Ein Mitarbeiter in Schutzkleidung bedient in einer Halbleiterfabrik eine Maschine
Reuters/Michael Dalder
Chronischer Engpass

Zweites Leben für Chipmaschinen

Mikrochips sind seit Monaten Mangelware, alle möglichen Industriezweige kämpfen deshalb mit Problemen. Ein Grund ist der starke Wirtschaftsaufschwung nach diversen Lockdowns, ein weiterer, dass Hersteller auf Quasimonopolen sitzen. Begehrtes Gut sind aber auch Anlagen zur Produktion von Halbleitern, wobei es nicht immer die allerneuesten sein müssen. Viele werden zu einem zweiten Leben erweckt.

Bisher kommen die meisten Microchips aus Asien, gefolgt von den USA. Nicht viele Produzenten sind so bekannt wie der US-Konzern Intel oder Samsung aus Südkorea, weltweit größter Auftragsproduzent mit US-Kunden wie etwa Apple und Advanced Micro Device (AMD), selbst ein Hersteller von Halbleitern, ist die Taiwan Semiconductor Manufacturing Co. (TSMC).

Aber, so hieß es zuletzt im „Wall Street Journal“, nicht alle Chips müssten mit der innovativsten Technologie hergestellt werden, manchmal geht es auch etwas simpler, soweit man dabei überhaupt von „simpel“ sprechen kann. Es gebe aktuell einen regelrechten Run auf ältere Anlagen, die immer noch Chips am Fließband ausspucken könnten. Was sei folglich „noch schwieriger zu finden als Chips? Die Anlagen, die sie herstellen.“

Begehrte und teure „Antiquitäten“

Diese seien zu „teuren Antiquitäten unfassbar mechanischer Komplexität“ geworden, nachgefragt aus allen möglichen Teilen der industrialisierten Welt, der Preis ist laut der britischen Wirtschaftszeitung nicht das Problem. Die Nachfrage übersteige das Angebot derart, dass es kaum noch möglich sei, solche Secondhand-„Maschinen“ zu bekommen.

Ein Mann betrachtet einen Wafer-Chip auf einer Halbleiter-Expo
AP/Imaginechina/Long Wei
Es geht darum, möglichst klein und möglichst leistungsfähig zu sein

Ein Geschäftsmann, der seit vielen Jahren mit gebrauchten Anlagen handelt und den die „Financial Times“ zu Wort kommen ließ, ist Stephen Howe. „Antiquitäten“, wie die britische Zeitung sie mehrfach nannte, sind diese freilich keine, aber mindestens zehn Jahre alt, von Unternehmen wie Intel, Samsung und TSMC längst ausgemustert. Aber: „Sie könnten noch viel älter sein.“

Nicht alles ist neueste Technologie

Der „große Chipmangel von 2020 und 2021“ hat unterschiedlichste Lieferketten unterbrochen, angefangen bei Smartphones über Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräten bis hin zu Fahrzeugen. Und laut „vielen Analysten und Halbleiterherstellern, auch Howe“, sei neben der starken Nachfrage eben auch der Mangel an gebrauchten Anlagen „ein Grund dafür, dass der Chipengpass so akut“ geworden sei, schrieb die britische Tageszeitung.

Firmenzentrale des Semiconductor Herstellers TSMC in Hsinchu, Taiwan
APA/AFP/Sam Yeh
TSMC aus Taiwan gibt den Ton an

Man assoziiere Mikrochips zwar gemeinhin „mit der neuesten und großartigsten Technologie“, tatsächlich aber würden die meisten davon, die irgendwo verbaut sind, mit älteren Produktionsprozessen hergestellt. Niemand könne eine exakte Zahl nennen, Howe, Eigentümer von SDI Fabsurplus, setzt seine Schätzung bei rund einem Drittel an. Sein Unternehmen bezeichnet sich als „Marktplatz“ für gebrauchte Anlagenteile zur Herstellung von Mikrochips, aber etwa auch Solarzellen. Gegründet 1998, nennt es unter anderem Sony, IBM und Infineon als Kunden. Der Hauptsitz befindet sich in Italien, Niederlassungen bzw. Händler gibt es in den USA, Japan und Großbritannien.

Lockdowns und schneller Wiederaufschwung

Die Hälfte des Umsatzes der Chipindustrie weltweit werde mit älteren Produktionsanlagen erzielt, so die Einschätzung von Wayna Lam, Forschungsleiter bei CCS Insight, einem Beratungsunternehmen mit Sitz in London. Allerdings seien diese Chips nicht die „High-End-Gehirne“ etwa von Smartphones und Laptops, die komplizierter herzustellen und deutlich teurer seien. Jedenfalls hätte ein Engpass bei Halbleitern generell für „Lockdowns“ in der Industrie und gleichermaßen dafür gesorgt, dass Fahrzeugbauer ihre Produktion einstellen mussten und Apple die Nachfrage nach dem neuesten Modell seines iPhones nicht decken konnte.

Auch die Pandemie hat ihren Beitrag geleistet: Es kam zu Produktionsunterbrechungen und Werksschließungen, und zwar generell, nicht nur in der Chipindustrie, einerseits wegen Quarantänemaßnahmen, andererseits wegen Lieferproblemen bei allen möglichen Rohstoffen und Bauteilen. Die „Financial Times“ verwies außerdem auf die parallel dazu steigende Nachfrage nach elektronischen Geräten, sei es für Homeoffice, den Unterricht zu Hause oder zur Unterhaltung. Nach den Lockdowns nahm die Wirtschaft viel schneller und stärker Fahrt auf, als man angenommen hatte. Aber auch das sei „nur ein Teil der Geschichte“.

Statt Boom und Krise nur noch steigende Nachfrage

Der andere liege weiter zurück. Die Halbleiterindustrie habe für Jahre Zyklen von Auf und Ab, „Boom und Krise“ durchlaufen, so Howe gegenüber der Zeitung. Seine Lager hätten sich abwechselnd geleert und dann wieder gefüllt. Seit 2016 allerdings sei die Nachfrage nach neuen und gebrauchten Anlagen ständig gestiegen – auch jene nach weniger hochentwickelten Chips, die größer und weniger leistungsstark sein dürfen als die, die für Prozessoren auf dem Letztstand der Technik hergestellt werden. Auch die seien begehrt und knapp.

Ihre Hersteller, vor allen Quasimonopolisten wie TSMC, hätten mittlerweile eine starke Marktdominanz aufgebaut, „mit enormem Einfluss auf die Weltwirtschaft“, hatte es in einer Analyse des „Wall Street Journal“ im Sommer geheißen. Die Chips aus Taiwan seien praktisch überall, auch wenn das Unternehmen nicht zu den bekanntesten weltweit zählt. Sehr wohl aber zählt TSMC mit einer Marktkapitalisierung von umgerechnet etwa 465 Milliarden Euro und zu den größten Konzernen der Welt.

Marktmacht und politische Implikationen

Die US-Wirtschaftszeitung verwies aber auch auf politische Tangenten der Versorgungskrise. TSMC als größter Auftragsproduzent der Welt, mit laut „Wall Street Journal“ Marktanteilen jenseits der 60 Prozent bei unterschiedlichen Halbleitern, hat seinen Sitz in Taiwan, dem Inselstaat, den China als Teil seines Territoriums sieht und der gegenwärtig Gegenstand ernster Differenzen mit den USA ist. Erst vor wenigen Tagen warnte das Verteidigungsministerium in Taipeh vor einer möglichen Luft- und Seeblockade durch die Volksrepublik.

Die „New York Times“ hatte im Juli über den Wettlauf um die technischen Mittel zur Herstellung der leistungsstärksten Chips geschrieben und diesen einen Angelpunkt in einem „technologischen Kalten Krieg“, gemeint ist der wirtschaftliche und technologische Wettlauf zwischen den USA und China, genannt. Hoffnungen auf eine komplett eigenständige Versorgungskette in der Halbleiterindustrie bezeichnete die Zeitung, selbst für die USA, als unrealistisch.