US-Präsident Joe Biden
APA/AFP/Andrew Caballero-Reynolds
US-Mission in Afghanistan

„Diskussionen“ über Verlängerung

Die US-Regierung ist nach Angaben von Präsident Joe Biden im Gespräch mit dem Militär über eine mögliche Verlängerung der Evakuierungsmission in Afghanistan über das Monatsende hinaus. „Es gibt Diskussionen zwischen uns und dem Militär über eine Verlängerung“, sagte Biden am Sonntag (Ortszeit) in Washington – die Taliban scheinen davon aber nichts zu halten. Auf dem Flughafen Kabul kam es unterdessen zu einem Feuergefecht.

„Wir hoffen, dass wir nicht verlängern müssen“, sagte Biden am Sonntag im Weißen Haus. Gleichzeitig versprach er, alle ausreisewilligen Amerikanerinnen und Amerikaner nach Hause zu bringen. Die US-Regierung bemühe sich außerdem darum, afghanische Unterstützer des Einsatzes, andere gefährdete Afghaninnen und Afghanen sowie Staatsbürgerinnen und Staatsbürger von Partnerländern außer Landes zu bringen.

Der US-Einsatz sollte ursprünglich am 31. August enden. Allerdings: Sollten andere G-7-Staaten um eine längere Präsenz der US-Truppen auf dem Kabuler Flughafen bitten, werde er antworten, „dass wir sehen werden, was wir tun können“, sagte Biden. Die Staats- und Regierungsspitzen sieben wichtiger Industriestaaten kommen am Dienstag zu einem Onlinesondergipfel zu Afghanistan zusammen.

Auch Großbritanniens Premierminister Boris Johnson will Biden zu einer Verlängerung der Abzugsfrist drängen. Für eine solche Verschiebung werde aber auch das Einverständnis der Taliban benötigt, sagte der britische Minister der Streitkräfte, James Heappey, dem Radiosender LBC. Das sei ungewiss, und deshalb werde Großbritannien zunächst weiter auf den 31. August hinarbeiten.

Die Taliban ließen am Montag wissen, dass sie einer Verschiebung des Abzugs ausländischer Streitkräfte über den 31. August hinaus nicht zustimmen wollen. Bisher habe sich allerdings noch keine westliche Regierung mit einem solchen Anliegen an die Taliban gewandt, sagten zwei Vertreter der Nachrichtenagentur Reuters.

Schüsse auf Flughafen

Auf dem Flughafen gab es indes nach Angaben der deutschen Bundeswehr ein Feuergefecht zwischen afghanischen Sicherheitskräften und unbekannten Angreifern. Dabei sei eine afghanische Sicherheitskraft getötet worden, drei weitere seien verletzt worden. Im weiteren Verlauf des Gefechts seien auch US- und deutsche Streitkräfte beteiligt gewesen. Die Kämpfe ereigneten sich laut „Spiegel“ (Onlineausgabe) gegen 4.15 Uhr (MESZ) am Nordtor der Flughafens.

Reporter Ul Haq berichtet aus Kabul

Der pakistanischstämmige freie Journalist Shams Ul Haq ist derzeit in Kabul. Er berichtet über die Machtübernahme durch die Taliban und über die chaotischen Szenen rund um den Flughafen in Kabul.

Tausende Menschen harren weiterhin auf dem Flughafen und an den Zugängen aus, in der Hoffnung auf einen Flug aus dem Land. Biden sagte, US-Truppen auf dem Flughafen hätten die umliegende Sicherheitszone erweitert. Die Taliban seien dabei „kooperativ“ gewesen.

Nach Angaben des US-Präsidenten hat die Mission Fahrt aufgenommen. Biden sagte, seit dem Beginn der US-Evakuierungsmission am 14. August hätten US-Streitkräfte und ihre Alliierten insgesamt fast 28.000 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Innerhalb von 36 Stunden seien zuletzt rund 11.000 Menschen über die Luftbrücke in Sicherheit gebracht worden. Biden gab aber zu bedenken: „Wir haben noch einen langen Weg vor uns, und es kann noch viel schiefgehen.“

Warnung vor Terroranschlägen

Wie zuvor bereits die US-Regierung warnte auch Biden vor der Gefahr von Anschlägen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) auf dem Flughafen. „Wir wissen, dass Terroristen versuchen könnten, die Situation auszunutzen und unschuldige Afghanen oder amerikanische Truppen anzugreifen“, sagte er.

Anschlagsgefahr auf Flughafen Kabul

Tausende Menschen versuchen seit der Machtübernahme durch die Taliban, das Land zu verlassen. Die US-Regierung warnt, dass der Flughafen von Kabul das Ziel eins Anschlags der Terrororganisation IS werden könnte.

Als „wahrscheinliche Quelle“ eines solchen Angriffs nannte er den regionalen Ableger des IS. Mit jedem Tag der Präsenz seien die US-Truppen und unschuldige Zivilistinnen und Zivilisten auf dem Flughafen dem Risiko eines Anschlags der Terrormiliz ausgesetzt. Die Taliban und der IS sind verfeindet und haben sich in der Vergangenheit bekämpft.

Biden nannte die Szenen in Kabul „herzzerreißend“. Er zeigte sich aber unbeirrt in seiner Überzeugung, dass seine Entscheidung eines vollständigen Truppenabzugs kein Fehler war. „Ich glaube, dass die Geschichte festhalten wird, dass dies die logische, rationale und richtige Entscheidung war.“ Die Rettung Tausender Menschen aus Kabul wäre immer „hart und schmerzvoll“ verlaufen, unabhängig vom Zeitpunkt ihres Beginns. Bidens Regierung wird vorgeworfen, zu spät damit begonnen zu haben.

Die militant-islamistischen Taliban hatten am Sonntag vergangener Woche Kabul erobert und die Macht übernommen. Seitdem fürchten Oppositionelle, Journalistinnen und Journalisten, Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten und auch Ortskräfte, die für westliche Staaten tätig waren, Racheaktionen.

USA: Mehrheit mit Verlauf des Abzugs unzufrieden

Angesichts des Chaos in Afghanistan ist eine große Mehrheit der Amerikaner einer Umfrage zufolge unzufrieden mit dem Verlauf des Truppenabzugs. 74 Prozent der Befragten gaben an, die USA hätten den Rückzug schlecht gehandhabt, wie der Sender CBS am Sonntag (Ortszeit) mitteilte – obwohl 63 Prozent einen Abzug der US-Streitkräfte an sich befürworteten. Auch Bidens Zustimmungswerte nahmen deutlich ab.

Nur noch 50 Prozent zeigten sich zufrieden damit, wie der Präsident sein Amt führt. Im vergangenen Monat waren es noch 58 Prozent, im März sogar 62 Prozent. Fast zwei von drei Befragten glaubten nicht, dass Biden einen klaren Plan hat, was die Evakuierungsmission betrifft. 59 Prozent vertraten die Meinung, dass die USA nicht genug unternähmen, um Afghaninnen und Afghanen zu helfen, die vor den Taliban fliehen wollten.

62 Prozent der Befragten gaben dem Demokraten Biden eine Mitschuld für die Machtübernahme der Taliban – deutlich mehr als seinem republikanischen Vorgänger Donald Trump. 60 Prozent gingen davon aus, dass die Terrorbedrohung für die USA mit der Machtübernahme der Taliban zunehme.