Anton Faistenberger, Fischer am Bergbach
2021 RGS/Ghezzi
Schau in Salzburg

Das Vorspiel zur Klimadebatte

Ein direktes Verhältnis zur Natur, das wir heute durch Faktoren wie die Klimakrise gestört sehen, ist in der Geschichte kein Selbstverständnis. Ausgerechnet eine Kunstschau zeigt sehr eindrücklich, wie lange man etwa in unseren Breitengraden gebraucht hat, um zur Natur ein achtsames Verhältnis aufzubauen. Auch eines, das ohne Furcht war. „Natur wird Bild“ heißt eine eindrucksvolle Schau in der Salzburger Residenzgalerie, die sich eigentlich dem Bild der Barocklandschaft widmet. Doch ist es gerade auch eine Schau zur Entwicklung unseres Naturverständnisses.

An der nicht zuletzt politischen geführten Klimadebatte kommt man in diesen Tagen auch nicht im Bereich von Kunst und Kunstfestivals vorbei. Die Eröffnung der Salzburger Festspiele war davon geprägt – und wenn der „Jedermann“ kaum noch im Freien gezeigt werden kann, weil jeden Tag über Salzburg nach strahlendem Sonnenschein ein kurzes Unwetter niedergeht, dann verstärkt sich bei vielen der Eindruck, dass uns eine medial und politisch geführte Debatte auch in unserem Alltag betrifft. Und natürlich drängt sich bei einer Schau von alten Landschaftsbildern ein Vergleich mit der Veränderung der Natur in Zeiten des Klimawandels auf – mehr dazu auch in salzburg.ORF.at.

Wenn man im Salzburger DomQuartier eine neue, sehr beeindruckende Schau über die Auffassung von der Natur im barocken Landschaftsbild präsentiert, dann hat man nicht nur das Naturbild von 1600 bis 1800 im Kopf, sondern denkt wie Kurator Thomas Habersatter über die Wurzeln unserer Naturauffassung nach. Es geht, wenn der Titel „Natur wird Bild“ lautet, nicht weniger um die Frage, welche Vorstellung wir uns von der Natur in der Neuzeit gemacht haben. Erst langsam, etwa im 15. Jahrhundert, wird die äußere Natur zu einem Gegenstand im Bild, der aber doch sehr im Hintergrund verbleibt.

Der Verlust des antiken Naturbildes

„Eigentlich kannte man das Naturbild schon in den alten Villen der Antike, wo man die Wände mit Naturbildern schmückte“, erinnert Habersatter im Gespräch mit ORF.at. Lange aber war die Natur als eigener Gegenstand keine eigene Kategorie, was sich erst mit der venezianischen, vor allem der niederländischen bzw. flämischen Malerei zu ändern begann. „Die Flamen“, sagt Habersatter, „waren eigentlich die Initialzünder, weil die Natur bei ihnen kein Beiwerk mehr war.“ Lange habe es eigentlich gedauert, bis so etwas wie eine für den Betrachter erkennbare Landschaft in den Bildraum getreten sei. Und oft, das machen auch die frühen Exponate dieser zunächst chronologisch und später nach Themengruppen gehängten Schau deutlich, sind es komponierte Ideallandschaften, die, obwohl menschenleer, nicht ohne Spuren menschlichen Zutuns auskommen.

Eindrücke aus „Natur wird Bild“ in der Salzburger Residenz-Galerie
ORF.at
Zwischen Wiese und der Tiefe des Raums, die blau ist, spielt sich auch die Hängung dieser sehr eindrucksvollen Schau im Salzburger DomQuartier ab. Alles beginnt in Sachen Naturauffassung bei den Flamen.

Da steht etwa ein Brunnen im Vordergrund des Waldes bei Renier Meganck, den es im 17. Jahrhundert von Brüssel und Gent ins Wien eines Karl Eusebius von Liechtenstein gezogen habe. Megancks Auffassung der Landschaft sollte typisch für das Bild von der Natur werden, das man sich in dieser Zeit machte: im Vordergrund der dunkle, unheimliche Wald, im Bildhintergrund eine leuchtende Ferne, als würde dort nicht nur die Weite, sondern auch die Erlösung verhandelt. Wer möchte, kann in dem ausgestellten Bild auch in der Tiefe den Salzburger Hausberg, den Untersberg, der in diesen Tagen so etwas wie der Wetterseismograf zu sein scheint, ablesen.

Renier Megancks Landschaft mit Bäumen und Brunnen
Residenzgalerie Salzburg / Detail: ORF.at
Ideallandschaft trifft Realbezüge: Der Berg im Hintergrund bei Renier Meganck könnte der Untersberg, Salzburgs Sainte-Victoire, sein

Landschaften waren sehr lange Ideallandschaften, zusammenkomponiert, als seien sie einem kompositorischen Setzkasten entstanden. Sehr oft wurden diese Ideallandschaften aus einer imaginären Vogelperspektive anvisiert. Dominierend in der Gestaltung des Landschaftsbildes waren die Flamen, die Holländer und ab dem 17. Jahrhundert die Franzosen, die unter dem Eindruck Claude Lorrains die Ideallandschaft mit der größten Sogkraft zu komponieren wussten.

Franz Christoph Janneck, Landschaft
2021 RGS/Ghezzi
Natur als Teil einer Ideallandschaft bei Franz Christoph Janneck in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Die Handschrift von Lorrain

Bei Lorrain werden die Figuren schon mal in ein Gegenlicht gestellt, meist eines des frühen Abends, das den Eindruck der Landschaft komplett verändert. Bis in den Bildvordergrund drängt sich nun das dominante gelbe Licht in den blauen Grund. Meist kommt es von links oben, was der Leserichtung beim Bildaufbau entspricht. Dass das Licht die längste Zeit ein Ideallicht gewesen sei, daran erinnert auch Kurator Habersatter. Viele Figuren müssen auf den Bildern allein schon aus kompositorischen Grund leuchten, obwohl es für dieses Leuchten keinen Vergleich aus einer realen Landschaft gäbe.

Anton Faistenberger, Landschaft nach einem Gewittersturm
Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien
Anton Faistenberger (1663–-1708), Landschaft nach einem Gewittersturm. Wenige Bilder des 17. Jahrhunderts führen die Kraft der Natur so vor wie dieses Bild.

Doch nicht einmal im 18. Jahrhundert, als man nach den großen Kunstdebatten an den Akademien zu einer Aufwertung der Naturauffassung kam, erreicht man so etwas wie ein am Abbildcharakter der Wirklichkeit orientiertes Naturbild. „Die Maler gingen mit ihren Skizzen zurück ins Atelier – und dort komponierten sie näher an der Realität orientiert, aber doch am eigenen Ideal ausgerichtet“, sagt Habersatter.

Genauer Blick auf die Naturkräfte

Auf dem Boden der „österreichischen“ Malerei ist man im 17. und 18. Jahrhundert an den großen Vorbildern orientiert. Zwei Maler brechen in diesen zwei Jahrhunderten aus. Da ist zunächst der Salzburger Anton Faistenberger, der die Natur schon im 17. Jahrhundert zum Träger des Dramas im Bild erklärt. Im Spätwerk führt Faistenberger die Auswirkung der Naturkräfte vor, so als hätte er schon im 17. Jahrhundert eine Ahnung davon, welche Bilder uns in der gegenwärtigen Klimadebatte beschäftigen werden. Seine „Landschaft nach dem Gewittersturm“ steht in der Darstellung der Naturkräfte für die Expertinnen und Experten beinahe einzigartig in der heimischen Barockmalerei da.

Johann Christian Brand, Donaulandschaft
Belvedere, Wien
Johann Christian Brands Blick auf Wien vom Bisamberg ist nicht gerade wegen der Unmittelbarkeit des Naturbildes ein Fingerzeig Richtung Moderne

Ein Bild mit Fingerzeig Richtung Moderne

Johann Christian Brands „Donaulandschaft, vom Bisamberg aus gesehen“ aus dem Jahr 1790 markiert so etwas wie den zeitlichen Endpunkt der Schau. Während sich Brands Kollegen am Vorabend der Romantik gerade in der Bildgestaltung beim Anblick der Natur dem Thema der Gestaltung des Erhabenen widmen (man denke nur an die entsprechende von Immanuel Kant angestoßene Debatte in seiner „Kritik der Urteilskraft“), geht Brand mit dem Skizzenblock vor die Tür und schafft eine Landschaft, die weit über die Zeit des Spätnaturalismus weist – und so etwas wie der Fingerzeig einer modernen Freiluftmalerei ist, die damals schon allein aus technischen Gründen nicht möglich war.

Eindrücke aus „Natur wird Bild“ in der Salzburger Residenz-Galerie
ORF.at
Jacob Philipp Hackerts Wasserfälle bei Tivoli als Sog am Ende der Raumfluchten

Den dramaturgischen Endpunkt der Schau liefert ein Maler aus der Zeit Johann Wolfgang von Goethes. Jacob Philipp Hackerts berühmter Wasserfall bei Tivoli (ebenfalls aus 1790 und aus den Beständen des Belvedere) ist so etwas wie die Ideallandschaft um 1800. In diesem Werk scheinen sich alle Postulate der Klassik zu vereinen: das Ideale, der Schauder, die Erhabenheit. Am Ende der Raumfluchten steht dieses Bild in den eindrucksvollen Barocksälen, die immer noch den Rahmen des Entstehungszeitraumes dieser Bilder mitnehmen.

Die Ausstellung

„Natur wird Bild. Österreichische Barocklandschaften“ ist in der Residenzgalerie in Salzburg von 30.7. bis 31.1.2022 zu sehen.

Haslauer erinnert an verändertes Bild der Natur

„Kunst findet nicht im luftleeren Raum statt“, sagte dann auch Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) zur Frage von ORF.at, wie sehr sich die momentane Klimadebatte in Österreich, die ja auch den Auftakt der Festspiele bildete, mit in den Raum einer solchen Ausstellung trage. Kunst könne immer der Türöffner für eine Debatte sein. „Sie stellt viele Fragen, muss aber keine Antworten geben, und das ist wohl ihr zentraler Auftrag“, so Haslauer, der daran erinnerte, dass die Schau immer noch einen Aspekt von Naturauffassung umreiße, wo der Mensch meinte, man müsse sich „die Natur Untertan machen“. Und auch am Ende der Schau sehe man ja eine Form von Natur vor sich, die wie der bedrohliche Feind vor einem stehe.

Eines der Bilder, Albert Christoph Dies’ „Gewitterlandschaft mit Hohem Staufen“ (1797), hat der Landeshauptmann für die Schau aus seinem Büro im Chiemseehof ein paar Stockwerke weiter umsiedeln lassen. Ein Blitz fährt darin deutlich sichtbar durch den Bildraum.