Taliban-Kämpfer vor dem Flughafen in Kabul
Reuters
US-Regierung

Anschlagsgefahr auf Flughafen Kabul „akut“

Die Hinweise auf mögliche Anschläge auf den Kabuler Flughafen während der Evakuierungsflüge verdichten sich offenbar: Die Warnungen würden „todernst“ genommen, so die US-Regierung. Die Rettungsmission durch US-Streitkräfte soll ohnehin bald enden. Dass die Zeit bis Ende des Monats ausreicht, um noch Tausende Menschen aus Afghanistan in Sicherheit zu bringen, wird stark angezweifelt.

Zuvor hatte es am Sonntag schon Berichte gegeben, die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) könne eine Attacke auf den Flughafen planen, auf dem immer noch Tausende Afghaninnen und Afghanen ausharren, um einen Flug aus dem Land zu erlangen. Nun bestätigte Jake Sullivan, der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, die Warnungen. „Die Bedrohung ist real, sie ist akut, sie ist anhaltend“, so Sullivan zu CNN. „Wir arbeiten intensiv mit unseren Geheimdiensten zusammen, um herauszufinden, woher ein Angriff kommen könnte.“ Man nehme die Warnungen „absolut todernst“. Die radikalislamischen Taliban und der regional aktive Zweig des IS sind verfeindet und haben in der Vergangenheit gegeneinander gekämpft.

Die chaotische Lage auf und vor dem Flughafen selbst entspannte sich laut deutschen Angaben am Sonntag etwas. Nachdem es am Samstag „dramatische“ Zustände in der Menschenmenge vor geschlossenen Toren des Flughafens gegeben habe, sei die Situation nun „relativ entspannt“, sagte der Kommandeur des deutschen Evakuierungseinsatzes, Brigadegeneral Jens Arlt. „Das sind immer nur Momentaufnahmen.“

Am Samstag war es vor dem Flughafen wegen der zwischenzeitlichen Schließung der Zugänge zu chaotischen Szenen in der Menge Tausender Menschen gekommen, die hofften, auf Evakuierungsflüge zu gelangen. Nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums sollen mindestens sieben Menschen im Gedränge vor dem Flughafen ums Leben gekommen sein.

Anschlagsgefahr auf Flughafen Kabul

Tausende Menschen versuchen seit der Machtübernahme durch die Taliban, das Land zu verlassen. Die US-Regierung warnt, dass der Flughafen von Kabul das Ziel eins Anschlags der Terrororganisation IS werden könnte.

Die USA und NATO-Staaten sowie die EU versuchen derzeit, so viele ihrer Staatsbürger sowie afghanische Ortskräfte wie möglich aus dem Land auszufliegen. Viele schaffen es jedoch gar nicht, den Flughafen zu erreichen, weil sie an Checkpoints der Taliban zurückgewiesen werden. Wie die Evakuierung weitergehen soll, wird auf einem Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs der führenden Industrienationen am kommenden Dienstag beraten. Es sei entscheidend, dass die internationale Gemeinschaft zusammenarbeite, um sichere Evakuierungen zu gewährleisten und eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, schrieb der britische Premierminister Boris Johnson am Sonntag.

Reporter Ul Haq berichtet aus Kabul

Der pakistanisch-stämmige freie Journalist Shams Ul Haq ist derzeit in Kabul. Er berichtet über die Machtübernahme durch die Taliban und über die chaotischen Szenen rund um den Flughafen in Kabul.

Ringen um Verlängerung

Die USA wollen Ende des Monats den Abzug ihrer Truppen abschließen, eine Weiterführung ohne die Unterstützung Washingtons scheint nicht wahrscheinlich. Angesichts der hohen Zahl an Menschen, die Afghanistan nun nach der Machtübernahme der militanten Islamisten verlassen wollen, scheint die Frist zu kurz. Die britische Regierung will sich dafür einsetzen, die Rettungsmission zu verlängern. „Vielleicht dürfen die Amerikaner länger bleiben, dann werden sie unsere volle Unterstützung haben, wenn sie das tun“, schrieb der Verteidigungsminister Ben Wallace am Sonntag in einem Gastbeitrag in der „Mail on Sunday“.

Die britische „Times“ hatte bereits am Samstag unter Berufung auf Regierungskreise berichtet, dass London sich in Washington dafür starkmachen will, den Einsatz auszuweiten. US-Präsident Joe Biden wollte sich bisher aber nicht auf eine Verlängerung festlegen.

Bemühungen intensiviert

Zuvor hatte sich bereits die EU bei Washington beschwert, die Frist werde nicht ausreichen. Außenbeauftragter Josep Borrell sagte, rechtzeitig 60.000 Menschen auszufliegen, wie die USA das planten, sei „mathematisch unmöglich“. Auch Borrell forderte eine Verlängerung des Evakuierungseinsatzes des US-Militärs über den August hinaus. „Wenn die Amerikaner am 31. August abziehen, haben die Europäer nicht die militärische Kapazität, den Militärflughafen zu besetzen und zu sichern, und die Taliban werden die Kontrolle übernehmen.“

US-Flugzeug bei Evakuierung in Kabul
Reuters/US Air Force
Die Evakuierungsflüge sollen bald enden. Die USA wollen die Mission bis Ende des Monats abschließen.

Wie viele Amerikaner und afghanische Unterstützer des US-Einsatzes die US-Regierung in Sicherheit bringen muss, ist unklar. Biden sprach zuletzt von etwa 50.000 bis 65.000 Helfern, einschließlich ihrer Familien. Bisher wurden nach Angaben aus US-Regierungskreisen insgesamt mehr als 25.000 Menschen aus Kabul ausgeflogen.

Auch Staaten wie Deutschland und Großbritannien bringen Menschen in Sicherheit, darunter auch einige Österreicher. Die Niederlande kündigten am Sonntag an, ihren Rettungseinsatz in Afghanistan noch einmal zu verstärken. Dafür seien am Sonntag weitere Soldaten nach Kabul aufgebrochen, hieß es.

Die US-Regierung aktivierte am Wochenende in einem seltenen Schritt die zivile Luftreserve und verpflichtete kommerzielle Fluggesellschaften zur Unterstützung. Betroffen von der Anordnung seien insgesamt 18 Flugzeuge von sechs US-Airlines, so das Pentagon. Diese Maschinen sollten nicht den Flughafen in Kabul ansteuern, sondern für den Weitertransport von Evakuierten aus Zwischenstationen eingesetzt werden. Damit würden Kapazitäten von Militärflugzeugen entlastet, die für die Luftbrücke von und nach Kabul genutzt werden könnten, hieß es.

Humanitäre Hilfe benötigt

Die „ohnehin schon schreckliche Situation“ könnte sich zu einer „absoluten Katastrophe“ entwickeln, warnte unterdessen die Afghanistan-Direktorin des Welternährungsprogramms (WFP), Mary-Ellen McGroarty, in der britischen Sonntagszeitung „The Observer“. Das WFP schätzt, dass von den etwa 38 Millionen Menschen in Afghanistan heute schon 14 Millionen nicht genug zu essen haben. Das Land wird auch von einer schweren Dürre geplagt. Nach Angaben des UNO-Kinderhilfswerks UNICEF benötigen – unabhängig von den politischen Entwicklungen – bereits fast zehn Millionen Mädchen und Buben in Afghanistan humanitäre Hilfe.

US-Flugzeug bei Evakuierung in Kabul
Reuters/US Air Force
Noch immer wollen Tausende aus Afghanistan vor den Taliban flüchten

Ein Großteil der humanitären Hilfsorganisationen will seine Arbeit in dem krisengebeutelten Land jedenfalls fortsetzen. Alle Organisationen der Vereinten Nationen, wie etwa das Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR), wollen nach Informationen der „Welt am Sonntag“ ihre Arbeit in Afghanistan trotz der Machtübernahme der Taliban weiterführen. Nach Angaben des UNO-Informationsbüros in Genf handle es sich dabei um etwa 300 ausländische und rund 3.000 einheimische Mitarbeiter.

Berlin zahlt bleibewilligen Ortskräften Jahresgehalt

Deutschland bemüht sich aber gleichzeitig offenbar darum, bleibewillige Ortskräfte in Afghanistan zu belassen. Die deutsche Entwicklungshilfeagentur GIZ zahlt afghanischen Ortskräften, die das Land nicht verlassen wollen, ein Jahresgehalt im Voraus. Einen entsprechenden „Spiegel“-Bericht bestätigte das Entwicklungsministerium am Sonntag. Es machte aber auch deutlich, dass die afghanischen Mitarbeiter damit nicht zum Bleiben gedrängt werden sollen. Aus rechtlichen Gründen müssten sie zwar im Gegenzug versichern, sich nicht in das Programm für die Rückführung von Ortskräften aufnehmen zu lassen. „Sollten die Ortskräfte aber ihre Meinung ändern, insbesondere wenn sich die Gefährdungslage ändert, dann können sie sich immer noch auf die Ausreiseliste setzen lassen“, sagte ein Ministeriumssprecher.

Der russische Präsident Wladimir Putin kritisierte unterdessen die Bestrebungen westlicher Länder, Flüchtlinge aus Afghanistan in dessen Nachbarländern aufnehmen zu lassen. Russland wolle nicht, dass afghanische Kämpfer als Flüchtlinge getarnt auftauchten, sagte Putin der Agentur Ria Nowosti zufolge. Der Afghanistan-Konflikt betreffe Russlands Sicherheit unmittelbar.

Taliban mit „Arbeitsbeziehungen“ zu USA

Die Taliban warfen den USA vor, für die dramatische Lage auf dem Flughafen verantwortlich zu sein. „Amerika mit all seiner Macht und seinen Möglichkeiten scheitert daran, auf dem Flughafen Ordnung zu schaffen“, sagte der ranghohe Taliban-Vertreter Amir Khan Muttaqi (Mutaki). „Im ganzen Land“ herrschten „Frieden und Ruhe“ – „nur auf dem Flughafen Kabul herrscht Chaos“. Ein Mitglied der Kulturkommission der Taliban, Abdul Kahar Balchi, sagte dem TV-Sender al-Jazeera am Sonntag, man habe eine „Arbeitsbeziehung“ mit den USA bezüglich der Sicherheitsvorkehrungen auf dem Flughafen in Kabul. Die Posten außerhalb des Flughafengeländes seien unter Kontrolle der Islamisten, jene innerhalb kontrollierten die US-Streitkräfte. „Sie stehen in ständigem Kontakt miteinander“, sagte der Sprecher weiter.