moises Präsidentschaft verschärften sich die wirtschaftlichen und sozialen Probleme in dem Land mit elf Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Bandengewalt in der Hauptstadt Port-au-Prince stieg stark, die Inflation schnellte in die Höhe, und Lebensmittel und Treibstoff werden knapper. Das Land kämpft immer noch mit den Folgen des verheerenden Erdbebens von 2010 und dem Hurrikan „Matthew“, der 2016 eine Spur der Verwüstung zog.