Reges Verkehrsaufkommen bei der Avenue de l’Opera, Paris
Reuters/Charles Platiau
Verkehrspolitik

Paris startet neues Tempo-30-Konzept

Weniger Unfälle, weniger Straßenlärm und mehr Platz für Radfahrer – was gut klingt, wird derzeit in der französischen Hauptstadt Paris kontrovers diskutiert und stößt auch auf Widerstand. Denn der Anlass stellt eine Zäsur in der städtischen Verkehrspolitik dar: Die Metropole wird ab Montag größtenteils zu einer Tempo-30-Zone.

Durch die Regelung soll die Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern erhöht und der Autolärm reduziert werden, wie David Belliard, im Pariser Rathaus zuständig für Umgestaltung des öffentlichen Raums und Mobilität, bei der Bekanntgabe der Pläne sagte. Doch gilt das Tempolimit nicht für alle Bereiche der Stadt: Einige zentrale Boulevards und Achsen der Stadt sind ausgenommen, ebenso der Stadtring Peripherique.

59 Prozent der Pariserinnen und Pariser hätten einer noch umfassenderen Geschwindigkeitsbegrenzung bei einer Umfrage zugestimmt, begründete die Stadtverwaltung den Schritt. 25 Prozent weniger Unfälle, viel weniger Lärm und mehr Raum insbesondere für Fahrräder lauteten die Argumente für den Einschnitt. Auf 60 Prozent der Straßen gelte ohnehin auch schon vor dem Start des neuen Verkehrskonzepts Tempo 30, hieß es.

„Coronapistes“ werden zu fixen Streifen

Die Pariser Oberbürgermeisterin Anne Hidalgo hat Autos und Luftverschmutzung schon länger den Kampf angesagt: Bei schlechter Luft wird der Verkehr deutlich eingeschränkt, Schadstoffplaketten für Autos sind Pflicht. Einige Straßen sind für den Verkehr gesperrt – zum Beispiel das rechte Seine-Ufer –, stattdessen ist dort eine Flaniermeile entstanden. In der Pariser Innenstadt könnte zudem künftig eine verkehrsberuhigte Zone entstehen.

Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo
APA/AFP/Eric Piermont
Die Pariser Bürgermeisterin Hidalgo setzt die Verkehrsoffensive fort

Auf vielen Straßen wird im Moment gebaut, um zusätzliche Fahrspuren für Radfahrer zu schaffen. 52 Kilometer Pop-up-Radwege, die während der Pandemie mit Betonblöcken von den Autospuren abgetrennt wurden – „Coronapistes“ genannt – werden im Moment in dauerhafte Radfahrstreifen umgewandelt. Seit dem Lockdown legten die Pariserinnen und Pariser sieben Prozent ihrer Wege per Rad zurück, vor der Pandemie waren es fünf, heißt es vonseiten der Stadt.

Bewohner in Außenbezirken fühlen sich übergangen

Ohne Kritik bleibt die neue Temporegel freilich nicht: Bei der Umfrage wurden nämlich auch Bewohnerinnen und Bewohner des Großraums Paris befragt, die nicht alle gleich per Metro an ihr Ziel gelangen können. 61 Prozent von ihnen sprachen sich gegen die Maßnahme aus und fühlen sich nun übergangen.

Darüber hinaus zweifelt der Interessenverband der Autofahrer „40 millions d’automobilistes“ den Zweck der Maßnahme an. Innerhalb von Paris gebe es ohnehin wenige Unfälle, und wenn, dann seien meist Radfahrerinnen und Radfahrer betroffen, sagte der Verbandsdelegierte Pierre Chasseray der Zeitung „Le Figaro“. Und der Verkehrslärm werde von den Autoreifen und nicht den Motoren verursacht, weniger Tempo helfe da kaum.

Weitere Kontroversen kündigen sich an

Widerstand droht auch bei weiteren angekündigten Maßnahmen in Paris. So sollen ab Anfang 2022 erstmals auch Inhaberinnen und Inhaber von Motorrädern und Motorrollern Parkgebühren zahlen, E-Motorräder aber ausgenommen. Und Pläne, im Herzen von Paris viele Straßen in Fußgängerzonen zu verwandeln, lassen Kaufleute und Anrainer auf die Barrikaden steigen. Die Pläne seien nun wohl bis 2023 aufgeschoben, schrieb die Zeitung „Le Parisien“ kürzlich.

Hunderte neue Tempo-30-Schilder mussten in Paris nicht für das neue Tempolimit an jede Straßenecke geschraubt werden. An den Einfahrtsstraßen in die Stadt wird einmalig auf die neue großflächig geltende Regelung hingewiesen, das sei ausreichend, befand 2019 der damalige Innenminister. Vorreiter in Sachen Tempolimit ist Paris in Frankreich nicht: Lille und Grenoble senkten vorher bereits das Tempo.