Jedermann 2021: Lars Eidinger (Jedermann), Verena Altenberger (Buhlschaft)
SF/Matthias Horn
„Jedermann“-Einblicke

Eine Buhlschaft für das 21. Jahrhundert

Rund um den „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen wird gern Geheimniskrämerei betrieben. Wer 2021 Titelrolle und Buhlschaft spielt, wurde schon im Dezember verraten: Lars Eidinger und Verena Altenberger – ein Duo, das weit mehr verspricht als eine nur umbesetzte Wiederaufnahme. Im Laufe der Proben habe sich doch eine Neuinszenierung entwickelt, hieß es kurz vor der kommenden Premiere am Samstag. Mit den ersten Szenenfotos wurde nun auch das Kostümgeheimnis gelüftet – es wird „genderfluid“.

Die Premiere am 17. Juli wird die 730. „Jedermann“-Vorstellung in der Salzburger Festspielgeschichte. Theater- Film- und TV-Star Eidinger tritt als zwanzigster Jedermann in die großen Fußstapfen von Attila Hörbiger, Maximilian Schell und Klaus Maria Brandauer, um nur wenige der höchst prominenten Vorgänger zu nennen. Zuletzt war Tobias Moretti seit 2017 als sterbender reicher Mann zu sehen, mit ihm und um ihn erarbeitete Regisseur Michael Sturminger die letzte Inszenierung, die mit durchaus gemischten Kritiken und wechselnden Buhlschaften in den vergangenen Jahren nie zu einer ganz runden Sache werden sollte.

Sturminger führt auch heuer wieder Regie, das Ausstattungsteam – Renate Martin und Andreas Donhauser – ist dasselbe geblieben, die Produktion wird aber wohl kaum wiederzuerkennen sein. Der traditionelle Einblick in „Jedermanns Kostümwerkstatt“ in der Woche vor der Premiere und die gleichzeitig veröffentlichten ersten Szenenfotos verraten die ersten Details der Veränderungen an den Outfits und der Bühne.

Jedermann 2021: Ensemble
SF/Matthias Horn
Alles neu beim „Jedermann“

„Genderfluide“ Kostüme quer durch alle Epochen

War die Ästhetik der „Jedermann“-Epoche Sturminger I zeitgenössisch, wird sie nun in seinem zweiten Anlauf zeitlos. Stilistisch quer durch die Epochen angesiedelt sind die Details – von Renaissance bis ins 21. Jahrhundert: Schleier, Samthöschen, Spitzenkrägen, Halskrausen, gehäkelten Häubchen und High Heels bunt (im wahrsten Sinne des Wortes) gemischt.

Jedermann Eidinger selbst wechselt mehrfach das Kostüm und tritt unter anderem in einem Fatsuit, halb nackt und in schwarzem Renaissancerock mit goldener 70er-Hose und blauen Absatzschuhen auf. Alle Kostüme seien genderfluid und vereinen männliche und weibliche Attribute miteinander, beschreibt Ausstatterin Martin ihre Entwürfe.

Jedermann 2021: Lars Eidinger (Jedermann) und Angela Winkler (Mutter)
APA/Barbara Gindl
Angela Winkler übernimmt die Rolle von Jedermanns Mutter, Lars Eidinger debütiert in der Titelrolle

Kurze Haare und ein Hosenanzug

Dass sich Altenberger kurz vor Probenbeginn für eine Filmrolle die Haare abrasierte, sorgte für Wirbel im Boulevard. Dass sie sich deshalb oder irgendwelchen Traditionen geschuldet eine Langhaarperücke aufsetzen ließe, hätte wohl aber jeden verwundert, der auch nur ein einziges Interview mit der deklarierten Feministin gelesen hat. Und so trägt die Buhlschaft heuer nicht nur – wie ihre beiden Vorgängerinnen – einen Hosenanzug, sondern erstmals auch eine Kurzhaarfrisur.

Für Altenberger ist die Frisur Nebensache – „das ist doch egal, es sind nur Haare“, kommentierte sie bei einem Pressegespräch vergangene Woche. Es sei der Rolle der Buhlschaft aber eingeschrieben, eine emanzipatorische Rolle zu sein: „Sie sagt: Bis hierher und nicht weiter. Ich muss das Leid und die Abhängigkeit der Frau zeigen, waren meine ersten Instinkte. Aber diese Suche ist total unnötig und sinnlos, hab ich rasch gemerkt, denn wir sind ein Paar auf Augenhöhe. Ich bin überzeugt, dass sie sich wirklich lieben.“

Altenbergers Kostüm sei vom Kontext her klar gewesen, so Ausstatterin Martin. „Sie ist keine Renaissancefigur. Es war wichtig, dass sie wieder ins 21. Jahrhundert gesetzt wird. Ein Mieder ist für das 21. Jahrhundert nicht zeitgemäß. Und sie ist auch eine Tänzerin, sie braucht die Beweglichkeit.“

Gott trägt eine weiße Mähne

„Teufelin“ Mavie Hörbiger trägt einen beigefarbenen, absatzlosen, riesigen Hufschuh, als „Göttin“ lastet auf ihrem Kopf eine schwere Perücke mit 1,10 Meter langen, weißen Kunsthaaren. Der Tod, von Edith Clever verkörpert, die bis zum letzten Jahr als Jedermanns Mutter zu sehen war, trägt erst Schwarz als Zeichen der Angst, dann Weiß für die Hoffnung.

Jedermann 2021: Mirco Kreibich (Schuldknecht), Lars Eidinger (Jedermann) und Anton Spieker (Gesell)
APA/Barbara Gindl
Jedermann (im Fatsuit des reichen Mannes) im Boxkampf mit dem Schuldknecht

Die Intention sei gewesen, sich von Allegorien wegzubewegen und neue Assoziationen von Figuren aufzuzeigen, erklärte die Kostümbildnerin. Der hohe „Kopfputz“, ein gehäkeltes Häubchen, macht den Tod „noch mächtiger und größer“ und mit dem schlichten Kleid unter der Spitzenschleppe auch „eleganter“.

Hinweis

„Jedermann“ ist bei den Salzburger Festspielen von 17. Juli bis 26. August insgesamt 13-mal auf dem Domplatz (bei Schlechtwetter im Großen Festspielhaus) zu sehen.

Ausführliche Berichte über die neue „Jedermann“-Produktion und die aktuelle Festspielproduktion sind in „kultur.montag“ am Montag ab 22.30 Uhr in ORF2 zu sehen.

Rund 90 Prozent der Kostüme wurden in der Festspielwerkstätte genäht. „Wir haben zwischen 6.000 und 7.000 Stunden an den Kostümen gearbeitet“, schilderte Kostümdirektor Jan Meier am Dienstag bei der Präsentation der „Best of“-Kleidungsstücke des „Jedermann“.

„Hofmannsthal pur“

Abgesehen von Kostümen und Bühne, die deutlich reduziert scheint, bleibt mit Spannung zu erwarten, was der neue „Jedermann“ noch so mit sich bringt. Laut Sturminger werde etwa die Musik eine andere Funktion haben – mit „viel weniger Blech, aber mit einer E-Gitarre“. Außerdem, so viel verriet der Regisseur bereits, will man sprachlich ganz auf das Original zurückgehen. „Es ist Hofmannsthal pur. Er wird nicht umformuliert, um ihn mundgerechter zu machen. Da entsteht etwas sehr Schönes, indem man es nimmt, wie’s ist.“