Großbritanniens Premier Boris Johnson
Reuters/Peter Nicholls
Engländer öffnen

„Tag der Freiheit“ mit Massenquarantäne

Am Montag fallen in England fast alle Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus. Doch der von der Regierung hochgejubelte „Tag der Freiheit“ steht unter gar keinen guten Vorzeichen. Unter „splendid isolation“ stellt er sich wohl etwas anderes vor: Premier Boris Johnson musste sich nach Kontakt mit dem infizierten Gesundheitsminister Sajid Javid in Selbstisolation begeben – so wie Hunderttausende andere auch. Und Wissenschaftler warnen mit harten Worten vor den Öffnungsschritten.

Dass ausgerechnet Gesundheitsminister Javid wenige Tage vor der Öffnung trotz doppelter Impfung positiv getestet wurde, war schon ein schlechtes Omen für die Öffnung. Zunächst hieß es dann, dass Johnson und sein Finanzminister Rishi Sunak trotz Kontakts mit Javid nicht in Selbstisolation müssten. Grund sei die Teilnahme an einem „Pilotversuch“, der stattdessen tägliche Tests vorsehe.

Doch ein Sturm der Empörung im Land führte am Sonntag innerhalb weniger Stunden zu einer Kehrtwende. Johnson werde sich auf seinem Landsitz Chequers isolieren, hieß es in einer eilig nachgeschobenen Mitteilung. Und Sunak gestand per Twitter ein, dass eine Bevorzugung von Regierungsmitgliedern vielleicht nicht das beste Bild abgeben würde.

Viele Menschen in der Waterloo Bahnstation in London
AP/Matt Dunham
Hektisches Treiben in der Station Waterloo in London

1,6 Millionen in Selbstisolation

Immerhin sitzen Hunderttausende Briten derzeit zu Hause, weil sie vom Nationalen Gesundheitsdienst (NHS) nach Kontakt mit einer infizierten Person zur Selbstisolation aufgefordert wurden. In der Woche von 1. bis 7. Juli wurden vom Contact-Tracing des NHS rund 340.000 Menschen in Quarantäne geschickt. Davon betroffen sind auch Geimpfte, die Kontakt mit Infizierten hatten, erst Mitte August soll diese Regelung geändert werden.

520.000 Menschen wurde im selben Zeitraum von ihrer Coronavirus-App empfohlen, sich selbst zu isolieren. Dazu kamen noch 624.000 Schülerinnen und Schüler. Mit knapp 200.000 positiv Getesteten in dieser Woche machte das laut „Guardian“ insgesamt mehr 1,6 Millionen Menschen in Quarantäne. Für die abgelaufene Woche standen die Zahlen noch nicht fest, es werden aber kaum weniger als davor sein. Und mit der Öffnung sollte sich diese Zahl weiter erhöhen.

Derzeit fast 50.000 neue Fälle am Tag – Tendenz steigend

Wirtschaftsverbände äußerten bereits vor einigen Tagen ihre Sorgen, dass in einigen Branchen die Produktion gedrosselt werden müsse. Überlegt wurde, die Isolationspflicht weniger streng zu handhaben.

Das wiederum könnte die Infektionszahlen weiter in die Höhe schießen lassen: Fast 50.000 neue Fälle gab es zuletzt täglich. Gesundheitsminister Javid schätzte schon vor einigen Tagen, dass es nach der Öffnung 100.000 sein könnten. Neil Ferguson vom Imperial College London befürchtete in der BBC, dass sich diese Zahl auch verdoppeln könnte. Die britische Statistikbehörde ONS hat berechnet, dass in der Vorwoche einer von 95 Menschen in England infiziert war – also mehr als ein Prozent der Bevölkerung.

Menschen im Hydepark in London
Reuters/Peter Nicholls
Der Sommer im Hyde Park in London

Geringeres Risiko für schwere Erkrankung

Die in England bereits zu fast 100 Prozent dominante Delta-Variante gilt weit ansteckender als die bisherigen Formen des Coronavirus, die Kurve der bestätigten Neuinfektionen steigt auch wesentlich steiler als bei den vorhergehenden Wellen. Die Regierung beharrte auf die Öffnungsschritte, weil Hospitalisierungen und Todesfälle nun weit weniger rasch ansteigen: Grund dafür sind einerseits die Impfungen, andererseits dass vor allem ungeimpfte jüngere Leute angesteckt werden – und diese erkranken in der Regel nicht so schwer.

Rund 70 Prozent der Briten habe mindestens die erste Dosis einer Impfung bekommen, knapp 54 Prozent beide. Zudem rechnet der Gesundheitsdienst Public Health England, dass schon rund 90 Prozent der Bevölkerung Englands Antikörper haben, sei es durch eine Impfung oder durchgemachte Infektion.

Warnung vor neuen Varianten

Die Impfung senkt die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung zwar, allerdings nicht vollständig. Weit höher ist ihre Wirksamkeit beim Schutz vor einer schweren Erkrankung. Wissenschaftler warnen allerdings, dass bei derart hohen Infektionszahlen selbst der vergleichsweise kleine Prozentsatz an schwerer Erkrankten und Todesfällen hohe absolute Zahlen bedeuten könnten: Sie warnen von rund 2.000 Hospitalisierungen und 100 bis 200 Toten pro Tag.

In einem offenen Brief warnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor den Öffnungsschritten: Eine massenhafte Ausbreitung würde nicht nur die Ungeimpften und chronisch Vorerkrankten gefährden, sondern auch einen „fruchtbaren Boden für das Auftreten von impfstoffresistenten Varianten“ bieten. „Das würde alle gefährden, einschließlich derer, die bereits geimpft sind, in Großbritannien und weltweit.“ Der Brief wurde mittlerweile von fast 3.800 Wissenschaftlern unterzeichnet.

Jugendliche auf einem Dach in Manchester
AP/Jon Super
Vor allem Jüngere stecken sich derzeit an

Appelle für Masken

Doch die Regierung blieb auch zuletzt dabei: In Zügen, Geschäften und Kinos sind Mund-Nasen-Bedeckungen von Montag an nicht mehr vorgeschrieben, und selbst Nachtclubs dürfen wieder ohne Abstandsregeln oder zahlenmäßige Beschränkungen öffnen. Veranstaltungsbetriebe sowie Transportunternehmen haben bereits angekündigt, im Einklang mit der Gesetzeslage fortan nicht mehr auf das Maskentragen zu bestehen. Nur in den öffentlichen Verkehrsmitteln in London bleibt die Maskenpflicht aufrecht, gab der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan vor einigen Tagen bekannt.

Mehrere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler richteten am Wochenende noch dramatische Appelle an die Bevölkerung, zumindest an stark frequentierten Orten weiter Masken zu tragen.