Plastikflaschen
ORF.at/Roland Winkler
Eine Flasche, viele Leben

Hürdenlauf zum Einwegpfand

Nach jahrelangem Widerstand startet ab 2025 auch in Österreich ein Einwegpfandsystem. Wer dann seine Getränkeflaschen und -dosen im Abfall oder gar in der Natur entsorgt, bekommt das in der Geldbörse zu spüren. Derzeit wird an der Ausgestaltung des Systems gefeilt. Kein einfaches Unterfangen: Einerseits steckt viel Geld dahinter, andererseits gibt es bei der Umsetzung so manche Stolperfalle.

Kalifornien und Dänemark haben eines gemeinsam: Im Gegensatz zu Österreich gibt es dort schon lange Einwegpfandsysteme. Doch deren Erfolg könnte unterschiedlicher nicht sein. Während Dänemark mit glänzenden Rückgabequoten aufwartet, steckt Kalifornien diesbezüglich tief in der Krise. Der Handel muss dort Flaschen nicht zurücknehmen, lange sammelten private Recyclingfirmen sie ein. Doch dann wollte China keinen Abfall mehr importieren – und eine Rücknahmestelle nach der anderen wurde unprofitabel und sperrte zu. Die Kunden bleiben auf den Flaschen sitzen, und diese landen erst wieder im Mülleimer.

Nun sind Dänemark und Kalifornien zwei extreme Beispiele mit sehr unterschiedlichen Ausgangslagen. Sie zeigen aber auch deutlich, dass ein Einwegpfandsystem richtig gestaltet werden muss, damit es gut funktionieren kann. Ist das einmal der Fall, dann gilt es als höchst wirkungsvoll: Während Österreich derzeit eine Sammelquote von rund 70 Prozent erreicht, sind es in den zehn europäischen Ländern mit Einwegpfandsystem weit über 80, teils 90 Prozent. Zu diesem Schluss kam eine noch unter Ex-Umweltministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) beauftragte Studie der Universität für Bodenkultur (BOKU), der Montanuniversität Leoben und des Technischen Büros Hauer.

Ein Pfand, mehr Mehrweg

Weil eine Erhöhung der Plastiksammelquote in Österreich schon allein aufgrund von EU-Regeln dringend notwendig ist, hat man sich im Herbst nach langem Widerstand auf das Einwegpfand für Dosen und Plastikflaschen geeinigt. Auch im Parlament gab es einstimmig grünes Licht für die Maßnahme. Parallel dazu wird verpflichtend das Mehrwegangebot ausgebaut, auch bei Säften, Milch und Wasser.

SUP-Richtlinie

Die Single-Use-Plastic-Richtlinie der EU verpflichtet alle Mitglieder, bis 2029 eine Sammelquote von 90 Prozent bei Plastikflaschen zu erreichen. Österreich liegt derzeit bei rund 70 Prozent.

Starten soll das System allerdings erst 2025. Denn einerseits brauchen die Systemumstellung und der Aufbau von Rückgabeinfrastruktur Zeit, andererseits sind noch zentrale Fragen offen. Darunter auch jene, die Verbraucherinnen und Verbraucher wohl am meisten interessieren – nämlich wie hoch das Pfand sein soll, welche Gebinde es genau umfasst und wo sie überall zurückgegeben werden können.

Die Welt „hinter“ der Rückgabemaschine

Diese Punkte sind heikle Verhandlungsmaterie und hängen eng mit dem System „hinter“ dem Rückgabeautomaten zusammen, in das zahlreiche Akteure involviert sind. Dabei dreht sich alles um die neuen Material- und Geldkreisläufe, die mit einem Einwegpfand entstehen und verwaltet werden müssen, erklären Astrid Allesch und Peter Beigl vom Institut für Abfallwirtschaft der BOKU, gegenüber ORF.at. Auch sie waren an der Studie beteiligt.

Pfandflaschenautomat
Getty Images/iStockphoto/Tutye
Rückgabeautomat statt gelber Sack bzw. Tonne heißt es auch bald in Österreich

In der Praxis, so Allesch und Beigl, wird der Weg von Flaschen und Dosen so aussehen, dass die Getränkeabfüller das Pfand auf die Ware aufschlagen, der Handel sie verkauft, die leeren Gebinde wieder zurücknimmt und das Pfand an Konsumentinnen und Konsumenten retourniert. Die eingesammelten Flaschen und Aludosen sollen als Rezyklat in den richtigen Anteilen dann wieder bei den Abfüllern landen.

Kein „Knicktrick“ mehr

Damit die Flaschen im Pfandsystem verarbeitet werden können, müssen sie in Zukunft wohl „ungequetscht“ zurückgegeben werden.

Allerdings: All das kostet Geld, es braucht Infrastruktur, Personal, Verwaltung, IT und dergleichen. Ziel ist laut den Fachleuten, dass sich das Pfandsystem zu großen Teilen selbst finanziert. Dabei helfen einerseits die Materialerlöse, andererseits aber auch der Pfandschlupf. Er entsteht, wenn Gebinde mit Pfand gekauft, aber nicht zurückgegeben werden. Das Geld bleibt im System – und zwar eine ordentliche Menge.

2,4 Mrd. Gebinde mit reichlich Materialwert

Denn jährlich kommen in Österreich etwa 2,4 Milliarden Plastikflaschen und Getränkedosen in den Umlauf. Würde die Regierung der Empfehlung der Fachleute folgen und ein Pfand von 30 Cent pro Flasche einheben, kommt man laut der bereits erwähnten Studie bei einer hoch angesetzten Sammelquote von 95 Prozent auf Materialerlöse und Pfandschlupf im Gesamtwert von immerhin 59 Mio. Euro.

Kein Wunder also, dass der Pfandschlupf in der Vergangenheit bereits zum Geschäftsmodell wurde. Zu beobachten ist das laut einer Studie des Naturschutzbundes (NABU) etwa in Deutschland, wo die Pfandflaschen nach Rückgabe zum Eigentum des Handels werden. In Österreich wurde das verhindert: Die Abfallwirtschaftsgesetz-Novelle hat festgelegt, dass Materialerlöse und Pfandschlupf im System bleiben müssen.

„System muss fair und transparent sein“

Andere Leitlinien müssen hingegen noch verhandelt werden. Hier haben die Fachleute einen konkreten Appell. Zentral sei, dass das künftige Pfandsystem für Österreich für alle Akteure „fair und transparent“ gestaltet werde, betonen Allesch und Beigl. „Wichtig ist, dass das gesamte Pfandsystem als Non-Profit-Unternehmen aufgebaut wird. Die Abfüller leisten für einen effizienten Systembetrieb einen adäquaten Finanzierungsbeitrag. Die Rücknahmeverpflichteten, etwa der Lebensmitteleinzelhandel, müssen ihren Aufwand für die Erfassung erstattet bekommen“, so Allesch.

Allesch und Beigl plädieren für die Einrichtung einer vermittelnden Instanz, die Geld-, Daten- und Wertflüsse abwickelt. Diese „zentrale Stelle“ sollte für eine faire Verteilung von Geld und Altstoffen sorgen und den Erfolg des Pfandsystems überwachen. Aus dem Ministerium heißt es, dass im Gesetz die Einrichtung eines kosteneffizienten, zentralen Systems zur Abwicklung des Pfands festgelegt sei. Eine „zentrale Stelle“ spiele „daher natürlich eine wichtige Rolle in den aktuellen Gesprächen zur Umsetzung“.

Werben für App-Lösung als Ergänzung

Für ein Pfandsystem auch abseits der Rücknahme durch den Handel setzt sich indes die ARA ein. Dabei soll konkret eine App zum Einsatz kommen, die auch eine Rückgabe von Einweggebinden bei Sammelcontainern oder bei der Ab-Haus-Sammlung ermöglichen soll. Man habe dafür die App „digi-Cycle“ entwickelt und in der steirischen Gemeinde Gnas erprobt. Mit dieser könne man „einen eindeutigen QR-Code auf der Verpackung scannen, diese digital nachweisbar bei öffentlichen Sammelstellen oder zu Hause im Gelben Sack entsorgen und dabei Prämien kassieren“, so Projektleiter Felix Badura. So ließe sich auch der Handel entlasten. Es brauche eine „eine multimodale Strategie“.

Erste Förderpläne stehen

Zur Finanzierung und Förderung des Systems gibt es seit dem Jahreswechsel schon erste Details. Laut dem Umweltministerium sollen 110 Mio. Euro in den Aufbau des Pfand- und Mehrwegsystems gesteckt werden. Gefördert werden etwa der Bau von Abfüll- und Waschanlagen für Mehrwegflaschen, aber auch die Anschaffung von Rückgabeautomaten für PET-Flaschen und Metalldosen im Lebensmitteleinzelhandel. Hier soll die Größe des Unternehmens eine wesentliche Rolle spielen – Kleinstunternehmen sollen bis zu 100 Prozent ersetzt bekommen.

Ob das den Handelsvertretern reicht, wird sich weisen. Der Handelsverband etwa hatte zuletzt Unterstützung nicht nur bei den Rückgabeautomaten, sondern auch bei den laufenden Kosten gefordert. Vor allem kleine Betriebe könnten unter den Mehrbelastungen eines Pfandsystems ächzen, denn es brauche zusätzliches Personal und Platz.

Immerhin müssen die Einweggebinde, die nicht im Automaten zurückgegeben wurden, künftig wohl „ungequetscht“ irgendwo zwischengelagert werden. Und auch Rücknahmeautomaten nehmen Platz weg. Eine Option wäre es demnach, kleine Händler von der Rücknahmepflicht auszunehmen. Das könnte allerdings die Rückgabequoten bremsen. Und eine andere Befürchtung würde wohl schlagend – nämlich dass die Kundschaft vorzugsweise größere Geschäfte aufsuchen könnte, bei denen man Flaschen auch definitiv zurückgeben kann.

Vorbild im Norden

Auch bei diesem Problem könnte es sich auszahlen, den Blick nach Dänemark schweifen zu lassen. Dort gibt es in rund 3.000 Geschäften Rücknahmeautomaten, zudem existieren in den größeren Städten Container und Gebäude namens Pantstations, die ausschließlich der Rücknahme von Pfandflaschen dienen. Aber auch kleine Händler ohne Automat nehmen die Flaschen zurück.

Das funktioniert dank eines effizienten Abholsystems gut. Die Non-Profit-Stelle Dansk Retursystem sammelt die Flaschen mit einem eigenen Fuhrpark ein, der von Rücknahmestellen mittlerweile sogar per App angefordert werden kann. Die Stelle veranlasst anschließend, dass Flaschen und Dosen sortiert und schließlich recycelt werden. Dass das System „geschmiert“ läuft, zeigt sich an den Zahlen: Im Vorjahr wurden fast 1,4 Milliarden Flaschen zurückgegeben, die Sammelquote liegt bei 92 Prozent.