Eingang der US-Botschaft in der Wiener Boltzmanngasse
ORF.at/Roland Winkler
US-Magazin

Wien neuer Hotspot von „Havanna-Syndrom“

Wien soll laut einem Bericht des US-Magazins „The New Yorker“ der neue Mittelpunkt eines mysteriösen Phänomens sein: Etwa zwei Dutzend US-Geheimdienstmitarbeiter, Diplomaten und andere Regierungsbeamte sollen in Wien unter mysteriösen Beschwerden leiden, die dem „Havanna-Syndrom“ ähneln. Das sei die größte Häufung der Fälle außerhalb von Havanna. Offizielle Bestätigung dafür gibt es keine.

Seit 2016 hatten Dutzende kanadische und US-Diplomaten und -Diplomatinnen sowie deren Angehörige in Kuba Gesundheitsprobleme entwickelt, die als „Havanna-Syndrom“ bekanntwurden. Die Behörden in Kanada und den USA hatten zunächst mysteriöse „Akustikattacken“ als Ursache vermutet.

Betroffene berichteten, dass sie eine Art Druckwelle in ihrem Kopf spürten. Viele hörten auch laute Geräusche, vergleichbar mit Zikaden, die sie innerhalb des jeweiligen Gebäudes verfolgten, beim Öffnen einer Tür nach außen aber nicht mehr zu hören gewesen seien. Die Opfer litten im Anschluss unter anderem unter Kopfschmerzen, Schwindel, Schlafstörungen und Tinnitus. Deshalb ging man längere Zeit von „Akustikattacken“ auf die Diplomaten und ihr Umfeld aus. Später wurde spekuliert, Pestizide hätten die Symptome ausgelöst.

Weltweit rund 130 Fälle

Doch bald traten die Fälle auch außerhalb Kubas auf: in China, London, Kolumbien und Usbekistan klagten US-Behördenvertreter über die Symptome. Heuer wurden dann mehrere Fälle aus dem Umfeld des Weißen Hauses berichtet. Wie viele Fälle es bisher gab, ist unklar: Das Magazin schätzt rund 130, wobei immer neue dazukämen, gleichzeitig aber andere von der Liste verschwinden würden, weil die Beschwerden auf andere Ursachen zurückgeführt werden konnten.

US-Botschaft in Havanna
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Zunächst trat die Erkrankung bei US-Diplomaten in Kuba auf – hier die US-Botschaft in Havanna

Etwa fünfzig Fälle würden CIA-Mitarbeiter betreffen. Der Rest seien meist Mitarbeiter des US-Militärs und des Außenministeriums sowie deren Familienangehörige. 2020 wurden in den US-Behörden Zweifel laut, ob es das Syndrom tatsächlich gibt. Die damalige CIA-Direktorin Gina Haspel schickte an alle Mitarbeiter einen Brief, dass sie unerklärliche Symptome melden sollten. Aus Wien kamen daraufhin damals noch keine Rückmeldungen, heißt es im „New Yorker“.

Behörden entschieden sich für Geheimhaltung

Der erste angebliche Fall sei in Wien ein paar Monate nach der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden gemeldet worden. Die Biden-Administration habe sich jedoch entschieden, die Vorfälle in Wien nicht bekanntzugeben – die Beamten seien besorgt gewesen, dass eine öffentliche Bekanntgabe die laufenden Ermittlungen behindern würde.

Die genaue Ursache der Beschwerden in Wien, die von den US-Regierungsbehörden offiziell als „unerklärliche Gesundheitsvorfälle“ bezeichnet werden, ist dem „New Yorker“ zufolge unklar. Laut dem Magazin würden CIA, das Außenministerium und andere Behörden nun ihre Bemühungen verstärken, die Ursache zu ermitteln.

Wien Hotspot von „Havanna-Syndrom“

Wien soll laut einem Bericht des US-Magazins „The New Yorker“ der neue Mittelpunkt eines mysteriösen Phänomens sein: Etwa zwei Dutzend US-Geheimdienstmitarbeiter, Diplomaten und andere Regierungsbeamte sollen in Wien unter mysteriösen Beschwerden leiden, die dem „Havanna-Syndrom“ ähneln. Das sei die größte Häufung der Fälle außerhalb von Havanna. Offizielle Bestätigung dafür gibt es keine.

Die österreichische Botschaft in den USA wollte laut „New Yorker“ keine Stellungnahme abgeben. Das Außenministerium in Wien schrieb in einer Reaktion gegenüber der APA, man nehme „diese Berichte sehr ernst“ und arbeite „gemäß unserer Rolle als Gaststaat mit den US-Behörden an einer gemeinsamen Aufklärung. Die Sicherheit der nach Österreich entsandten Diplomaten und ihrer Familien hat für uns oberste Priorität.“

„Dritte Mann“-Mystik und Mikrowellengeräte

Das Magazin verweist auf die lange Tradition Wiens als Drehscheibe der Geheimdienste zwischen Ost und West, selbstverständlich ohne auf den Spionagefilm „Der Dritte Mann“ zu vergessen. Auch auf die Politik von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) wird verwiesen – seine Annäherung an US-Präsident Donald Trump wie auch die guten Kontakte zum russischen Präsidenten Wladimir Putin. Erinnert wird an den Cyberangriff auf das Außenministerium Anfang 2020.

Die Ausführungen über mögliche Spionagetätigkeiten in Österreich lesen sich ebenso abenteuerlich wie die angebliche These, die die US-Behörden derzeit verfolgen. So wird laut „New Yorker“ vermutet, dass der russische Geheimdienst Mikrowellenstrahlung auf US-Beamte richte, um Daten von ihren Computern oder Smartphones zu stehlen. Diese Strahlung würden dann die Symptome auslösen. Wie das technisch möglich sein soll, ist allerdings völlig offen. Und Beweise dafür gibt es freilich keine. CIA-Chef William Burns soll jedenfalls laut „The New Yorker“ der Theorie anhängen, dass es sich tatsächlich um Angriffe auf US-Vertreter handelt.

Alles nur Einbildung?

Eine andere Theorie besagt, dass es sich um psychogenes Massenleiden handeln könnte, die Erkrankten also nur glauben, dass sie erkrankt sind. Das behaupten zumindest der Neurologe Robert Baloh und der Medizinsoziologe Robert Bartholomew in einem Aufsatz und später in ihrem Buch „Havana Syndrome“ – und belegen die These mit weiteren Beispielen, bei denen Menschen beschriebene Symptome dann bei sich entdecken, wenn sie angeblich bei anderen auftreten, mit denen sie Gemeinsamkeiten haben. Sie gehen davon aus, dass es sich bei den Beschwerden vor allem um Stresssymptome handelt.