„Laborfleisch auf Teller“
AP/Terry Chea
Geld statt Idealismus?

Große Erwartungen an Laborfleisch

Laborfleisch gilt als große Zukunftshoffnung: Es wird als klimafreundlicher und ethisch unbedenklich beworben. Die Erwartungen an das Fleisch aus der Maschine locken viele Investorinnen und Investoren an – auch wenn es noch auf praktisch keinem Teller zu finden ist. Doch so wie die Gentechnik die Landwirtschaft für einige Player zum Riesengeschäft gemacht hat, könnte auch Laborfleisch die Industrie umkrempeln.

In der Debatte über Laborfleisch wird häufig der britische Premier Winston Churchill zitiert, der 1931 über die „Absurdität, ein ganzes Huhn zu züchten, um die Brust oder den Flügel zu verzehren“, geschrieben hat. Fleisch aus dem Labor galt über Jahrzehnte als Zukunftsvision – seit einigen Jahren wirkt es, als wäre Laborfleisch nur noch wenige Hürden vom Supermarktregal entfernt.

Erst vergangenen Dezember wurde künstlich produziertes Fleisch aus tierischen Zellen in Singapur zugelassen – das kalifornische Start-up Eat Just darf dort seither Chicken-Nuggets aus Laborfleisch verkaufen. Der Verkaufsstart wurde als Meilenstein auf der Suche nach einer Alternative zur Viehzucht und Fleischindustrie gefeiert.

Koch verarbeitet Produkt von „SuperMeat“
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Fleisch aus dem Labor eignet sich heute vor allem für Fast-Food-Klassiker – zu momentan noch hohen Preisen

Enorme Finanzspritzen für Unternehmen

Derartigen Schlagzeilen folgen oft Millioneninvestments – erst Ende September kündigte Eat Just an, dass man sich knapp 100 Mio. Dollar (rund 85 Mio. Euro) sichern konnte, zuvor konnte das Unternehmen im Mai 170 Mio. Dollar lukrieren.

Hinter den Investitionen stecken große Namen: Das Emirat Katar ist ebenso involviert wie ein vom verstorbenen Microsoft-Gründer Paul Allen aufgesetzter Fonds. Auch Bill Gates und Richard Branson bekundeten in der Vergangenheit Interesse an Laborfleisch – mittlerweile wurden Milliarden in die Branche gepumpt.

Fleischkonsum wird weiter rasant zunehmen

Klar ist: Der Fleischkonsum wird in den nächsten Jahren weiter zunehmen, die dadurch entstehenden Emissionen belasten das Klima deutlich – und die Herstellung gerät mit der steigenden Weltbevölkerung an ihre Grenzen. Nach UNO-Prognose wird sich die Fleischproduktion bis 2050 verdoppeln. Laborfleisch verspricht eine Antwort auf diese Herausforderungen – und das ganz ohne Tierleid, wenngleich die ethische Komponente umstritten ist.

Bedenken wegen Marktmacht

Viele sähen darin „sauberes Fleisch“, schreibt der „Guardian“ – doch Skeptikerinnen und Skeptiker fürchten vor allem die Marktmacht, die durch die Produktion – und vor allem die Patentierung – entstehen könnte. Seit genverändertes Saatgut – Stichwort Monsanto – als geistiges Eigentum gelte, hätten Großkonzerne in der Landwirtschaft enorm an Macht gewonnen, schreibt das Blatt.

Labor von „New Age Meats“
AP/Terry Chea
Die Fleischindustrie könnte durch die gezüchteten Zellen umgekrempelt werden

In einem „Financial Times“-Kommentar heißt es unterdessen, dass Patente in der Fleischherstellung bisher eine untergeordnete Rolle spielen. Fleisch sei zwar zweifellos „Big Business“, das dem Planeten wohl schade. Doch: „Weltweit gibt es Millionen von Menschen, die Tiere züchten, pflegen, schlachten und verarbeiten, Fleisch transportieren, schlachten und verkaufen, nur arbeiten sie nicht für dasselbe Unternehmen und vor allem haben sie mit ‚Fleisch‘ zu tun, nicht mit ‚Fleisch (TM)‘.“

Bei Laborfleisch könnte das anders aussehen: Die Forschung ist großteils privat finanziert, wie der „Guardian“ schreibt. Förderungen aus öffentlicher Hand halten sich in Grenzen. Wenn es einem Unternehmen gelingen sollte, die Produktion zu skalieren, dann würden davon vor allem Anlegerinnen und Anleger profitieren – nicht die Allgemeinheit, so die Vermutung der britischen Zeitung.

Zahlreiche technische Hürden

Noch steht die Produktion von Laborfleisch aber auch vor technischen Hürden: Die Herstellung in größeren Mengen ist noch Zukunftsmusik. Die Bioreaktoren, in denen das Fleisch hergestellt wird, benötigen viel Platz: Die Zellen für den Markt in Singapur werden in einem 1.200-Liter-Reaktor hergestellt – damit könnten aber nur einige hundert Kilo Fleisch pro Jahr produziert werden, wie das US-Landwirtschaftsblog The Counter schreibt.

Ein geplantes Werk in Katars Hauptstadt Doha soll laut Eat-Just-Gründer Josh Tetrick bis zu fünf Millionen Kilo Fleisch pro Jahr erzeugen können. Im Gespräch mit The Counter sagte Tetrick, dass man dazu 100 Kubikmeter große Bioreaktoren einsetzen müsste – also Reaktoren, die 100.000 Liter fassen. Bisher gilt das als unmöglich.

Ein Teller Nuggets um 17 Dollar

Doch größere Fertigungsmengen werden nötig sein, um den Preis zu drücken. Laut „Guardian“ wird in Singapur eine Portion Chicken-Nuggets um 17 US-Dollar (knapp 15 Euro) verkauft, ein Vielfaches der herkömmlich industriell gefertigten Nuggets. Unklar ist, inwieweit diese Portion dann auch noch vom Hersteller unter Wert verkauft wird – in einem „Guardian“-Artikel bestätigte Tetrick jedenfalls, dass die Produktionskosten den Verkaufspreis übersteigen, ohne Details zu nennen.

„Future Meat Technologies“-Gründer Yaakov Nahmias hält Zellkulturen in die Kamera
Reuters/Ammar Awad
Die Produktion ist mit vielen Hürden verbunden

Und auch wenn der Kilopreis weiter gedrückt werden könnte – laut einer Analyse von Open Philanthropy liegt das absolute Minimum derzeit bei Rund 37 Dollar pro Kilo –, würde man sich bestenfalls preislich auf dem Niveau von teurem Biofleisch bewegen. Doch das Laborfleisch kann derzeit noch nicht etwa als Steak verwendet werden: Der Herstellungsprozess eignet sich am ehesten für industriell gefertigte Produkte wie Chicken-Nuggets und auch für Fleischlaberln, bei denen die Konsistenz letztlich eine untergeordnete Rolle spielen.

Günstiges Chicken-Nugget als schwer erreichbares Ziel

Ausgerechnet an Chicken-Nuggets zeigt sich das Problem des Laborfleischs daher gleich in mehrfacher Hinsicht. Denn die herkömmlichen Nuggets, wie sie in Fast-Food-Restaurants verkauft werden, werden möglichst billig und in enorm großer Menge hergestellt, was sowohl zulasten der Umwelt als auch des Tierwohls geht. Der Absatz ist enorm: Laut „Guardian“ werden allein in den USA wohl über zwei Milliarden Nuggets jährlich konsumiert. Und: Das Geschäft wird vor allem von großen Firmen bestimmt.

Das Laborfleisch bietet auf dem Papier die Antwort darauf, ist also umweltfreundlich und ohne Tierleid entstanden. In der Praxis spielt es aber eben am anderen Ende der Skala: Es kann nur in kleinen Mengen gewonnen werden und ist preislich näher am Premium- als am Massenprodukt, die Zielgruppe wird damit verfehlt.

Auf der Suche nach der Goldgrube

Sollte einer Firma doch der Durchbruch gelingen, könnte damit das Chicken-Nugget erneut zur Goldgrube werden. Im Gegensatz zum unpatentierten Vorbild könnte die Laborfleischvariante dabei Vorrecht einer einzigen Firma werden, heißt es in der „Financial Times“. Es gehe „nicht um Nachhaltigkeit, es geht nicht darum, den Planeten zu retten, es geht nicht einmal um Essen. Es geht um geistiges Eigentum.“

Ob es je dazu kommt, dass die Laborfleischindustrie die Fleischindustrie – zumindest zum Teil – ablöst, ist trotz großer Erwartungen an das Fleisch aus der Maschine ungewiss. Ricardo San Martin von der Universität Berkeley in Kalifornien hat Zweifel, dass der Markt je rentabel wird. „Wenn man tausend Zellen hat, können tausend Dinge schiefgehen“, so San Martin gegenüber dem „Guardian“. „Das ist genau das, was das Silicon Valley liebt. Es ist spektakulär und hochtechnologisch. Aber es gibt reale Hürden bei der Skalierung.“