Öl-Bohrplattform im Johan-Sverdrup-Ölfeld
Reuters/Nerijus Adomaitis
Wahl in Norwegen

Klimakrise wühlt Erdölgroßmacht auf

Norwegen ist ein reiches Land mit einem der großzügigsten Sozialsysteme der Welt. Die Grundlage dafür liefert die Ausbeutung von Erdöl und -gas. Das Land gilt als größter Ölproduzent in Westeuropa. Doch die Kritik daran wächst. Die Klimakrise wird bei der Parlamentswahl am Montag eine entscheidende Rolle spielen. Es wird eine richtungsweisende Wahl für Norwegen sein.

Der Anfang August präsentierte Bericht des Weltklimarats (IPCC) über die global zu erwartenden Auswirkungen des Klimawandels ist mitten im Wahlkampf eingeschlagen und sorgt seither für heftige Diskussionen – und für einen Aufschwung der Grünen und der linken Parteien. Eigentlich gilt Norwegen als Unterstützer umweltfreundlicher Lösungen. Der Großteil der Energie stammt aus erneuerbaren Quellen wie Wasser- und Windkraft. Elektroautos prägen das Straßenbild. Oslo zählt zu den umweltfreundlichsten Städten der Welt. Erst im Juli richtete die Regierung einen mit einer Milliarde Euro dotierten Klimafonds ein – für Investitionen in erneuerbare Energien in Asien.

Doch der große Staatsfonds, der den Wohlstand Norwegens begründet, basiert auf den Einnahmen aus der Öl- und Gasproduktion. 160.000 Arbeitsplätze sind in dem Land mit 5,3 Millionen Einwohnern und Einwohnerinnen mit der norwegischen Ölindustrie verbunden. Es ist ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Die Einnahmen aus dem exportierten Öl und Gas fließen in die norwegische Staatskasse und finanzieren den Wohlfahrtsstaat. Dieser Widerspruch führt das Land in eine Zerreißprobe.

Grüne fordern schnelles Aus für Ölindustrie

Ministerpräsidentin Erna Solberg von den Konservativen (Höyre) steht der Regierung seit 2013 vor – mit wechselnden Koalitionspartnern. Auch Solberg weiß, dass Norwegen nicht in alle Ewigkeit am Öl wird festhalten können, aber sie will nichts tun, um einen Ausstieg zu beschleunigen, und nur allmählich auf klimafreundlichere Industrien umsteigen.

Die Grünen (Miljöpartiet De Grönne, MDG) hingegen fordern ein schnelles Aus für die Ausbeutung von Öl und Gas. Bis spätestens 2035 soll es in ihren Vorstellungen keine Ölförderung in Norwegen mehr geben. Das macht sich in den Umfragen und auch bei den Mitgliederzahlen bemerkbar. Diese sind laut einem Bericht der „Financial Times“ („FT“) in wenigen Wochen um ein Drittel gestiegen. Die beiden linken Parteien, die Sozialistischen Venstreparti (SV) und die kommunistische Rote Partei (Rödt) geben sich ebenfalls gegenüber der Ölförderung skeptisch.

Hohe Latte von möglichem Königsmacher

Auch wenn es sich dabei nur um kleine Parteien handelt, könnte durch sie dennoch ein Paradigmenwechsel in Norwegen eingeleitet werden. Die Regierung steht Umfragen zufolge vor einer Abwahl. Es wird damit gerechnet, dass die sozialdemokratische Arbeiterpartei (AP) unter Führung von Jonas Gahr Störe eine Mitte-links-Regierung anführen könnte, berichtete das Magazin „EU Observer“. Zumindest eine der drei Parteien – Grüne, Sozialisten oder Rote Partei – könnte Königsmacher für eine AP-geführte Koalition werden. Sowohl die Grünen als auch die kommunistische Rödt könnten den Umfragen zufolge die Vierprozenthürde für den Einzug in das norwegische Parlament (Stortinget) knacken.

Jonas Gahr Störe und Erna Solberg
Reuters/NTB Scanpix/Vidar Ruud
AP-Chef Gahr Störe (l.) könnte nach der Wahl mit einer Mitte-links-Koalition die Regierung von Solberg (r.) ablösen

Die Latte der Grünen, in eine Regierung einzutreten, ist für Norwegen aber hoch gelegt: Sie wollen sich nur an einer Regierungskoalition beteiligen, die einem sofortigen Stopp der Öl- und Gasförderung zustimmt. „Als der UNO-Bericht (des Weltklimarats, Anm.) herauskam, war das ein Wendepunkt für Norwegen. Es sind jetzt die wichtigsten sieben Tage in der Geschichte Norwegens“, sagte die stellvertretende Vorsitzende der Grünen, Kriss Rokkan Iversen, gegenüber der „FT“. Sie kritisiert den noch stärkeren Fokus auf Öl und Gas inmitten der Klima- und CoV-Krise: „Es ist, als ob dieser Ölnebel unsere Sicht vernebelt und uns daran hindert, einen Kurs für unsere Zukunft einzuschlagen.“

Große Parteien stehen hinter Ölindustrie

Die beiden größten Parteien Norwegens, AP und Hörye, stehen aber hinter der Ölindustrie. Die konservative Öl- und Energieministerin Tina Bru wehrt sich gegen ein finales Datum für den Ausstieg aus der Erdölförderung in Norwegen. Auch die Arbeiterpartei betont, dass sie nicht mit einer Partei in die Regierung gehen würde, die darauf besteht, Erschließung neuer Ölvorkommen und die Ölproduktion zu stoppen. Als Kompromiss nennt Espen Barth Eide, Energiesprecher der Arbeiterpartei, dass man eine Überinvestition in Öl vermeide. Seine Partei könnte auch zustimmen, die umstrittene Exploration in der Barentssee innerhalb des Polarkreises zu beenden.

Mit der Arbeiterpartei würde ein Übergang weg vom Öl aber voraussichtlich schneller gehen als mit einer konservativen Regierung. Auch die norwegische Ökonomin Hilde Bjornland ist überzeugt, dass eine Abkehr vom Öl für Norwegen zwar teuer, aber unvermeidlich sei: „Wir müssen ein gutes Gleichgewicht finden“, sagte sie gegenüber der „FT“.

„Frage des Gefühls und der Identität“

Man müsse sich auf eine Zukunft mit einer weltweit sinkenden Nachfrage vorbereiten und umweltfreundliche Industrien aufbauen, gesteht auch Energieministerin Bru zu, „(..) aber wir werden dieses Ziel nicht erreichen, indem wir unserer Wirtschaft schaden, Arbeitsplätze vernichten und eine Industrie abbauen“, wird sie in der „FT“ zitiert. Ähnlich argumentiert die Arbeiterpartei – „Aussichten auf eine langfristige Ölindustrie untergraben, statt das Angebot zu schließen“ lautet hier die Devise.

Die Grünen sehen das Festhalten der Norweger am Öl als nicht rational an: Es sei vielmehr eine „Frage des Gefühls und der Identität“, meinte die Grünen-Politikerin Iversen. Dieses Gefühl ist es auch, mit dem die Chefin der rechtspopulistischen Fortschrittspartei (FrP), Sylvi Listhaug, frühere Öl- und Energieministerin, für ihre Partei Stimmung machen will. Ende August posierte sie vor einer Ölförderanlage und teilte via Facebook mit, dass nur noch die FrP als „Garant für die Ölarbeiter, für die norwegische Wohlfahrt und unsere wichtigste Industrie“ sei.

Riesiges Ölfeld liefert bis in die 2070er Jahre

Ein schneller Ausstieg Norwegens aus der Ölindustrie scheint nicht in Reichweite zu sein. Landesweit werden pro Tag knapp zwei Mio. Barrel Öl gefördert. Die Ölproduktion wurde mit der Ende 2019/Anfang 2020 gestarteten Ausbeutung auf dem riesigen Johan-Sverdrup-Feld stark angetrieben. Auf diesem Ölfeld liegen 2,7 Milliarden Barrel Öl. Es gilt als das ergiebigste Westeuropas. Die Fördermenge könnte bis in die 2070er Jahre gehalten werden.

Johan-Sverdrup-Ölplattform
APA/AFP/NTB Scanpix/Carina Johansen
Im Johan-Sverdrup-Feld liegen 2,7 Mrd. Barrel Öl

Beim Start vor eineinhalb Jahren sprach Solberg von „Norwegens größtem Industrieprojekt“. Die Grünen kritisierten schon damals einen „Generationenraub“ auf Kosten der Jungen und ein „Ölprojekt, das massiv zur Klimakrise beitragen wird“. Der staatlich dominierte Energiekonzern Equinor, Betreiber des Feldes, rühmt sich, bei der Förderung mit grünem Strom vom Festland statt der sonst üblichen Gasturbinen zu arbeiten. Entsprechend niedriger sind die CO2-Emissionen bei der Förderung. Die – größere Menge – Emissionen, die später bei der Verbrennung des geförderten Öls entstehen, gibt es trotzdem.